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Sky-Serie über O.J. Simpson : Er wäscht seine Hände in Unschuld

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Cuba Gooding Jr. (li.) spielt den des Doppelmordes angeklagten O.J. Simpson Bild: Prashant Gupta/FX

Was sagt uns heute eine Serie über den Mordprozess, in dem 1995 ein Football-Star nach spektakulärem Fehlurteil freikam? „The People v. O. J. Simpson“ sagt viel. Es ist ein großer Kommentar zur Lage der amerikanischen Nation.

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          Fünfundneunzig Millionen Amerikaner klebten vor den Bildschirmen, als sich am 17. Juni 1994 der Footballspieler und Schauspieler O. J. Simpson in seinem weißen Ford Bronco eine eineinhalbstündige Verfolgungsjagd im Schneckentempo mit der Polizei von Los Angeles lieferte - gefilmt von den Kameras zahlloser Nachrichtenhubschrauber und begleitet von Tausenden Schaulustigen, die sich auf Autobahnbrücken versammelten. Es war das Vorspiel zum „Prozess des Jahrhunderts“, zum „größten Justizskandal der USA“, zu einer „amerikanischen Tragödie“. Kein Superlativ schien zu groß, um den folgenden Mordprozess gegen O. J . Simpson zu beschreiben. Er war angeklagt, seine Exfrau Nicole Brown und deren Freund Ron Goldman erstochen zu haben. Die Beweislast war erdrückend. Doch konnten Simpsons Anwälte der Polizei schwere Schlampereien bei der Ermittlung nachweisen und den Vorwurf des Rassismus ausspielen. Hundertfünfzig Millionen Menschen waren, da Richter Lance Ito Kameras in seinem Gericht zugelassen hatte, live dabei, als O. J. Simpson am 3. Oktober 1995 freigesprochen wurde.

          Fernsehtrailer : „The People v. O.J. Simpson: American Crime Story“

          Es war der meistbeachtete Prozess der amerikanischen Rechtsgeschichte, und es war ein Scheidemoment in der Selbstwahrnehmung der Gesellschaft. Aus dieser Perspektive nahm sich Ryan Murphy der Geschichte an, als er sie mit „The People v. O. J. Simpson“ in eine zehnteilige Serie fasste, die fünf Emmys gewann.

          Zugleich Seifenoper und Tragödie

          Murphy hat das amerikanische Fernsehen in den vergangenen zehn Jahren geprägt: Mit der Serie „Glee“ holte er das Musical aus der Versenkung, mit „American Horror Story“ belebte er die Anthologie als bestimmendes Geschäftsmodell des Serienfernsehens wieder. Mit „The People v. O. J. Simpson“ spiegelt er gesellschaftliche Verwerfungen Amerikas in einer packenden Serie wieder, die zugleich Seifenoper und Tragödie ist.

          Zu Beginn setzt Murphy den Rahmen - nicht mit Aufnahmen der Football-Karriere Simpsons oder vom Tatort des Mordes in Brentwood, sondern mit dokumentarischen Aufnahmen, die zeigen, wie der Afroamerikaner Rodney King von vier Beamten des Los Angeles Police Department verprügelt wird. Es folgen Bilder der schweren Ausschreitungen, die dem Freispruch der vier Polizisten im Jahr 1992 folgten. Erst danach geht es in die Simpson-Geschichte: Auf der Fahrt zum Flughafen plaudert O. J. Simpson (Cuba Gooding Jr.) in der Mordnacht mit dem Fahrer über das Zusammentreffen mit Superstars.

          Mit wenigen Handgriffen ist die Bühne bereitet für eine Geschichte, die von Inkompetenz, Rassismus und Sensationslust handelt, gebündelt in einem der umstrittensten Gerichtsprozesse der Moderne. Murphy erzählt mit sehr unterhaltsamer Detailverliebtheit aus verschiedenen Perspektiven. Aus der Sicht von Marcia Clark (Sarah Paulson), der Staatsanwältin, welcher der Fall angesichts der eindeutigen Beweislage wasserdicht erscheint; aus der Sicht von Robert Kardashian (David Schwimmer), dem Vater der späteren Klatsch-Königinnen und besten Freund Simpsons.

          Szene aus dem Gerichtssaal: Da passt etwas nicht, und schon sind alle anderen Indizien perdu.
          Szene aus dem Gerichtssaal: Da passt etwas nicht, und schon sind alle anderen Indizien perdu. : Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

          In seinem anfänglichen Unglauben, schleichender Verunsicherung und schließlich Verzweiflung spiegeln sich die Emotionen vieler Beobachter. Dann geht es noch um die Sicht des Rechtsanwalts Johnnie Cochran (Courtney B. Vance), der den Fall Simpson nutzt, um systematischen Rassismus in Amerikas Institutionen anzuprangern; und um die Perspektive von Simpson selbst. Es ist ein Kunststück, wie Murphy dabei die Schuldfrage offen lässt. Die eigentliche Hauptfigur seiner Story aber ist nicht Orenthal James Simpson, sondern die Staatsanwältin und alleinerziehende Mutter Marcia Clark, die zu spät erkennt, dass es hier nicht um Gerechtigkeit, sondern um PR und Politik geht.

          Machtlos gegen den aufbrandenden Sexismus

          Auf Marcia Clark richteten sich während des Prozesses alle Augen, sie bekam von allen Seiten Haltungsnoten und erschien als glanzlose Lachfigur in einem Stück voller schillernder Stars. Simpsons Verteidiger Cochran nannte sie „hysterisch“, der „Independent“ schrieb, sie sei „nicht sympathisch“, der „New York Times“ erschien sie als „verbissen, humorlos, fast zornig“. Als sich Marcia Clark einem Makeover unterzog, stachelte das die Aufregung noch an. Die sechste Episode der Serie widmet sich denn auch ganz der öffentlichen Herabwürdigung der Marcia Clark. Ihre Rolle als Mutter, ihre Frisur, ihr Kleidungsstil werden debattiert, ein Ex verkauft Nacktfotos von ihr. Clarks Wut darüber, dass sie weder als Mutter noch als Frau noch als Anwältin für gut genug befunden wird, weicht der Erkenntnis, dass sie gegen den aufbrandenden Sexismus machtlos ist. Es wird mit an der beeindruckenden Rolle der Staatsanwältin liegen, dass Ryan Murphy einen Emmy fürs Drehbuch erhielt.

          Eine packende Beobachtung der gegenwärtigen Lage Amerikas

          Man kann kritisieren, dass er einige seiner Figuren als allzu skurrile Versionen der echten Akteure erscheinen lässt. John Travoltas affektierte Darstellung des Anwalts Robert Shapiro, der im „Dream Team“ von Simpsons Verteidigern mit Cochran konkurriert, ist eine einzige Shownummer. Cuba Gooding jr. spielt Simpson als quengelnden Star, dessen Zerquältheit in Wutausbrüchen und selbstmörderischem Pistolengewedel Ausdruck findet. Aber so skizziert Murphy die Wahrnehmung der Prozessbeteiligten in der amerikanischen Öffentlichkeit. In den Medien, die sich vor Sensationsgier überschlugen, erschienen sie allesamt in Zerrbildern, als Beteiligte nicht eines Gerichtsprozesses, sondern einer Realityshow, in der gewinnt, wer die cleversten Tricks auf Lager hat.

          So wie der jüngste Wahlkampf die amerikanische Politik kompromittiert hat, tat es der Prozess gegen O. J. Simpson mit der Justiz: alles eine üble Show, jede Lüge ist erlaubt. „The People v. O. J. Simpson“ legt den Finger in diese Wunde. Die Serie ist eine packende Beobachtung des Kräftespiels, das zu einem spektakulären Fehlurteil führte, und der gegenwärtigen Lage Amerikas.

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