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Neue ZDF-Serie „Zarah“ : Die Stellvertreterin

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Nicht ohne meine Schreibmaschine: Die Journalistin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) haut für die Emanzipation der Frau in die Tasten. Bild: ZDF und Jules Esick

Emanzipation leichtgemacht: Die neue ZDF-Serie „Zarah“ zeigt den erstaunlich effizienten Kampf einer einzelnen Journalistin gegen verhärtete Strukturen. Allerdings ist die Serie abgekupfert.

          Wenn Sie mit den großen Jungs spielen wollen, dann benehmen Sie sich auch dementsprechend“: Was die neue stellvertretende Chefredakteurin des Hamburger Magazins „Relevant“, die freche, selbstsichere Zarah Wolf (Claudia Eisinger, eine Paraderolle), von Frederik Olsen (Uwe Preuss), dem Besitzer des Magazins, der sie gegen den Willen des Chefredakteurs Hans-Peter Kerckow (Torben Liebrecht) immerhin eingestellt hat, zu hören bekommt, das gilt vielleicht auch für das ZDF selbst. Man will mitspielen bei den Großen der Serienbranche und macht diesmal auch gar keine schlechte Figur, aber ein Stück weit verjuxt man den Appeal der in die siebziger Jahre verlegten, mit einigem Aufwand hergestellten Emanzipationsserie wieder durch programmatisches Überspielen und typisch deutsches Herumreiten auf Botschaften.

          Nicht ganz die feine Art ist es vielleicht auch, den Plot der Serie „Zarah“, die davon handelt, wie eine starke Frau die Männerdomäne Magazinjournalismus aufmischt und umkrempelt, gemopst zu haben, nämlich von der nach einer Staffel übrigens abgesetzten Amazon-Serie „Good Girls Revolt“, die erst vor zwei Jahren das Licht der Bildschirme erblickte und von ähnlichen Kämpfen erzählte. Aber das ist noch kein echtes Gegenargument, denn auch „Good Girls Revolt“ hatte sich in Ausstattung und Stil an anderen „Period Pieces“ orientiert, allen voran an der genialen Werbeweltserie „Mad Men“, die vorführte, ja authentisch nachvollzog, wie der auf die Spitze getriebene Individualismus seine Seele ans Marketing verkaufte, ohne es zu merken. Auch „Zarah“ kann sich in Sachen Ausstattung sehen lassen: Vom Cabrio der Hauptdarstellerin über die Kostüme und Frisuren bis hin zu den schön unter Papierstapeln ächzenden „Relevant“-Redaktionsräumen ist alles von einer ausgesuchten Vintage-Ästhetik, grazil in Szene gesetzt durch die Kamera von Robert Berghoff.

          Im Untergrund: Die neue Ausgabe des Magazins „Relevant“ sieht plötzlich ganz anders aus als gewohnt.

          Und auch sonst stimmt hier eine Menge, vor allem die Regie durch Richard Huber: Das Tempo ist hoch, die Dramaturgie gut durchdacht. Auch viele Nebenfiguren überzeugen, so Leon Ullrich, der als sexistischer Grafiker Tom Balkow Themen wie dieses in die Konferenz trägt: „Der BH wird fünfzig, dazu sollten wir unbedingt etwas machen.“ Er hat da eine Illustration vorbereitet. Überhaupt scheint es in der „Relevant“-Redaktion – wie weiland wohl tatsächlich in „Stern“ und anderswo – vor allem darum zu gehen, unter welchem Vorwand sich wieder nackte Brüste aufs Cover setzen lassen. Daher auch der Titel der ersten Episode: „Titel & Titten“. Und doch ist gerade dieses Leitthema zu grell geraten. Dass die Heldin eine intellektuelle Aktivistin der Frauenbewegung sein soll, die Bücher in enormer Auflage verkauft, wirkt mehr behauptet als erfüllt, denn dafür sind ihre Einwände doch arg schlicht: „Das ist Sexismus pur!“ Dass die mit unwahrscheinlichem Aplomb auftretende Zarah es auf die Subversion der Redaktion abgesehen hat, nimmt man ihr jedenfalls nicht unbedingt ab.

          Ein Vergleich mit „Mad Men“ verbietet sich ohnehin, denn dafür ist die Handlung des Drehbuchs von Eva Zahn und Volker A. Zahn zu aufgedreht, zu comedygetrieben (eine müde Karikatur ist etwa der Rockstar Tom Stroker in der Auftaktepisode) und vor allem zu retro-engagiert. Letzteres sorgt dafür, dass „Zarah“ mehr von einem Märchen hat als von einem Zeitstück: Die schöne, gute Fee zeigt den bei Korn, Zigaretten und schmierigen Witzen den nächsten Scoop ausbaldowernden Witz-Männern, wie man modernen Journalismus macht. Mit eingeschalteten Originalausschnitten etwa von Anti-Paragraph-218-Demos und mit einem Blumentapeten-Soundtrack zwischen T. Rex und Rolling Stones versucht die Serie immerhin, wieder etwas historischen Boden gutzumachen.

          Gar zurück in den Fernsehfilmkitsch ziehen die Handlung dann allerdings die üblichen Tragik-Einsprengsel: eine krebskranke Mutter oder die menschliche Annäherung zwischen den Kontrahenten, weil plötzlich beide erkennen, einen ähnlichen Schmerz zu teilen. Der Titelheldin noch eine RAF-Freundin anzudichten war auch nicht der beste Einfall. Etwas besser macht sich schon die naiv-flippige Tochter des Magazin-Inhabers (Svenja Jung), um die sich Zarah kümmern soll – eine starke Verbündete beim Kampf der Geschlechter. Aber auch hier ergeben sich bald eigene Komplikationen.

          Trotz dieser Einwände handelt es sich um einen weiteren erfreulichen Versuch, anderes Fernsehen zu machen, das sich von ZDF-Serien wie „Der Bergdoktor“ oder „Bettys Diagnose“ kategorial unterscheidet. Und man verzeiht ja auch gern manche kleine Plumpheit, wenn das Gesamtergebnis derart flott, gutgelaunt und stylish daherkommt. Vier von fünf Lippenstiften.

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