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Netflix-Film „Bright“ : Kollege Ork kommt gleich

Ist hier jemand etwas blass um die Nase? Will Smith und Joel Edgerton spielen ein etwas anderes Polizeiteam. Bild: Netflix

Flüchten, fluchen, ballern: In dem finsteren Fantasy-Film „Bright“ muss sich Will Smith als Polizist auf einen phantastischen Partner einstellen. Neunzig Millionen Dollar hat sich Netflix den Spaß kosten lassen: Blockbuster-TV.

          Daryl Ward, der hartgesottene Polizist vom Los Angeles Police Departement, gespielt von einem sichtlich gereiften Will Smith, kann seinen Partner nicht leiden. Sein Partner ist ein Ork – der erste seiner Art beim LAPD. Das soll uns wohl zeigen: Geschichte wiederholt sich, Rollen wechseln.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Orks, wir erinnern uns dunkel, sind im Genre der Hochfantasy, für die Bücher wie Tolkiens „Herr der Ringe“ als ewige Grundpfeiler stehen, finsterwütige Hünen. Ihre Hautfarbe reicht von Schwarz bis Grün, ihre Eckzähne ragen prominent aus dem Unterkiefer über die Oberlippe. Orks soll man nicht reizen, sie sind als Berserker gefürchtet. Lässt man sie in ihren Clans mitsamt ihren barbarischen Ritualen in Ruhe, sind sie genügsam. Oft werden sie durch eine in Sachen Zivilisation und Böswilligkeit fortgeschrittene Macht korrumpiert.

          Die Handlung des Films ist überschaubar. David Ayer führt bei der Netflix-Produktion Regie. Er legte schon bei seinem Actionfilm „Suicide Squad“ mehr Wert auf Zutaten, denn auf die Erzählung: Ward, ein alter Haudegen, wird mit dem Polizeianwärter und Ork Nick Jakoby (Joel Edgerton) zusammengesteckt. Ward traut Nick nicht. Der sucht nur einen Freund. Sie finden einen mächtigen Zauberstab („eine Atombombe, die Wünsche erfüllt“), der nur von magisch begabten Wesen, den „Brights“, beherrscht werden kann. Menschen werden bei Berührung zu Staub. Die Elfe Tikka (Lucy Fry) ist so ein zauberhelles Wesen und gibt den Stab daher nur ungern aus der Hand. Haben wollen ihn alle: Wards gierige Kollegen vom LAPD, eine schießwütige Latino-Straßengang, der Elf von der „Magic-Taskforce“ des FBI und die ursprüngliche Besitzerin, die mörderische Elfe Leilah (Noomi Rapace).

          Spitzohr mit dem Humor eines Ringgeistes: Die mörderische Elfe Leilah (Noomi Rapace) vermisst zwar keinen Handschmuck, dafür aber ihren Zauberstab.

          Zur Geschichte der Orks, wie überhaupt aller hier vertretenen Fantasy-Rassen, erfahren wir nicht viel. Es hat sie immer schon gegeben. Nur schlugen sich die Orks einst auf die falsche Seite, die eines dunklen Herrschers. Der heißt dann auch einfach so. Besiegt wurden sie durch eine „Armee der neun Rassen“ und – durch Magie.

          Im Slang des Rollenspiels „Shadowrun“ hätte man dazu lässig „Juju“ gesagt. Der Drehbuchautor von „Bright“, Max Landis, bedient sich großzügig am Setting des Rollenspiels aus dem Jahr 1989, bei dem Menschen sich Charaktere ausdenken und nächtelang aberwitzige Abenteuer durchstehen. Bei „Shadowrun“ trifft die Welt des späten 21. Jahrhunderts auf Magie und die durch sie „erwachten Rassen“: Orks, Elfen, Trolle und Zwerge. Die Konflikte, die dadurch entstehen, sind für die Erzählwelten von „Shadowrun“ entscheidend.

          Auch Elfen können helfen: Édgar Ramírez als Kandomere von der „Abteilung für Magie“ des FBI.

          Genauso verhält es sich in „Bright“. Hier wird die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in Amerika im Hau-Ruck-Verfahren auf die Orks projiziert. Sie tragen weite Klamotten, hören aber Death-Metall statt Hip Hop. Für den alltäglichen Rassismus in einem Los Angeles, in dem Orks sich in Straßengangs organisieren und die Elfen ihren eigenen Stadtteil („Elven-District – Elves only“) mit vergoldeten Leitplanken haben, interessiert sich der Film nur zu Beginn. Da wird der Neuling Jakoby von Kollegen beschimpft, schikaniert und ausgelacht und antwortet trotzdem tapfer mit „passt auf euch auf Jungs“. Das ist schon fast rührend für einen Film, der eigentlich düster und hart sein will. Bloß keine Anlehnung an „Men in Black“! Doch die Frage, was uns die Verlagerung der Diskriminierung von Schwarz auf Ork sonst noch sagen soll, geht bald in Männergesprächen, Schießereien und Verfolgungsjagden unter.

          Der Film hat auch elegische Momente. Beispielsweise wenn der gepanzerte Polizeiwagen der beiden zum kolossalen Hip-Hop-Soundtrack, gefilmt aus der Drohnenperspektive, durch Los Angeles gleitet. Er hat eine bittere Komik, die sich vornehmlich aus bissigen Dialogen und Anspielungen speist. „Fahr nach Hause zu Prinzessin Fiona“, pflaumt Ward einen Ork an. Gemeint ist die Freundin einer berühmten Animationsfigur, des Ogers Shrek. An anderer Stelle taucht ein Schamane auf, der verdächtig an die Computerspiel-Reihe „Warcraft“ erinnert. Es hätte noch vieler solcher Pointen geben können, sie halten sich in Maßen.

          „Wir sollten uns damit begnügen, unsere Zeit darauf zu verwenden, zu überleben,“ sagt der Polizist Ward. Diese Ansage gilt leider für den gesamten restlichen Film. Das Drehbuch hat die Finesse eines orkschen Sturmangriffs. Nur dass Elfen hier zum Teil als kahlrasierte Pressbären im Anzug auftreten, die einen Ork mit bloßen Händen töten können.

          Doch es bleibt ein großes Schattentheater. Die Kamera von Roman Vasyanov hält stets Distanz zu den Figuren. Gesichter bleiben im Halbdunkel, als wäre es das letzte Kapitel von „Apocalypse Now“. Von Schauspielerei ist also über die gesamten 157 Männer-Minuten nicht viel zu sehen. Bewegung und Effekt sind Trumpf. Neunzig Millionen Dollar hat sich Netflix diesen Testballon kosten lassen, um zu sehen, ob sich dieses Genre für den Streamingdienst lohnt. Trotz der Plumpheit wünscht man sich eine Fortsetzung, die mehr aus dieser Welt von Menschen und Orks und all den anderen Fabelwesen erzählt. „Ey Nick“, sagt Ward am Ende: „fuck magic!“ Der aber sagt: „Nein, ich finde es immer noch irgendwie cool.“ Da steckt noch so viel mehr drin.

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