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„Tatort“ aus Franken : Denen fällt der Himmel nicht auf den Kopf

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Hier könnte es gewesen sein: Die Ermittler im neuen „Tatort“ aus Franken müssen sich erst einmal orientieren. Bild: BR/Felix Cramer

An den Dialekt muss man sich erst einmal gewöhnen. Der neue BR-„Tatort“ aus Franken erfreut mit sympathischen Ermittlern und einem poetischen Duktus. Doch muss das so brav sein?

          Eine Gruppe schwarz maskierter Kinder tanzt ein maschinenästhetisches Globen-Ballett. Immer wieder klatscht eine der Erdkugeln ins Wasser, doch das schulterfreie Hit-Wunder juckt das nicht die Bohne, denn ganz augenscheinlich sticht sie der Pfeffer der Liebe: „Oooh! Heaven“, flötet uns Belinda Carlisle entgegen, während sie ihrem Partner am Hals hängt, „is a place on earth!“ Wenig Sinn, aber viel Gefühl, das reichte für ein Top-Charts-Musikvideo in den achtziger Jahren (übrigens unter der Regie von Diane Keaton). „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“, weiß nun auch der neue Franken-„Tatort“ des Bayerischen Rundfunks. Und wiederum geht es um mächtige Gefühle.

          Neumodisch will der für Drehbuch und Regie zuständige Max Färberböck („Aimée und Jaguar“) bewusst nicht sein. Alles an dieser Episode wäre auch in den achtziger Jahren möglich gewesen. Außerdem ist der hübsche, ein wenig geleckte Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) so etwas wie die männliche Ausgabe von Belinda Carlisle. Geradezu verliebt ins Leben, tänzelt er durch diesen verträumten, durchweg sonnigen Film: eine schöne Abwechslung zu den sich neuerdings häufenden kaputten Typen in düster-realistisch fotografierten Episoden. Hier dagegen regiert das Emotionale, weshalb man sich ungeniert bei der Musikvideoästhetik bedient hat. In schnulzenuntermalten Zeitlupenbildern etwa sehen wir der Entwicklung einer Liebesgeschichte zu. Zu emotionalen Klängen jagt mehrfach ein Wagen durch die nächtlichen Straßen Nürnbergs, was uns vielleicht sagen will, dass hier jemand seinen Weg verloren hat.

          „Der dodale Oawakill“

          Mit einem Atmo-Overkill geht es los – „der dodale Oawakill“, wie das im Film heißt. Zu süßen Chanson-Takten serviert uns Färberböck satte Bilder wie aus einem Deutschlandwerbefilm: ICE im Sonnenschein; Stadtidylle; grüne Felder; spielende Kinder – bis der Overkill (man ahnte es spätestens bei der durchgeladenen Pistole) tatsächlich jemanden das Leben kostet: Schüsse, Dunkel, Flucht. Das Liebeslied aber läuft unbeirrt weiter. Dieser starke Einstieg bringt uns gleich auf die richtige Spur. Das hier gezeigte Franken, auch wenn man sich einiger Dialektwürze („där Dunnel do“; „bragdisch wie a Fandooom“) und einer guten Portion Nürnberg-Stadtmarketing (Dürer; Kaiserburg; die „untergegangenen Weltunternehmen“ Quelle, Adler, AEG) nicht enthalten wollte, hat mit Bocksbeutel und ausgelutschten Weißwürsten nämlich allenfalls noch metaphorisch zu tun. Ein brodelndes Biotop der Begierden ist dieser Landstrich, da wird gelebt, geliebt und zuzelnd hintergangen, dass es Sternlein regnet.

          Nachfragen: Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel spielen die neuen Komminssare.

          Ein Erlanger Professor war es, den es beim Schäferstündchen im Wald erwischt hat. Den angerückten Spurensicherer Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) erinnert die Totenszene, obwohl die involvierte Frau verschwunden ist, an „so ä erodische Sendung“, der er prompt nachhängt. Die stets ihr Herz auf der Zunge tragende Hauptkommissarin Paula Ringelhahn hat den Erotikstreifen ebenfalls gesehen, aber doch Einwände gegen den Vergleich: „Hier hat es einer ziemlich vermasselt.“

          In diesem Moment trifft „der Neue“ ein, der aus Norddeutschland stammt und sich so oft als Voss vorstellt, dass kein Zuschauer den Namen je wieder vergisst. Seine Nürnberger Kollegin, wunderbar verschmitzt gespielt von Dagmar Manzel, stammt aus dem Osten. Wir haben es also – aus fränkischer Perspektive – mit zwei Außerirdischen zu tun; in außerfränkischer Perspektive handelt es sich um zwei Normalsterbliche, die auf diesem ulkigen Planeten („wo die Hasn Hosn hasn“) gelandet sind: „Ja, was ist denn hier eigentlich los – in Nürnberg?“ Das ist keine schlechte Grundlage für die weitere Entwicklung des humoristischen Regionalaspekts.

          Privat-intime Raketenkopf-Geheimnisse

          Dass umgetopfte Ermittler stets am ersten Tag und noch vor Ankunft ihrer Koffer loslegen müssen, gehört zum guten „Tatort“-Ton. Und so findet auch Voss fix heraus, dass Christian Ranstedt, das Opfer, mit geheimen Raketenkopf-Forschungen für die Nato betraut war. Weil Voss dabei alle geheimdienstlichen Sicherheitsbestimmungen umgangen hat, kassiert er einen ordentlichen Rüffel vom grundsympathischen Polizeipräsidenten Dr.Kaiser (ein gemütsbetonter Stefan Merki). Zwar gäbe geheime Kriegsforschung ein wunderbares Mordmotiv ab, aber doch bleiben Zweifel. Welcher Agent würde die einzige Zeugin entkommen lassen? Schnell zeigt sich, dass Ranstedt auch seine privat-intimen Raketenkopf-Geheimnisse hatte. Seine Witwe Julia (Jenny Schily) ist jedenfalls zu bemitleiden. Überdies scheint die Tat auf verschlungene Weise mit einer verschwundenen Polizeiwaffe zusammenzuhängen. Im Hinblick auf die falschen Fährten und die Zufälle in der Ermittlungsarbeit (hängt da doch plötzlich ein vielsagendes Foto an der Wand) ist bei diesem eher choreographierten als kalkulierten „Tatort“ noch Luft nach oben: Da stürzt – unbekümmert um jede Wahrscheinlichkeit – so manche Erdkugel ins Wasser, was immerhin schön platscht. In Anlehnung an den Musikstil des „Easy Listening“ darf man hier vielleicht von „Easy Watching“ sprechen; alles ist gut und sensibel gespielt, in den besseren Szenen sogar ein wenig poetisch, aber so harmlos unterhaltsam wie Markus Söder im Marilyn-Monroe-Kostüm.

          Das locker und charmant miteinander umgehende, von Nürnberg aus für ganz Franken zuständige Team Ringelhahn (älter, offenherzig) und Voss (jung, einfühlsam) ist nicht nur eine passable Erweiterung des BR-Ermittlerparks, sondern, weil ebenfalls auf Harmonie setzend, eine Herausforderung für die ergrauten Münchner Routiniers Leitmayr und Batic, die fortan nicht zu sehr in den Seilen hängen dürfen, denn die Quotenkonkurrenz innerhalb eines Senders dürfte noch härter ausfallen als der Vergleich mit anderen ARD-Anstalten. Ein klein wenig Irrsinn – schwarz maskierte Kinder, die mit Erdkugeln jonglieren zum Beispiel – bleibt dem eher brav als bravourös startenden Franken-„Tatort“ aber doch zu wünschen.

          Der Tatort: Der Himmel ist ein Platz auf Erden läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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