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Neuer „Spreewaldkrimi“ im ZDF : Er spricht zu sich selbst und damit zu uns

Der Einzelgänger: Kommissar Krüger (Christian Redl) redet nun mal nicht gern. Bild: ZDF

Ein Fall von Gier, Eifersucht und Betrug: Zum fünften Mal sind wir mit Kommissar Krüger im Spreewald. Ein bemerkenswerter Krimi, bei dem man zusehen kann, wie der Ermittler denkt. Zwischendrin ein Bier holen sollte man nicht.

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          Kommissar Krüger (Christian Redl), dieser stoische, in sich gekehrte Geselligkeitsverweigerer, den selbst das Osterfeuer kaltlässt, will den Spreewald endgültig verlassen. Dabei ist ihm die melancholisch märchenhaft düstere Landschaft mit ihren zahlreichen Sümpfen und Wasserarmen, die wie ein gigantischer Fluchtraum vor den Zumutungen des Lebens anmutet, wie auf den Leib geschnitten. Aber Krüger sitzt sprichwörtlich auf gepackten Koffern. Seine Zeit im Mikrokosmos Spreewald ist abgelaufen. Denkt er. Plant er. Aber es kommt anders.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Hotel Wotschofska, eine Bilderbuchherberge für Einsamkeitssucher, brennt nieder. Und nieder bedeutet in diesem Fall, dass, als das Feuer endlich gelöscht ist, tatsächlich nur noch eine erbärmliche Ruine in den Himmel ragt. In dieser Ruine findet die Feuerwehr eine Leiche: Tim Engel (Martin Lindow), Immobilienmakler, ungeliebter Bürger, Narziss, gewalttätiger Ehemann der schönen Lisa Engel (hervorragend: Anja Kling). Niemand, der ihm eine Träne hinterherweint. Hat er das Hotel angezündet und ist bei der Tat versehentlich umgekommen? Oder war es doch Karsten Hellstein (Kai Scheve), der Inhaber, ein bärtiger, verzweifelt dreinschauender Mann, der in finanzieller Hinsicht am Boden liegt? Handelt es sich also um einen Versicherungsbetrug?

          Ungewohnte Inszenierungsform

          „Feuerengel“ (Buch: Thomas Kirchner, Regie: Roland Suso Richter) erzählt eine Geschichte über Gier, Hochmut, Neid, Eifersucht und Betrug. Es ist der fünfte Fall, den Kommissar Krüger zu lösen hat, und ebenso wie bei den vergangenen Folgen muss er auch bei diesem die zahlreichen losen Enden, die sich im Laufe der Ermittlungen vor ihm ausbreiten, zusammenfügen. Er tut dies in der ihm eigenen Art absoluter Innerlichkeit. Kommissar Krüger ist kein Mann der großen Worte. Er spricht gewissermaßen zu sich selbst. Und mit zu uns.

          Und damit wären wir beim Trick dieses Krimis, der unsere Sehgewohnheiten - zumindest, was den deutschen Krimi betrifft - herausfordert. Den Knäuel in seinem Kopf versucht Krüger zu entwirren, indem er verschiedene Möglichkeiten des Tathergangs durchspielt. Der Zuschauer vollzieht seine Gedankenexperimente in visualisierter Form. Das hat einen großen Charme, weil damit das mühsame Ausbuchstabieren verschiedener Motiv- und Tatszenarien unter Kollegen wegfällt. Was die Kollegen wiederum freilich wenig freut, die ja nicht in Krügers Kopf hineinschauen können.

          Mehr Schein als Sein

          Wer hier mal eben in die Küche geht, um sich ein Brot zu schmieren, verliert jedenfalls rasch den Anschluss. Und zwar auch deshalb, weil der Film mit etlichen Rückblenden durchsetzt ist. Wir sehen Lisa Engel dabei zu, wie sie ihren Mann Tim küsst. Wir sehen, wie sie kurz darauf dessen Geschäftspartner Vladislav (Roman Knižka) küsst. Wir sehen, wie sie zu dritt einander anfassen. Ein anderes Mal wiederum liegt Lisa Engel mit Karsten Hellstein im Bett. Ein Auge ist blau unterlaufen; ein Haushaltsunfall, sagt sie, aber das ist eine Lüge, und Hellstein, der geradezu besessen ist von der anmutigen Lisa, weiß es.

          „Was heißt schon kennen? Wen kennt man schon?“, sagt Kommissar Krüger in einer Szene. Anders formuliert: Es gibt keine Gewissheiten. Von Logik ganz zu schweigen. Nichts ist, wie es scheint. Und so entfaltet dieser bemerkenswerte Krimi nach und nach seine Wucht, ohne Eile und inmitten einer Landschaft, die so schön und so unheimlich ist, dass es gefährlich wäre, sie und ihre Bewohner zu unterschätzen.

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