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Fortsetzung von „Breaking Bad“ : Der mieseste Anwalt aller Zeiten

  • -Aktualisiert am

Bob Odenkirk als Saul Goodman in der neuen Serie „Better Call Saul“ Bild: AP

In „Breaking Bad“ war Saul Goodman eine Nebenfigur. Im Spin-off „Better Call Saul“ dreht sich alles um ihn. Die Welt dieses Winkeladvokaten steckt voller böser Überraschungen.

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          Ja, sagt Vince Gilligan, er würde Saul Goodman sofort als Anwalt anheuern. Auch Bob Odenkirk, der den windigen Juristen in Gilligans Serie „Breaking Bad“ spielte, würde sich von Goodman juristisch vertreten lassen. Weil Goodman verdammt gut in seinem Metier ist, wie beide finden - auch wenn seine Winkelzüge bisweilen schieflaufen. Saul Goodman gehen die Ideen nie aus, auch deshalb wurde er zum Publikumsliebling. Jetzt, anderthalb Jahre nach dem Ende von „Breaking Bad“, haben sich Odenkirk und Gilligan abermals zusammengetan, um die Vorgeschichte des Dampfplauderers mit den schrillen Anzügen zu erzählen. Und so sitzen wir in einem Hotel in Beverly Hills, Gilligan, sein Ko-Autor Peter Gould (er erfand die Figur) und Bob Odenkirk, um über ein Projekt zu sprechen, das ein echtes Lausbubenstück ist.

          Die Idee kam abends beim Bier

          Denn „Breaking Bad“, einer der ausgefeiltesten Serien aller Zeiten, noch eins draufzusetzen zu wollen scheint verwegen. Auch wenn schon andere für unmöglich erachtete Projekte Kritiker Lügen straften - „Game of Thrones“ etwa oder die Serie nach dem Klassiker der Coen-Brüder, „Fargo“. Lange wälzten Gilligan und Gould die Idee, die schon bei den Dreharbeiten zu „Breaking Bad“ entstand. Bei langen Spaziergängen in Burbank und nicht wenigen Bierabenden überlegten sie, ob sie eine Fortsetzung oder eine Vorgeschichte erzählen sollten, ob es eine Sitcom oder einstündige Episoden werden sollte, ob man eine Komödie oder doch eher ein Drama in Angriff nehmen müsste. Und wie viel Ähnlichkeit das Ganze mit dem „Mutterschiff“ (Gilligan) haben dürfte.

          Den ersten Episoden von „Better Call Saul“ gelingt nun eine erstaunliche Gratwanderung. Gilligan und Gould erfüllen den Fans von „Breaking Bad“ gleich zu Beginn den sehnlichsten und auch abwegigsten Wunsch - dass nämlich die Geschichte einer Handvoll Emporkömmlinge aus Albuquerque niemals zu Ende gehen möge. Und sie erzählen doch eine neue, originelle Geschichte: die des Juristen Jimmy McGill (seinen Künstlernamen Saul Goodman trägt er noch nicht), der sechs Jahre vor den Ereignissen von „Breaking Bad“ verzweifelt versucht, sich als Rechtsanwalt zu etablieren. Als ein halbwegs harmloser, wenn auch nicht völlig gesetzeskonformer Schachzug von Jimmy einen vermögenden Klienten an Land ziehen soll, aber auf dramatische Weise scheitert, verselbständigen sich die Dinge zusehends. Und beim Versuch, den Schlamassel zu bereinigen, schlittert Jimmy immer tiefer hinein.

          Hier geht wirklich immer alles schief

          „Better Call Saul“ ist eine schwarze Komödie, in der die vermeintlich klügsten Pläne durch unvorhergesehene Ereignisse zu den größten Katastrophen führen. Damit spielen Gilligan und Gould so virtuos, wie Saul Goodman das Recht verbiegt. Ja, sagt Gould, auch Jimmy McGill sei ein Antiheld, aber ein ganz anderer als Walter White aus „Breaking Bad“. „Walt war ja voller Dunkelheit und Krebs und Angst. Jimmy ist ein Stehaufmännchen.“ Gilligan sagt, er schäme sich weniger, Jimmy zu mögen, als Walt, „denn Walt war ja ein Soziopath. Und Jimmy ist eher ein Schlitzohr als ein Schuft.“ Und dennoch sei „Better Call Saul“ dunkler geraten, als er erwartet hatte. „Ich dachte, dass es eine Komödie wird“, sagt Gilligan, „aber nichts im Leben, vielleicht mit wenigen Ausnahmen, ist rein komisch oder rein tragisch.“

          Gilligan ist ein freundlicher Brillenträger mit einem Chaplin-Schnauzer, einem Kinnbart und einem sanften Südstaatendialekt. Er wirkt nicht wie jemand, der sich vornehmlich mit den dunklen Seiten der menschlichen Psyche beschäftigt. Aber er nimmt es mit seinen Figuren sehr genau. „Vince ist ein ernster Typ“, sagt Bob Odenkirk . „Er glaubt nicht, dass Leute schlicht gestrickt sind, dass sie sich leicht ändern. Er meint, dass Menschen viele Dimensionen haben. Wenn sie absolut in die Ecke gedrängt werden, mögen sie sich ein kleines Stück verändern, um da wieder herauszukommen. Und wenn sie das oft genug tun müssen, werden sie vielleicht eine andere Person. Aber das geschieht nicht ohne weiteres.“

          Showdown auf dem Parkplatz

          In der Serie erscheint uns Jimmy als ein Nobody, der sich mit Gerichtsangestellten um die magere Entlohnung für Pflichtverteidigungen streiten muss, der Glück hat, wenn seine klapprige Karre zweimal hintereinander anspringt, und der sich regelmäßig von einem dienstbeflissenen Parkplatzwächter düpieren lassen muss. Den spielt Jonathan Banks, der in „Breaking Bad“ als Mike Ehrmantraut, Aufräumer des Drogenbarons Gus Fring, zu sehen war. Dass Mikes zerfurchtes Pokerface hinter der Glasscheibe eines Wächterhäuschens den armen Jimmy McGill zur Weißglut treibt, ist einer von vielen wunderbar komischen Einfällen der Autoren. Aber Mikes Erscheinen ist weit mehr als ein Gag. Es illustriert Gilligans Kunstfertigkeit, sein Publikum mit den sorgsam arrangierten Details der Erzählung zu fesseln: Wie wird sich wohl aus dem Gezanke auf dem Parkplatz die Partnerschaft entwickeln, die wir aus „Breaking Bad“ kennen?

          Es ist erstaunlich, mit welch leichter Hand Gilligan und Gould diese neue Geschichte an das Universum fügen, das sie in „Breaking Bad“ erschaffen haben. Strenggenommen ist „Better Call Saul“ eine Erweiterung, keine Vorgeschichte. In der ersten Staffel, so viel haben Gilligan und Gould verraten, werden weder Walter White noch dessen Mitdrogenkoch Jesse Pinkman auftauchen. Aber auf die Frage, welche Figuren er denn gern in der Serie hätte, sagte Gilligan: „Walt und Jesse, das wäre schon cool.“

          Verlierertypen auf dem Weg nach unten

          Saul Goodman war in „Breaking Bad“ der Narr in einer düsteren Welt. Aber im Grunde, gibt Odenkirk zu bedenken, kenne man bislang nur die Fassade dieses Mannes: „Saul Goodman ist eine Show - und er gibt es selbst zu!“ Jimmy McGill dagegen ist eine unschuldigere Version der Rampensau, ein Mann, der seinen Bruder beschützt und die Anwältin Kim Wexler (Rhea Seehorn), ebenfalls bei Hamlin, Hamlin & McGill tätig, vergöttert. Und der damit ringt, seine Talente - ein schnelles Mundwerk, einen scharfen Verstand und eine dicke Haut - in beruflichen Erfolg umzumünzen. Odenkirk, der als Stand-up-Komiker begann und für „Saturday Night Live“ schrieb, scheint von derselben rastlosen Energie beseelt wie seine Figur. Er spricht laut, oft in Ausrufen. Nein, sagt Odenkirk, dass „Better Call Saul“ mit so hohen Erwartungen wie pessimistischen Warnungen verknüpft wird, belaste ihn nicht. „Für mich war die Frage, ob Vince und Peter das aus kreativem Antrieb machen - und nicht, weil sie sich dem Publikum verpflichtet fühlen.“ Er macht eine kurze Pause, dreht die Handflächen nach oben und ruft: „Hey, es ist Vince Gilligan! Wer würde da nein sagen?“

          Gilligan und Gould unternehmen also abermals, was ihnen am meisten liegt: Verlierertypen beim vermeintlichen Aufstieg beobachten, der in Wahrheit ein Abstieg ist. Erzählt wird das in aller Gemütsruhe. Gleich zu Beginn verharrt die Kamera minutenlang in einem schweigenden Gerichtssaal - Jimmy lässt die Prozessteilnehmer auf sich warten, während er auf der Herrentoilette sein Plädoyer probt. Es ist ein großartiger Schwall von Saul-Goodman-Bullshit.

          Das gemessene Tempo weitet den Blick für die Fülle der Story - Figuren, Requisiten, auf den blassblauen Himmel über New Mexico, ausgefallene Perspektiven und extreme Nahaufnahmen, auf die Stille. Jedes Detail hat Gewicht, jede Figur Bedeutung, jedes Ereignis Konsequenzen. Und weil wir schon ahnen, das nichts Gutes kommt, aber noch nicht wissen, was, ist „Better Call Saul“ ein diabolisches Vergnügen.

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