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Neue WDR-Intendantin : Das sollte nichts Besonderes mehr sein

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Die neugewählte Intendantin des WDR: Monika Piel Bild: dpa

Spätestens zum 1. Juli 2007 wird Monika Piel den WDR-Intendanten Fritz Pleitgen beerben. Wie Monika Piel den Sender, den sie seit dreißig Jahren kennt, führen will, sagt sie im Interview mit der F.A.Z.

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          Die Mehrheit ist groß, mit welcher der Rundfunkrat Monika Piel zur neuen Intendantin des WDR bestimmt hat: 38 von 42 Stimmen. Sie hätte auch mit einem knappen Adenauer-Ergebnis leben können, sagte Monika Piel auf der Pressekonferenz nach der Wahl. Doch war das seit ein paar Tagen schon ausgeschlossen. Spätestens zum 1. Juli 2007 wird Monika Piel den Intendanten Fritz Pleitgen beerben, vielleicht aber auch schon früher, denn auf die Frage nach einem früheren Wechsel sagte Pleitgen am Montag: „Ich schließ gar nichts aus.“ Die F.A.Z. hat Monika Piel gefragt, wie sie den Sender, den sie seit dreißig Jahren kennt, führen will.

          Der Rundfunkrat des WDR hat Sie mit großer Mehrheit zur Intendantin gewählt. Schon am vergangenen Freitag war klar, daß die Wahl auf Sie fiele. Wie werten Sie das Votum der Rundfunkräte? Haben Sie damit gerechnet?

          Ich habe natürlich gehofft, daß der Rundfunkrat sich auf mich einigen kann, damit rechnen konnte ich erst seit dem Wochenende. Die Einigkeit zeigt mir, daß der größte Teil des Rundfunkrats Vertrauen darin hat, daß ich den Sender in nicht einfachen Zeiten leiten kann. Der WDR ist hervorragend aufgestellt, und mein Ziel ist es, seine Position in den nächsten Jahren weiter zu stärken.

          Daumen hoch: zusammen mit dem amtierenden Intendanten Fritz Pleitgen

          Wann haben Sie sich entschlossen, zu kandidieren? Was hat für Sie persönlich den Ausschlag gegeben, sich zu bewerben - es war ja zu Beginn ein dicht besetztes Rennen mit offenem Ausgang.

          Zunächst hatte ich mich nicht um das Amt beworben, sondern bin aus den Reihen des Rundfunkrats als geeignete Kandidatin vorgeschlagen worden. Daß ich für eine eventuelle „Kampfkandidatur“ zur Verfügung stehe, habe ich erst vor drei Wochen im Gespräch mit dem Wahlvorbereitungsausschuß erklärt. Zur Kandidatur habe ich mich entschlossen, weil ich in diesem Amt für den WDR in den nächsten Jahren viel gestalten kann. Ich habe große Unterstützung von Menschen aus dem Sender und aus den Gremien erhalten, das hat mich zu diesem Schritt ermutigt.

          Die Vorbereitung der Wahl hatte ein paar Unebenheiten, die Rundfunkräte waren sich über das Procedere nicht immer ganz einig. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt? Wie war es für Sie, zu sehen, daß sich ein Konkurrent nach dem anderen verabschiedete?

          Das Procedere der Vorbereitung einer solchen Wahl ist ja nicht ganz einfach. Einerseits ist es unmöglich, daß alle dreiundvierzig Mitglieder des Gremiums schon im Vorfeld mit allen in Frage kommenden Kandidatinnen und Kandidaten reden, andererseits bekommen die, die nicht im Wahlvorbereitungsausschuß sind, die Informationen und Eindrücke über die Kandidaten aus zweiter Hand. Das kann unbefriedigend sein. Die letzten Wochen waren für mich sehr spannend, ich konnte nicht abschätzen, wer das Rennen machen würde. Nach dem Ausscheiden meiner Kollegen, die ich alle sehr schätze, wurde die Sache klarer und natürlich für mich komfortabler.

          Der Intendant Fritz Pleitgen hat wiederholt gesagt, in seinem Sender würden Frauen besonders gefördert. Ihre Wahl könnte man als besten Beweis dafür ansehen. Ist es etwas Besonderes, daß der WDR nun eine Intendantin hat?

          Eigentlich sollte es im einundzwanzigsten Jahrhundert nichts Besonderes mehr sein. Da es in Deutschland aber immer noch relativ wenige Frauen in Top-Positionen gibt, ist es auf jeden Fall ein wichtiges Signal an andere Frauen. Ich hoffe, es werden noch viele folgen.

          Der WDR ist ein Riesensender, der mit Abstand größte in der ARD. Auf ihn schauen alle, wenn es um öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht - die anderen Sender, die Politik in den Ländern, im Bund und bei der EU. Vor welchen Aufgaben, denken Sie, steht Ihr Sender - was seine Programme, seine innere Verfassung, die Stellung in der ARD und die Medienwelt an sich angeht?

          Die digitale Entwicklung von Programmverbreitungswegen geht mit unglaublicher Geschwindigkeit voran. Noch kann niemand sagen, welche der vielen Vertriebswege sich durchsetzen werden. Diesen Prozeß müssen wir mitgestalten. Hierdurch wird sich auch das Mediennutzungsverhalten gravierend ändern, vor allem in den jüngeren Zielgruppen, die unsere Zukunft sind. Ein weiterer Punkt sind die neuen Frequenzen für Radio- und Fernsehangebote. Diese müssen wir gegen die Mobilfunkanbieter verteidigen, die hierüber eigene Inhalte anbieten wollen.

          Und dann gibt es noch das rundfunkpolitische Schlachtfeld in Brüssel.

          Das ist auch mit Blick auf die EU wichtig, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht als gemeinwohlorientierten Programmanbieter, sondern nur als eine Art „Wettbewerbsstörer“ sieht. Gerade in der heutigen, immer unübersichtlicher werdenden Welt sind Menschen aber auf unabhängige Berichterstattung angewiesen, die frei von kommerziellen Interessen ist. Mit unserer journalistischen Kompetenz können wir auch umfassenden Service bieten - das sind nur zwei der Kernkompetenzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Um die innere Verfassung des WDR ist mir nicht bange. Wir sind ein gesundes Unternehmen mit qualifizierten und kreativen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Wir werden es schaffen, das Publikum auch weiterhin von der Qualität unserer Angebote zu überzeugen.

          Wollen Sie bestimmte Dinge forciert angehen? Man könnte an das Thema Integration denken. Als Hörfunkdirektorin haben Sie das „Funkhaus Europa“ ins Leben gerufen. Und Sie haben Kulturpartnerschaften angeregt.

          Gerade in Nordrhein-Westfalen ist Integration ein wichtiges Thema: Hier hat jeder vierte Jugendliche unter zwanzig Jahren einen Migrationshintergrund. Diese Zielgruppe müssen wir ernst nehmen - denn unsere Gesellschaft ist auf das Gelingen von Integration angewiesen. Wir werden im WDR deshalb neue Angebote für Migranten schaffen, indem wir die vorhandenen Inhalte aus Hörfunk und Fernsehen neu bündeln und im Internet zur Verfügung stellen. Unser Radio-Integrationsprogramm „Funkhaus Europa“ und die Fernsehsendung „Cosmo TV“ ergänzen und eignen sich hierfür hervorragend.

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