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Neue Serie auf Arte : Alle Wege führen durch Paris

Wiedersehen in Paris: Alexia (Sarah-Jane Sauvegrain) und Pierre (Eric Caravaca) flanieren ins Ungewisse. Bild: © Pierre Vialle/Son et Lumière

Eine Stadt entdecken, die schon hundertmal gefilmt wurde? Arte zeigt in einer Serie mit Rundumblick, wer in der französischen Hauptstadt oben, unten und neben der Spur ist.

          Ist jetzt schon wieder der Zeitpunkt gekommen, an dem wir eine französische Fernsehserie schauen mögen, die schlicht und ergreifend „Paris“ heißt? In der die Kapitale an der Seine kein Ort des Terrors und der Massendemonstrationen gegen den Schrecken ist, sondern die Stadt der Lichter und der Liebe? Eine Serie, in deren Zentrum eine transsexuelle Nachtclubsängerin steht, in die sich - ausgerechnet - der Sohn des Premierministers verliebt? Er befindet sich auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter, was wiederum eine Regierungskrise mit dem Busfahrermilieu kurzschließt, den Staatsanwalt mit einem arabischstämmigen Pärchen und einer schönen reichen blonden Frau. Und am Ende des Tages, den die sechs Teile dieses Dramas erzählen, werden wir wissen, was dieses Figurenpanoptikum erlebt hat und wie alles mit allem zusammenhängt - oder auch nicht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es klingt schon ziemlich abschreckend, was die Drehbuchautorin Virginie Brac da für „Paris“ zusammengerührt hat, um eine Art französischen „Bloomsday“ aus multiplen Perspektiven zu erzählen. Ihre Inspiration war die 24-Stunden-Dokumentation, die Arte über Berlin produziert hat. Auch Jerusalem hat der Sender auf diese Weise in den Blick genommen: in Echtzeit, mit einem Drehbuch, welches das Leben vor laufender Kamera schrieb. Dass sie so auch Paris auf die Schliche kommen könnte, glaubte Virginie Brac nicht, und so präsentiert sie die Stadt als Vorstellung, als eine von Klischees gesättigte Fiktion, in der sich diese Trugbilder jedoch immer aufs Neue selbst widerlegen. Und der Regisseur Gilles Bannier inszeniert das Ganze als einen Taumel, in dem oft nur die Musik (Hervé Salters) mit spitzen Klavierakkorden und weichen Streichersätzen Halt gibt.

          Die bildhübsche junge Frau (Sarah-Jane Sauvegrain) spielt eine bildhübsche junge Frau: Alexia.

          Was entsteht, ist eine Kunstwelt mit einer eigenen inneren Logik, in die man den Figuren nach anfänglichem Zögern gern folgt - und sie mit wachsendem Interesse beobachtet. Vielleicht auch deshalb, weil sich das Ensemble für die Augen deutscher Zuschauer so wohltuend anders vor der Kamera bewegt als deutsche Serienschauspieler auf den oft immer gleichen, vorhersehbaren Bahnen. Der Einstieg ist allerdings eher zäh und klebt vor Kitsch: Da sehen wir eine bildhübsche junge Frau (Sarah-Jane Sauvegrain) eine bildhübsche junge Frau spielen, die sich Alexia nennt und im Glitzerfummel vor Poker spielenden Dunkelmännern Chansons raunt, woraufhin ihr die Dunkelmänner Blicke zuwerfen, die verraten, dass sie nicht ahnen, was auch nicht zu ahnen ist: dass Alexia nämlich ein Mann ist. Warum es überhaupt einen Transvestiten als Hauptfigur braucht (auch in Amerika ist das Transgender-Thema im Fernsehen gerade en vogue)? Weil in „Paris“ alle außer sich, neben sich und auf dem Weg zu jemandem sind, der sie selbst sein könnten.

          Kaleidoskop der Realität

          Die Figuren sind miteinander verbunden wie die Streben des Eiffelturms, die das Intro Schwarz vor Weiß wie einen Scherenschnitt zeigt, als Gewirr gerader und doch zueinander schräger Linien, ein Netz aus Kreuzungen, Begegnungen und Fluchten. Die Frau (Nanou Garcia), die um fünf Uhr morgens ihre Uniform überstreift und zur Arbeit antritt, wird sich als Alexias Mutter herausstellen, aber erst einmal bringt sie die gewerkschaftlich organisierten Busfahrer gegen die Rentenreform der Regierung in Stellung. Der Busfahrer ohne Führerschein (Luc-Antoine Diquéro), der einfach trotzdem fährt und irgendwann austickt, keine Fahrgäste mehr aussteigen lässt und - wunderbar komisch - von seiner verflossenen Liebe schwadroniert, bis seine Irrfahrt endet, ist ihr Mann. Die Schwangere im Bus trägt im Schminkkoffer die Pistole ihres arabischstämmigen Mannes. Er ist arbeitslos, wer weiß, was er den ganzen Tag so tut? Bei Premierministers daheim ist das Hauptproblem, dass der Sohn (Thomas Doret) nicht zur Schule gehen will, warum, wird schnell klar, und schon bewegt sich die Kamera wieder von stuckierten Räumen in Hochhaussiedlungen und das schäbige Apartment, in dem Alexia dem ausgebüxten Politikersohn das Blut von der Stirn tupft.

          In diesem Kaleidoskop kommt zusammen, wer sonst nicht aufeinandertrifft. Das wirkt oft gewollt, aber immer atmosphärisch stimmig, und wohin das führt, will man schon wissen. Fürs Erste in ein erdachtes Paris jenseits aller Wirklichkeit.

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