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Neue Zürcher Zeitung : Die taumelnde Tante

Eine derart prekäre Situation wie im Moment hat die Neue Zürcher Zeitung seit 250 Jahren nicht erlebt. Bild: Picture-Alliance

Die Neue Zürcher Zeitung hat ihren Chefredakteur Markus Spillmann entlassen. Der designierte Nachfolger kommt nicht. Der Kulturkampf um die „alte Tante“ geht weiter und greift über auf die gesamte Schweiz.

          3 Min.

          „Die NZZ taumelt“, stellt Klaus J. Stöhlker, der Pionier der Politik-Berater in der Schweiz, fest. Knall auf Fall hat die „Neue Zürcher Zeitung“ die Schließung ihrer Druckerei und die Trennung von ihrem Chefredakteur Markus Spillmann bekannt gegeben. Einen vergleichbaren Vorgang hat es in der bald 250 Jahre langen Geschichte der Zeitung, die vor ein paar Jahrzehnten noch dreimal täglich erschien, nicht gegeben. Sie ist das Welt- und Amtsblatt der Schweiz. Und sie war der Leuchtturm des eidgenössischen Liberalismus.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Hatte sich Spillmann einer Verschärfung des Sparkurses verweigert? Wehrte er sich gegen eine teilweise Entmachtung? Wurden ihm die unsägliche öffentliche Rüge seiner amerikanischen Wirtschaftskorrespondentin und der Redaktion zum Verhängnis? Er kritisierte seine Mitarbeiterin unter dem Druck der sozialen Netzwerke, in denen er sich auch mit seiner eigenen Selbstdarstellung verhedderte.

          Erst Moskau, dann Brüssel

          In der Hommage zu seinem Abgang würdigte der Verwaltungsrats-Präsident Etienne Jornod Spillmanns Pionierdienste im Internet und seine Meinungsstärke. Eleganter könnte man dessen Defizite kaum umschreiben. Der Journalist Christof Moser hatte auf Twitter als erster die Nachricht von der bevorstehenden Absetzung Spillmanns verbreitet. Kurz bevor die Redaktion informiert wurde, legte Moser mit dem Namen des designierten Nachfolgers nach: Markus Somm, Chefredakteur der „Basler Zeitung“, die Christoph Blocher gehört, dessen Biographie Somm geschrieben hat. Der Redaktion präsentierte er sich als „Blochers Statthalter“ am Rhein. Er kam von der „Weltwoche“, in der Roger Köppel wiederum umgehend einen Leitartikel veröffentlichte, in dem er der NZZ Somm als Chefredakteur aufdrängt.

          Die Krise der „alten Tante NZZ“ hat indes nicht mit dem Internet und auch nicht Spillmann und dem Westschweizer Jornod begonnen, der geholt wurde, „weil kein Zürcher mehr Präsident des Verwaltungsrates werden wollte“, wie Klaus J. Stöhlker weiß. Schon unter Chefredakteur Hugo Bütler habe die Zeitung den „Ehrentitel Weltblatt“ verspielt: „Sogar die Aargauer Zeitung und die Basler Zeitung machen unterdessen bessere Lokalteile“. Stöhlker appelliert an die Verantwortung der Besitzer, denen es nie um pekuniäre Dividenden ging: „Wenn die Reste der autonomen liberalen Unternehmer jetzt die Weichen falsch stellen, wird die Schweiz nach der Swissair, den beiden Großbanken UBS und CS, die unter ausländische Kontrolle gerieten, auch ihr ‚Master Brain‘, die NZZ, nicht mehr auf sicher haben.“ Er nennt das „den Sargnagel zu viel“.

          Die Krise der NZZ ist jene des Schweizer Liberalismus und seiner Freisinnigen Partei FDP. Aktionär der Zeitung kann nur werden, wer Mitglied der Partei wird oder sich zur „freisinnig-demokratischen Gesinnung“ bekennt. Keiner anderen Partei darf er angehören. Der Niedergang der FDP  begann mit dem Fall der Berliner Mauer. Blocher und die Schweizerische Volkspartei SVP ersetzten das Feindbild Moskau durch Brüssel. Im Kampf gegen die Annäherung an Europa und mit der Verweigerung jeglicher Vergangenheitsbewältigung wurde die SVP auf Kosten der FDP zur führenden Kraft im bürgerlichen Lager.

          Annäherung im bürgerlichen Lager

          Im vergangenen Sommer mokierte sich die NZZ im Rückblick über die „Diamant-Feiern“ der Schweiz, die wenige Wochen vor dem 9. November als einziges Land der Welt den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fünfzig Jahre zuvor zelebriert hatte – auch diese kritische Erinnerung wurde Spillmann vom Verwaltungsrat zum Vorwurf gemacht.

          Markus Somm war mehr als angetan von der Aussicht, Chefredakteur der NZZ zu werden. Doch in der Redaktion der Zeitung wie in der Öffentlichkeit hat diese Möglichkeit einen Schock ausgelöst. Vom möglichen Kauf der NZZ durch Christoph Blocher war die Rede. Oder zumindest davon, dass er deren Regionalzeitungen in Luzern und St. Gallen übernehmen könnte, um sie mit seiner Basler Zeitung zu verbinden. Als er sie übernahm und Somm Chefredakteur wurde, verlor die Zeitung zahlreiche Abonnenten.

          Das wusste der Verwaltungsrat der NZZ und hat sich doch nicht vor den Folgen gescheut. Angesichts des gewaltigen Widerstands aber hat Markus Somm am Montag das Handtuch geworfen. Ob damit das Gespenst einer Allianz zwischen Blocher und der NZZ vom Tisch ist, wird sich weisen. Der Verwaltungsrat der NZZ ist offensichtlich gewillt, dem Blatt wieder ein stärkeres politisches Profil zu vermitteln.

          Das laute Echo in der Öffentlichkeit zeigt vor allem, wie brisant und schmerzhaft das Schisma für das bürgerliche Lager ist. Die Übernahme der NZZ wäre der größte Coup Blochers seit 1989. Sein endgültiger Triumph. Doch die Ecopop-Abstimmung, in der die SVP gespalten war, hat ihre Schizophrenie zwischen Fremdenfeindlichkeit und Wirtschaftsnähe dramatisch aufgezeigt. Es gibt sehr wohl Anzeichen, dass ihre ideologische Hegemonie zu Ende geht.

          Wie im Krieg, aus dem die SVP ihr Bild der heilen und unschuldigen Schweiz bezogen hat, ist das Land eine Insel in Europa, von dem gleichwohl sein Wohlstand abhängig ist. Diese Einsichten setzen sich langsam durch, auch in der SVP. Ihr primitives Provozieren und ihr primärer Populismus stoßen an Grenzen. In einem bemerkenswerten Leitartikel hat Roger Köppel die Annahme der Gurlitt-Sammlung aus moralischen Gründen kritisiert: schließlich habe die Schweiz damals auch dem deutschen Politiker Hans Globke, der Adenauers Staatssekretär war,  wegen seiner NS-Vergangenheit die Einbürgerung verweigert.

          Möglicherweise erweist sich der Kulturkampf um die NZZ als Vorspiel für eine Annäherung im bürgerlichen Lager. Es sehnt sich nach einem historischen Kompromiss, der nicht auf Kosten der FDP gehen muss und für die SVP vielleicht sogar noch lebenswichtiger ist. Viele Kröten müssen noch geschluckt, nachhaltige Ressentiments abgebaut werden. Damit nach einem Vierteljahrhundert Kulturkampf um Europa und die eigene Vergangenheit wieder zusammenwachsen kann, was zusammen gehört.

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