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Sarah-Kohr-Thriller im ZDF : Von Kopf bis Fuß auf Hiebe eingestellt

  • -Aktualisiert am

Lektüre gefällig? Sarah Kohr (Lisa Maria Potthoff) will von dem ehemaligen Terroristen Reinhard Selig (Stephan Bissmeier) etwas anderes als Secondhandware. Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Im ZDF begibt sich Sarah Kohr ins „Teufelsmoor“. Dabei begegnet sie einem ehemaligen Terroristen. Doch auch überlegene Kontrahenten können ihr nicht die Stirn bieten. Dieser Dauerpowerfrau entgeht nichts.

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          Never change a winning team. Den Spruch des englischen Fußballtrainers Alfred Ramsey haben sich die Macher der ZDF-Krimireihe „Sarah Kohr“ zu Herzen genommen. Warum auch nicht, schließlich sind die gleichnamige Protagonistin und ihr Anhang eine gut funktionierende Equipe im deutschen Fernsehen. Sie erinnern an Zeiten, als Actionhelden nach einem Schlag auf den Kopf kurz die Nase rümpften und dann alle Gegner zu Brei verarbeiteten.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Fans der Serie dürften mithin keinen Wert auf faire, ausgeglichene und, Gott bewahre, realistische Kämpfe legen. Nein, Sarah Kohr soll amtlich abliefern, was bedeutet: Sie soll dem kriminellen Abschaum weder Vorträge halten noch die Grenzen aufweisen, sondern, man muss es so sagen, die Fresse polieren. Und das tut sie, ohne selbst allzu schwere Blessuren davonzutragen. Bevor es jedoch handgreiflich wird, hat ihr hypersensibler Wahrnehmungsapparat die Lage längst eingeordnet. Gerüche, Bewegungen, Geräusche – nichts entgeht dieser von Lisa Maria Potthoff verkörperten Dauerpowerfrau. Da sie von Kopf bis Fuß auf Hiebe eingestellt ist, können ihr auch deutlich überlegene Kontrahenten nicht die Stirn bieten.

          Gesichtsausdruck zwischen kühl und frostig

          Diesmal wird sie etwa von einem windigen Schmierlappen mit vorgehaltener Waffe bedroht. Was tun? Tritt auf den Arm, Tritt zwischen die Beine, Tritt an den Hals. All das wohlgemerkt mit gefesselten Händen und einem Gesichtsausdruck zwischen kühl und frostig. Die Ausnahme der Pokerface-Regel vollzieht sich gleich zu Beginn der vierten Episode namens „Teufelsmoor“.

          Während Kohr in ihrem ersten Fall „Der letzte Kronzeuge“ (2014) einen Jungen beschützen musste, schießt sie nun auf einen bewaffneten Teenager, der sich als Tankstellenräuber versucht. Er landet auf dem OP-Tisch. Es folgen Schuldgefühle, Wut und Ermittlungsdrang. Bald stellt sich heraus, dass der Jugendliche seine Pistole im Arsenal eines linksradikalen Terror-Trios fand, das vor fünfundzwanzig Jahren aktiv war und einen Soldaten auf dem Gewissen hat. Zwei der Verbrecher sind verschwunden, einer wurde erwischt, hat seine Haftstrafe abgesessen und verkauft inzwischen Bücher.

          Die Rüstkammer der einstigen Revoluzzer liegt in dem von Sümpfen umgebenen Nest Hohenbek, wo die Ermittlerin auf prototypische Dorf-Halunken trifft, die, ebenfalls vor fünfundzwanzig Jahren, plötzlich zu einer großen Menge Geld gekommen sind. Heute mimen sie die verschwiegene Waldschrat-Truppe, was nach den Regeln der Krimikunst nur bedeuten kann, dass sie Wichtiges zu verbergen haben.

          Ihr Anführer Wilhelm Grebe (Armin Rohde) ist der Großvater des Tankstellenräubers, Chef der freiwilligen Feuerwehr, Bürgermeister und eine rundum unangenehme Type. In den vielen Außenszenen parkt Regisseur Marcus O. Rosenmüller seine Figuren wie bei einer Familienaufstellung, wobei besonders Grebe immer wieder heimtückisch Blicke in alle Richtungen wirft.

          Absehbar und gut zu konsumieren

          Nachdem sich Kohr in früheren Folgen unter Apfelzüchtern abgekämpft und am Hamburger Hafen schon im Fadenkreuz eines Snipers befunden hatte, muss sie nun in die morastigen Untiefen einer Droste-Hülshoff-Welt eintauchen, wo Wohnstubenwände noch mit Geweihen gepflastert sind, Moorleichen zum Inventar gehören und aufmüpfige Männer neben der Landstraße vom Baum hängen.

          Da bieten kleine Ausflüge in die Stadt reinste Erholung, und so besucht Kohr den Terroristen Reinhard Selig (Stephan Bissmeier) in seiner Buchhandlung (DKP-Heftchen, Che-Guevara-Poster, Topfpflanzen). Die Dialoge bestätigen wieder einmal, dass man mit Terroristen – ehemalige eingeschlossen – nicht verhandeln sollte: „Ich habe ein paar Fragen“, sagt Kohr. „Aber ich keine Antworten“, entgegnet Selig.

          Mit dem Showdown hat sich Drehbuchautor Timo Berndt ein zünftiges Pyro-Fest inklusive Sturmgewehr und Molotowcocktails ausgedacht, welches in Sachen „explosive Stimmung“ jedoch nicht an das Eifersuchtsfeuerwerk heranreicht, das Kommissarin Anna Mehringer (Stephanie Eidt) zündet, sobald Kohr in der Nähe ist. Zwischen den Damen steht Staatsanwalt Anton Mehringer (Herbert Knaup), dessen dröge Schreibtischmentalität eine Art Komplementärfolie zum Fight-Club-Charakter der Heldin bildet. Sobald es allerdings romantisch wird, verkehrt sich das Verhältnis: Er schmachtet, bei ihr ist Eiszeit. Insofern ist alles wie immer, absehbar und gut zu konsumieren. Alfred Ramsey wusste, wovon er sprach.

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