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Neuer ZDF-Krimi „Helen Dorn“ : Diesmal wollen sie den Richtigen erwischen

Eigenbrötlerin trifft Krawattenträger: Zwischen Helen Dorn (Anna Loos) und Gregor Georgi (Matthias Matschke) gibt es keine Kommissaren-Kumpelei Bild: ZDF/Martin Valentin Menke

Das ZDF schickt eine neue Kommissarin an den Start. Anna Loos spielt „Helen Dorn“. Die macht nicht viele Worte. Und hat einen erstaunlichen Partner.

          Wenn das Zweite frische Samstagskrimis ankündigt und die erste neue Reihe „Helen Dorn“ nennt, denkt man ja gleich: Uh, das klingt ja wirklich mal nach ganz was anderem als „Bella Block“ und „Rosa Roth“. Und fragt ohne Ironie weiter: Wer denkt sich eigentlich immer diese Dreisilber für ZDF-Kommissarinnen aus? Egal. Denn wenn nach einer guten Stunde Fernsehkrimi der Verdächtige gesteht und völlig klar ist: der war‘s, die Geschichte aber trotzdem spannend bleibt, über zwei weitere Wendungen hinaus bis zum Showdown, und wenn das alles präzise und zugleich so niederrheinisch daherkommt, steht fest: Diese Helen Dorn hat Potential.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und das, obwohl die erste Begegnung mit Anna Loos als LKA-Kommissarin in „Das dritte Mädchen“ alles andere als vielversprechend läuft. Da joggt sie durch den Wald, wird von ihrem alten Chef Mattheissen (Stephan Bissmeier) abgepasst, bleibt stehen, muss reden, ihr Leben stülpt sich um, aber nicht die Spur von beschleunigtem Atem. Nicht einmal der größte Kontrollfreak kann so in anaerobem Bereich trainieren, und tatsächlich ist der größte Vorwurf, den man dieser und anderen Figuren machen könnte der, dass sie wohl keine Adrenalinrezeptoren besitzen. Aber das ist Konzept.

          Helen Dorn jedenfalls ist eine Kommissarin mit Vergangenheit. Sie trägt Pferdeschwanz und Polohemd, sie macht nicht viele Worte. Mann? Familie? Fehlanzeige. Jahrelang hat Helen Dorn sich in einem öden Flächenkommissariat verkrochen, nun holt Mattheissen sie zurück. Die Leiche einer Frau wurde am Rhein gefunden, halb entkleidet, mit einem Hammer erschlagen, in Folie gewickelt, verklebt - das ist ganz das Muster des Serienmörders, den Helen Dorn einst suchte, fand und hinter Gitter brachte. Die Zweifel daran, ob sie wirklich den Richtigen erwischt hatte, ließ sie damals das Handtuch werfen. Jetzt fängt alles wieder von vorne an.

          Mord wegen Papierstaus im Drucker

          Allerdings mit einem Anzugträger als Ko-Ermittler an der Seite, der erst einmal fleißig Antipathiepunkte sammelt. Das Publikum kennt Matthias Matschke eher aus dem komischen Fach, als Kriminalhauptkommissar Gregor Georgi ist er weit mehr als der Sidekick mit dem Alliterationsnamen. Georgi ist der ideale Widerpart zur Eigenbrötlerin. Er sieht aus, als habe er den berühmten Stock verschluckt und leide an unheilbarem Unterlippenkrampf, er ist korrekt bis ins Mark. Spätestens der kurze Blick auf seine Familie, den wir mit Helen Dorn erhaschen, verrät jedoch: Dieser Typ muss irgendwie in Ordnung sein. Schießen kann er jedenfalls.

          Wenn die beiden gemeinsam den Fährten des Bösen folgen, wird nicht rumgekumpelt und rumgeflapst, da wird Minimalkonversation am Tatort betrieben und gesiezt. Keine lustigen Sekretärinnen, keine Katzenbilder, keine Explosionen. Ein bisschen hektisches Gehampel am Anfang und zwischendrin, Blut hier und da, sonst sorgen dramaturgische Millimeterarbeit von Regisseur Matti Geschonneck, beredtes Schweigen und kühle Bilder (Kamera: Theo Bierkens) dafür, dass die Spannung steigt.

          Die Geschichte, die sich Drehbuchautor Markus Vattrodt ausgedacht hat, hat ihre Längen. Doch sie zieht. Wir beobachten einen verdächtigen Polizisten, einen dubioser Alten und dessen erwachsenen Sohn (großartig: Alexander Hörbe und Volkmar Kleinerbeide) und den wohl zu Unrecht Verurteilten (Harald Schrott). Als Figuren erzählen sie gerade deshalb viel, weil sie wenig von sich preisgeben. Am Ende verabschiedet sich der Mörder artig von Frau Dorn, Schüsse fallen, Blut klebt an der Wand, ein Wahnsinniger sagt: Mord wegen Papierstaus im Drucker, warum nicht? Dann ist das Spiel aus. Die Kommissarin und ihr Kollege schauen einander an und sind schon wieder still. Hoffentlich nicht allzu lange.

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