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Neue Serien bei Sat.1 : Allem Anfang wohnt ein Zauber inne

„Der letzte Bulle”: Henning Baum (vorne) ist der Polizist Mick Brisgau, hier in einer Szene mit Maximilian Grill. Bild: Sat.1

Zurück in die Zukunft: Der Sender Sat.1, dessen Ruf sich einst auf selbstproduzierten Serien gründete, zeigt endlich wieder eigene Stücke - mit Annette Frier und Henning Baum. Alle mal hersehen, denn das lässt sich wirklich gut an.

          Alle mal hersehen: Montags ist fortan Sat.1-Tag. Aus übergeordnetem Interesse empfiehlt es sich tunlichst, den ganzen Abend den Sender eingeschaltet zu haben. Man muss nicht einmal hinsehen, einschalten und nicht loslassen reicht. Denn nur an den Einschaltquoten hängt das Schicksal der beiden neuen, selbstproduzierten Serien des Senders, die - davon einmal ganz abgesehen - sehr tauglich und unterhaltsam geraten sind. Auf dass es mit der nicht endenden wollenden Vorherrschaft amerikanischer Serien, mit der Dominanz von Pathologen und Kriminaltechnikern, ein Ende habe. Zumindest an einem Abend eine Auszeit! Nach dem Motto: Sat.1, ich drück dich.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es ist gar nicht so lange her und scheint doch schon vergessen, dass Sat.1 in Serie gutes Programm zeigte: die Kriminalsatire „Stockinger“ mit Karl Markovics zum Beispiel oder die nette Screwball-Comedy „Edel & Starck“ mit Rebecca Immanuel und Christoph M. Ohrt. Ottfried Fischers „Bulle von Tölz“ nicht zu vergessen, „Kommissar Rex“ oder „Mit Herz und Handschellen“ mit Elena Uhlig und Henning Baum. Gefühlte hundert Jahre ist das her. So lange währte die Pause selbstverständlich nicht, aber es kommt einem so vor.

          Nicht hundert, aber zwanzig Jahre war der Polizist Mick Brisgau (Henning Baum - da ist er wieder) weg vom Fenster. So lange lag er nach einer Schussverletzung im Koma. Nach dem Erwachen zeigt er sich schnell als Dornröschen der handfesten Art. Er kann nicht glauben, das Freddy Mercury tot ist. Wie man eine SMS verschickt, ist ihm ein Rätsel, und auch mit den Regeln der zeitgenössischen polizeilichen correctness hat er es nicht so. Der Psychologin Tanja Haffner (Proschat Madani) gibt er lieber einen Klaps auf den Po (wofür diese sich revanchiert), anstatt auf deren Couch zu beichten, und mit seinem jungen Kollegen Andreas Kringge (Maximilian Grill) funkt der „Koma-Bulle“ überhaupt nicht auf einer Wellenlänge.

          Beim Kampf um und für ihre Klienten schreckt Danni Lowinski (Annette Klier) vor keinem Einsatz zurück

          Im Verhör wird er handgreiflich, mit seiner Garderobe hätte er schon vor zwanzig Jahren nicht zur Stilikone getaugt, und dann - ein Sakrileg - raucht er auch noch. Mit dem Gerichtsmediziner Roland Meisner (Robert Lohr) jedoch verbindet Brisgau eine ganz besondere Beziehung, lebt dieser doch mit seiner Exfrau (Floriane Daniel) zusammen, die nicht zwanzig Jahre im Zölibat gelebt hat. Tochter Isabelle (Luise Risch) wenigstens kam vor der neuen Liaison zur Welt. Die vielen Briefe, die sie dem weggetretenen Vater schrieb, geben dem Ruhrpott-Dirty-Harry den Rest. Die Serie, um das nicht zu vergessen, heißt „Der letzte Bulle“ und spielt in Essen.

          Die Drehbuchautoren Anna Dokoupilova, Robert Dannenberg, Stefan Scheich und andere ringen der Grundidee, ein Mannsbild von vorgestern in die Gegenwart zu katapultieren, eine ganze Reihe komischer Momente ab. Redet der Kollege Kringge von „Magnum“, denkt Brisgau an die Fernsehserie mit Tom Selleck, sein Gegenüber aber an „Eis am Stiel“, was den anderen wiederum an die Pubertätsklamotte aus dem Kino erinnert. Derlei Gags allerdings dürften ihren Reiz wohl nur für Zuschauer mittleren Alters entfalten. Begütigend blickt der jüngere Kommissar in solchen Szenen dem Alten über die Schulter, wenn dessen Auftreten Kollegen, Zeugen und Verdächtige ratlos macht. Dass die beiden, die den Chef nach fünf Minuten jeweils um ihre Versetzung bitten, nebenbei auch noch Fälle lösen, ist der eigentliche Witz an der Geschichte.

          Danni Lowinski, die zweite neue Serienfigur von Sat.1, übernimmt Fälle zum Minutenpreis von nur einem Euro. Ihr Jurastudium hat die ehemalige Friseuse zwar abgeschlossen, eine Anstellung in einer Kanzlei jedoch findet sie nicht. Deshalb stellt sie in einem Einkaufszentrum, zwischen Kaffeebar, Massagecenter und Schuhdienst, einen Klapptisch auf, setzt sich dahinter und wartet auf Klienten.

          Dass sich das Warten lohnt, würde man nicht unbedingt sagen. Kleine Leute mit großen Sorgen lassen sich vor Danni Lowinski nieder, die sich nicht zu schade ist, auf der Suche nach Beweisstücken eigenhändig den Müll fremder Leute zu durchwühlen. Das Ganze wächst sich zu einer Runde Damenboxen ohne Regeln auf offener Straße aus. Die Vorschriften der Strafprozessordnung wiederum sind der Anwältin nicht unbedingt ein Begriff. Dafür geht ihre Rechtsberatung fließend in Lebenshilfe über, an der sich schließlich auch ihr an den Rollstuhl gefesselter Vater (Axel Siefer) beteiligt. An Gegnern vor Gericht herrscht kein Mangel und auch nicht an Verehrern, angefangen beim smarten Mann vom Schlüsseldienst (Elyas M'Barek) bis hin zum arrivierten Anwalt von der Konkurrenz (Jan Sosniok).

          Für Annette Frier ist diese Danni Lowinski eine sehr dankbare Rolle, dankbarer als vor Jahren ihr langer Serienauftritt in „Hinter Gittern“ und dankbarer auch als ihre Blödelstrecke in der „Wochenshow“ und bei „Switch“. Man sieht ihr gern beim Kampf David gegen Goliath zu, sie ist das Gegenstück zu den Superanwälten der Upperclass, in Habitus und Gewandung passte sie überdies perfekt zum „letzten Bullen“, neben dem sie den neuen Serienabend von Sat.1 am Montag bestreitet. Nicht auszudenken, der Sender, der mit dem Champions-League-Fußball Gewinne einfährt, läutete damit tatsächlich eine neue Ära ein.

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