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Neuer ZDF-Kommissar : Willkommen in der Unterwelt

Mord im Elbtunnel: Kommissar Danowskis erster Fall führt den Ermittler in den Untergrund Hamburgs. Bild: ZDF und Georges Pauly

Das ZDF stellt einen Kommissar vor, von dem wir gern mehr sähen: In „Danowski – Blutapfel“ lernen die Zuschauer einen Ermittler kennen, dessen „Columbo“-hafter Ermittlungsstil Wiederholungsbedarf hat.

          3 Min.

          Der Film beginnt mit einem furiosen Bilderrätsel. Ein Schuss fällt, dann ein zweiter. Ein Mann wirft sich eine Leiche über die Schulter und trägt sie aus einem Schiffscontainer am Hafen. Eine Frau gibt ihm Kommandos. Die beiden sprechen Englisch. Ein Dritter beobachtet die Szene und flieht. Der Erste setzt ihm nach. Die Verfolgungsjagd endet im Dunkel. Einen Schnitt später massakriert jemand in einer tristen Vorortsiedlung spätabends einen Blutapfelbaum und schneidet sich in den Finger. Am nächsten Morgen wird der Baumbeschneider in seinem Wagen im Elbtunnel erschossen. Auftritt Kommissar Adam Danowski (Milan Peschel).

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit dieser coolen Exposition, exzellent fotografiert von dem Kameramann Martin Farkas, beginnt der Krimi „Danowski – Blutapfel“. Er fordert von Beginn an hohe Aufmerksamkeit und stiftet Verwirrung, die bis zum Ende anhalten wird. Hin und her geht es in der Handlung und der Vorstellung der Figuren. Den zerknautschten Kommissar erleben wir im Gespräch mit seiner Therapeutin, die ihm sagt, er solle all die Eindrücke wahrnehmen, aber nicht an sich heranlassen. Wir erleben ihn mit seiner quirligen Familie und im Gespräch mit Verdächtigen, die er scheinbar Zusammenhangloses fragt.

          Am Tatort und im Büro spielt sich Kollege Knud Behling (Felix Boeser) gerade als neuer Boss auf und leiert eine Mafia-Großfahndung an, die in peinlichem Chaos mündet. Die junge Kommissarin Meta Jurkschat (Emily Cox) hält es indes beim geplanten Zugriff mit angerücktem SEK nicht in der ihr und Danowski zugeordneten Warteposition aus. Danowskis Partner Andreas „Finzi“ Finzel (Andreas Döhler) wiederum liegt in der Entzugsklinik apathisch auf der Pritsche und lässt sich von Danowski betexten.

          Streuobstwiese oder Schmauchspursicherung?

          Wegen andauernder Kopfschmerzen dachte Danowski, er habe einen Tumor im Kopf, dabei ist er nur hypersensibel. „Das bedeutet, dass zu viele Eindrücke ungehindert auf mich einstürmen“, erklärt er seinem Partner Finzi, als der wieder zu sich gekommen ist, „und ich Mühe habe, die zu ordnen und zu verarbeiten. Deswegen bin ich oft mehr gestresst als andere, überfordert. Meine Festplatte läuft heiß. Zu viel Information. Verstehst du? Das System kollabiert.“

          Rätselraten: Adam Danowski (Milan Peschel, links) und seine Kollegin Meta Jurkschat (Emily Cox, rechts) befragen die Nachbarn (Ute Hannig, Sebastian Rudolph) des Opfers.

          Milan Peschel rattert solche Sätze mit einer Beiläufigkeit im Stakkato herunter, dass es die reine Freude ist, den Dialogen, welche die Produzentin Annette Reeker unter ihrem Pseudonym Anna Tebbe ins Drehbuch aufgenommen hat, zu folgen. Sie zeugen von trockenem Witz, mit dem die Figuren ihren Alltag bewältigen, in dem die Bedrohung real, aber nicht fassbar ist, und in dem es an sich so viel zu lachen nicht gibt. Doch bevor es für Danowski an einem weiteren Tag darum geht, Verbrechen aufzuklären, kann es nicht schaden, mit seiner Frau Leslie (Bettina Stucky) und den beiden Töchtern beim Frühstück darüber zu philosophieren, welches das schönste Wort der deutschen Sprache ist: Streuobstwiese, Käsestulle oder Schmauchspursicherung?

          So haben wir Hamburgs Unterwelt noch nicht gesehen

          Ausgedacht hat sich diesen und die anderen Typen der Journalist und Schriftsteller Till Raether. Er hat inzwischen mehrere Krimis mit seinem Kommissar Danowski veröffentlicht und sich mit der Figur, die Milan Peschel daraus gemacht hat, sehr angefreundet, wie man den Produktionsnotizen des ZDF entnehmen kann. Das sollte ein Grund mehr für den Sender sein, darüber nachzudenken, ob es bei dem zunächst nur einen Danowski-Fall, der heute läuft, bleiben soll. Mit der Produzentin und Autorin Annette Reeker, die schon die Nele-Neuhaus-Verfilmungen und die Schwarzwald-Krimis ins Werk gesetzt hat, dem souveränen Regisseur Markus Imboden und der in sämtlichen Rollen überzeugenden Besetzung – Milan Peschel als „Columbo“-hafter Kommissar Danowski vornweg – sollte für den Montagskrimi des ZDF mehr drin sein.

          Verschmerzen lässt sich dabei, dass die Handlung sich doch etwas arg absurd verknotet. Die Befehlsgeberin vom Beginn zum Beispiel sehen wir später wieder, wie sie sich als Vertreterin eines Unternehmens ausgibt, das die Polizei mit Bodycams ausrüstet. In Wahrheit arbeitet Tracy Harris (Isabella Parkinson) aber für die CIA. Und der Tote im Elbtunnel, Oliver Wiebusch (Peter Schneider), war auch nicht, wie seine Nachbarn zunächst sagen, die Seele der Neubausiedlung Fischbeck. Er überwachte sie alle, hielt sie alle unter seiner Fuchtel und hatte offenbar etwas Großes vor.

          Verbindungen hatte er auch zur Szene der „Urban Explorer“, die in Stadt und Land geheimnisvolle und verlassene Orte suchen und rätselhafte Zeichen hinterlassen – was dem Kameramann Martin Farkas die Gelegenheit gibt, eine Unterwelt von Hamburg zu zeigen, die wir so im Fernsehen noch nicht gesehen haben. Davon dürfte es bei Gelegenheit im ZDF gern mehr geben.

          Danowski - Blutapfel, an diesem Montag, 9. Dezember, um 20.15 Uhr im ZDF.

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