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Neue RTL-Comedys : Lassen Sie doch den Hosenstall offen

  • -Aktualisiert am

Geben für RTL die „Bösen Mädchen”: Manuela Wisbeck (l.), Isabell Polak und Annett Fleischer Bild:

An diesem Freitag will RTL seinen Comedy-Abend mit zwei neuen Produktionen retten. Und bringt abgesprochen wirkende Streiche vor versteckter Kamera, Teenagersketche und Lacher vom Band. Peer Schader hat sich das schon mal angesehen.

          Was ist schlimmer als die hundertste Versteckte-Kamera-Sendung? Ganz einfach: Die hundertste Versteckte-Kamera-Sendung, bei der man meint, dass nicht die angeblich heimlich gefilmten Passanten an der Nase herumgeführt werden, sondern das Fernsehpublikum. „Böse Mädchen“ hat RTL seine neue Comedy genannt, in der drei Damen ahnungslose Mitbürger in unmögliche Situationen bringen sollen.

          Als Hosenverkäuferinnen im Kaufhaus prusten sie laut los, sobald ein Kunde mit einer neuen Jeans aus der Ankleide kommt. Als Joggerinnen schütteln sie ihre schweißnassen Haare direkt vor zeitunglesenden Café-Gästen aus. Und im Park fragen sie Spaziergänger: „Hätten Sie einen Tintenfisch für mich dabei?“, ernten dafür erstaunte Blicke und lotsen dann die Kollegin hinzu, die einen Tintenfisch aus der Handtasche zieht und sagt: „Ich hab noch einen übrig.“ Dazu gibt es Lacher vom Band. Die Idee erinnert sehr an „Comedy Street“ auf Pro Sieben, für das Simon Gosejohann lange Zeit ziemlich perfekt den Straßenschreck spielte. Doch an das Niveau kommen die drei Damen von RTL ehrlich gesagt nicht heran.

          RTL versichert: alles echt

          Außerdem kommt beim Zuschauen schnell ein böser Verdacht auf - nämlich der, dass hier nicht alles so spontan gefilmt wurde, wie man das bei einer Show mit versteckter Kamera sein sollte. Manche Situationen wirken abgesprochen, die Reaktion vieler „Passanten“ unnatürlich oder übertrieben. Da kratzen sich Herrschaften auffällig am Kopf oder lassen den Mund weit aufstehen, um ihr Erstaunen auszudrücken. Richtig glaubwürdig ist das nicht. Und dass mitten im Park auf einer Brücke so viele versteckte Kameras plaziert sind, um die Konstellationen nachher aus zig verschiedenen Perspektiven zeigen zu können, ist auch ziemlich ungewöhnlich.

          Keine Sorge: Die drei werden Sie nicht überraschen

          Auf Nachfrage versichert RTL dennoch: Da ist nichts gestellt. Und Thomas Wosch, der für die Produktionsfirma Biller & Vass Regie geführt hat, besteht darauf, dass seine Passanten alle echt sind: „Sonst müssten wir in Deutschland wahnsinnig viele begabte Komparsen haben, die das alles so toll spielen können.“ Na gut. Dann ist es eben bloß Zufall, dass die Männer, die aus der Citytoilette kommen, sich alle erst den Hosenschlitz zumachen, als gerade die Toilettentür aufgeht, vor der dann Reporter und Fotografin auf einem eilig hingeräumten roten Teppich warten. Oder es gab ab und an doch einmal eine Regieanweisung an die Opfer, ein bisschen überraschter zu tun, wenn man den Gag mit ihnen wiederholt.

          Wie hoch war das Schmerzensgeld für „Juli“?

          Vor „Böse Mädchen“ schickt RTL heute Abend die Teenager-Sketchshow „Geile Zeit“ auf Sendung, von der man als Allererstes gerne wüsste, welches Schmerzensgeld sich die Popband „Juli“ bezahlen hat lassen, um ihren gleichnamigen Song als Titelmelodie herzugeben. Über die Sketche der von Sony Pictures produzierten Pubertätsparade soll an dieser Stelle besser kein Wort verloren werden.

          Bis auf ein oder zwei Ausnahmen gibt es auch hier wieder bloß Gags vom Fließband. Ob RTL wirklich davon überzeugt ist, mit solch austauschbaren Sendungen seinen Comedy-Freitag retten zu können, an dem bereits Atze Schröder, Mirja Boes, Heiner Lauterbach und leider auch die sehr schöne Brainpool-Produktion „Kinder, Kinder“ gescheitert sind? Vielleicht vertrauen die Kölner aber auch ganz auf Mario Barth, der mit seiner Live-Show im Vorprogramm läuft. Der wird's mit den Quoten schon richten.

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