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Neuer Tatort aus Berlin : Das Team mit dem Koks ist da

  • -Aktualisiert am

Hartes Pflaster Berlin: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) ermitteln im Drogenmilieu. Bild: rbb/Frédéric Batier

Nichts da mit feiernden Spaniern und Kinderwagenrennen in Prenzlauer Berg: Im neuen „Tatort“ aus Berlin wird die Stadt von Wowereits Erbe gereinigt. Stattdessen glänzt der Schmutz der Großstadt.

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          Hauptkommissar Faber, der Dortmunder Haudegen, muss sich vorsehen. Da will ihm jemand in der Top-Checker-Metropole seine Rolle streitig machen: misstrauisch, melancholisch, undurchsichtig und analytisch genial, der harte Knochen mit Um-die-Ecke-Charme. Und das alles macht Mark Waschke alias Kriminalhauptkommissar Robert Karow ziemlich gut, wenngleich er weniger cholerisch als Faber auftritt. Dafür laboriert der neue Berliner Kommissar, bis vor kurzem noch im Drogendezernat tätig, ebenfalls an einem Trauma: Sein Partner wurde ermordet. Ein Überläufer? Oder hatte die Drogenmafia einen Helfer bei der Polizei? War das Karow selbst? Diese Geschichte wird über vier Folgen des grundsanierten Berlin-„Tatorts“ erzählt, eine weitere Parallele also zum Konkurrenten aus Dortmund, an den auch die realistische Ästhetik erinnert, auch wenn sie hier - ein Mädchen wird zerstückelt und ausgeweidet - noch brutaler daherkommt.

          Nur formal ähnlich sind sich indes die Rollen der Kommissarinnen Martina Bönisch (Dortmund) und Nina Rubin (Berlin), auch wenn beide ihre Eheprobleme haben. Doch spielt Meret Becker ihre Figur, die den herablassenden neuen Kollegen zunächst nicht sonderlich mag, sogar belastendes Material gegen ihn sammelt, mit einer so wuchtigen Intensität, dass sich jeder Vergleich verbietet. Dieses Spiel allein hätte ausgereicht. Da wären manche Drehbuchklischees gar nicht nötig gewesen: Die Kommissarin tanzt ab im Ruinen-Club „Cassiopeia“, torkelt ins Dunkel, wird verfolgt, niedergeworfen und hat - es war dann doch der Richtige, ein Kollege - leidenschaftlichen Sex im Biergarten. Nun ja, das wilde Berlin eben.

          Rückkehr ins kaputte Berlin der Achtziger

          Amüsant (aber auch nicht mehr) ist die Idee, einen Teil der Handlung auf dem BER-Gelände spielen zu lassen. Jugendliche Streuner, die sich als Drogenkuriere mit den falschen Leuten eingelassen hatten, verschanzen sich in einem der fertiggestellten, im Dornröschenschlaf dahindämmernden Flughafenhotels. Dass sich die in Lebensgefahr Schwebenden dabei über Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ unterhalten: dieser angestrengte Versuch einer Hipness-Infusion hätte allerdings nicht unbedingt sein müssen.

          Energiegeladen wirkt dagegen die Bildsprache dieses „Tatorts“, der kaum je zur (Schreibtisch-)Ruhe kommt, sondern in atemberaubendem Schnitt-Tempo durch die Stadt rast, meist zur Nachtzeit. Mit der geleckten Latte-macchiato-Szene von Berlin Mitte (Mütter und Laptops) hat das nichts zu tun, auch nur wenig mit dem berüchtigten Party-Buzz, sondern eher schon mit dem „Christiane F.“-Berlin der Achtziger oder mit Alfred Döblins Vision einer Stadtmaschine zwischen Lustprinzip und Todestrieb. Essen wird an obdachlose Jugendliche am „Bahnhof Zoo“ ausgeteilt, Leichenteile finden sich in der Müllsortieranlage, traurige Werbebanner für „Döner 1,50 [Euro]“ flappen ins Bild. Eine unerbittliche Einsamkeit und Verlorenheit liegt über dieser Dunkelstadt, die dennoch pulsiert. Ein Moloch. Willkommen in Babylon.

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