https://www.faz.net/-gqz-8nr5t

„Polizeiruf 110“ aus München : Wir sollen unseren Augen nicht trauen

  • -Aktualisiert am

Ist Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) verrückt geworden? Bild: Hendrik Heiden

Im neuen „Polizeiruf“ werden sämtliche Register der Verunsicherung gezogen. Der Zuschauer kann sich auf kaum etwas verlassen. Im Zentrum steht Kommissar Meuffels, den ein alter Fall in die Psychokrise treibt.

          2 Min.

          Der Paranoiker sieht überall verdächtige Spuren: Welche geheimen Machenschaften sorgen für die Verbindung zwischen einem spanischen Barocktheaterstück aus dem 17. Jahrhundert und einem Film von Francis Ford Coppola von 1974? Wer hat die Lunte zum „Polizeiruf 110“ des BR gelegt, Hanns von Meuffels’ (Matthias Brandt) zwölftem Fall? Einbilden kann man sich alles Mögliche, das meiste dürfte harmlos sein. Es sei denn, man geht von der grundsätzlichen Vertauschung von Wirklichkeit und Wahn aus, wie es die Spielgrundlage in Pedro Calderóns „Das Leben ein Traum“ gebietet.

          Dort wird dem Sohn des Königs die Wirklichkeit als Traum verkauft, sein Traum dagegen als die Wirklichkeit. In Coppolas Film „Der Dialog“ wird aus Prinz Sigismund der Abhörspezialist Harry Caul (Gene Hackman). Caul ist ein Einzelgänger und bald Ausgestoßener, als er den Gründen eines Auftrags nachspürt. Ist er misstrauisch oder paranoid? Seine Wohnung, mit Schlössern gesichert, hält er für verwanzt. Er beobachtet einen Mord, der sich abspielt, wie er es vorher geträumt hat. Das Leben ein Traum? Der Traum das Leben?

          Alle wirken verdächtig unverdächtig

          Hermine Huntgeburth, Regisseurin dieses „Polizeirufs“, mit dem stets nur das Nötigste preisgebenden Hanns von Meuffels, zieht die Verbindung zu „Der Dialog“ im Begleittext selbst. Filmhistorisch Interessierte - und Verschwörungstheoretiker - werden Ähnlichkeiten finden. Um Zitate aber geht es weniger. Huntgeburth spielt mit der Beklemmung eines Ermittlers, der einer Verschwörung auf die Spur kommt, die erst eine Frau das Leben kostet und dann seine Psyche angreift. Das Drehbuch von Holger Karsten Schmidt und Volker Einrauch nach einer Idee von Ulrich Limmer zieht alle Register der Verunsicherung. Direkt, indem der Kommissar durch verborgene Mächte in eine Panikeskalation getrieben wird. Indirekt, indem wir laufend Hinweise bekommen, deren Zuschreibung zurückgezogen wird. Wir sollen unseren eigenen Augen nicht trauen.

          Matthias Brandt treibt seine Figur in der Psychokrise bis in die geschlossene Abteilung. Auslöser der Krise ist ein alter Fall: Julia Wendt (Judith Engel) hatte ihren Mann angezündet. Vor Gericht fiel sie durch sonderbare Einlassungen auf: Man wolle sie kaltstellen, weil sie durch ihren Mann eine Liste mit ranghohen Steuerhinterziehern erhalten habe. Finanzbeamte waren der Sache ergebnislos nachgegangen. Meuffels hatte nach Faktenlage ausgesagt. Nach Jahren in der Psychiatrie ist Julia Wendt vorerst entlassen. Sie wendet sich an Meuffels, der wimmelt sie ab. Vor seinen Augen wird sie überfahren. Da überprüft der Polizist alte Gewissheiten und - macht sich verdächtig: Erst sorgt sich sein Vorgesetzter Alexander Beck (Ulrich Noethen) um seine Motive, dann schaltet sich das LKA in Gestalt des vierschrötigen Matthias Dell (Oliver Masucci) ein. Meuffels findet Indizien zuhauf. Alle Beteiligten, selbst der Richter Hansjörg Jahn (Thomas Schmauser) gehören demselben Tennisverein an. Alle wirken verdächtig unverdächtig. Oder spinnt Meuffels? Der neue Kollege, Frank Jarmer (Niels Bormann), merkt ja auch nichts.

          „Cui bono?“ ist die Frage, die von Meuffels als Hebel wählt, um die erzeugte (Schein-)Wirklichkeit als für ihn persönlich kreierten Wahn zu entdecken. Hermine Huntgeburth, ihren Autoren und den herausragenden Darstellern Matthias Brandt und Ulrich Noethen glückt mit „Sumpfgebiete“ ein bemerkenswertes Psychogramm samt Kommentar zum „postfaktischen“ Zeitalter.

          Weitere Themen

          Mit immer neuen Waffen

          Das Phänomen Krieg : Mit immer neuen Waffen

          Die Faszination für Gewalt besteht auch in Friedenszeiten: Die Historikerin Margaret MacMillan beschäftigt sich mit der Bedeutung des Kriegs für die Menschheitsgeschichte.

          Wenn nur die Frauen überleben

          Serie „Y: The Last Man“ : Wenn nur die Frauen überleben

          Die Serie „Y: The Last Man“ beruht auf einem legendären Comic: Eine Seuche rafft alle Männer dahin, nur einer überlebt. Wie gestaltet sich die Welt, allein unter Frauen? Ist das die endgültige MeToo-Serie?

          Topmeldungen

          Polizisten am Frankfurter Mainufer.

          Was zu tun ist : Den Bürger nicht allein lassen

          Der Rechtsstaat sollte konsequent sein: ohne Sicherheit keine Freiheit. Das gilt auch bei der Einwanderungspolitik – die lange von naiven Vorstellungen geleitet wurde.

          Zukunft der Schule : „Wir sind total festgefahren“

          Dario Schramm ist die Stimme der Schüler in Deutschland. Ein Gespräch darüber, wo es an deutschen Schulen hakt und warum soziale Kompetenzen im Unterricht wieder mehr im Vordergrund stehen sollten.
          Besucher in der Temple Bar in Dublin im Juli

          Corona in Irland : Impfen für den Pubbesuch

          Die Iren haben die höchste Impfquote der EU. Widerstand gegen die Impfungen gibt es kaum. Liegt das an ihrer Liebe zum Feiern? Ein Ortsbesuch in Dublin.
          Sitzung des UN-Sicherheitsrats am 16. August 2021

          EU-Sitz im Sicherheitsrat : Ein Vorstoß in der „Logik Macrons“?

          Ungewöhnlich schnell dementiert Paris die Meldung, Frankreich sei bereit, seinen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu teilen. Einzelne glauben jedoch, die Änderung würde zum Präsidenten passen. Auch in Berlin gibt es Sympathien für die Idee

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.