https://www.faz.net/-gqz-9gh0s

Neue Rossini-Editionen : Glück mit dem Gaukler

  • -Aktualisiert am

Historische Fotografie Gioachino Rossinis aus dem „Journal“ von Edmond und Jules de Goncourt Bild: Haffmans bei Zweitausendeins

Vor 150 Jahren starb Gioachino Rossini. Zwei große Editionen seiner Opern, Lieder und Kirchenmusik belegen, dass es endlich wieder die Sänger gibt, durch die wir seine Musik neu lieben lernen.

          4 Min.

          O tanto triste: Die Feier zum 150. Todestag von Gioachino Rossini am 13. November bleibt aus. Die deutschen Bühnen gönnen dem Komponisten nur drei Premieren: „Il Barbiere di Siviglia“ in Dortmund und in Kiel sowie von „La Cenerentola“ in Koblenz.

          Höchst seltsam eigentlich nach der Rossini-Renaissance, die in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, zur Gründung von Festivals in Pesaro und Bad Wildbad führte und zu Revivals von mehr als zwei Dutzend seiner 39 Opern, nicht zuletzt zu vielen Aufnahmen.

          Aber die Stellung der Zeiten zu den großen Meistern unterliegen dem Wandel, und doch bleibt es „ein geschichtliches Rätselbild“ (Carl Dahlhaus), dass vom „Zeitalter Beethovens und Rossinis“ gesprochen wurde. Aber nur drei Jahrzehnte nachdem er 1854 von Stendhal zum „Napoleon der Musik“ ernannt worden war, urteilte Richard Wagner ihn als „ungemein geschickten Verfertiger künstlicher Blumen“ ab.

          Rossini ist mehr als ein One-Hit-Wonder

          Dass der vermeintliche Bonvivant womöglich der melancholischen Compagney angehörte, scheint aus einem Lied auf einen Text von Pietro Metastasio zu klingen: „Mi lagnerò tacendo“ – „Ich werde schweigend mein bitteres Schicksal ertragen, aber dass ich dich, o Liebste, nicht lieben soll, kannst du von mir nicht erwarten.“ An die fünfzig Versionen soll er zwischen 1820 und 1860 von diesem Lied geschrieben haben. Nur eine kleine Alltagsübung? Oder doch ein Bekenntnis?

          Sieben davon sind auf CD Nummer vierzig einer umfassenden Rossini-Edition (bei Warner) mit dem amerikanischen Tenor Rockwell Blake zu hören, weitere fünf auf einer Anthologie der Decca mit den Aufnahmen, die Cecilia Bartoli seit 1989, dem Jahr ihres Platten-Debüts mit „Il Barbiere di Siviglia“, herausgebracht hat. Diese beiden Sammlungen zeugen, aus rezeptionshistorischer Sicht, von der „Erkundung eines Archipels“ seit Ende der sechziger Jahre, nachdem Rossini das Jahrhundert nach seinem Tod (1868) nur als „Ein-Stück-Komponist“ hatte überleben müssen: als der von „Il Barbiere di Siviglia“, jener komischen Oper, die auch 1968 schon für viele Aufführungen zu Rossinis hundertstem Todestag herhalten musste.

          Fahrlässige Entstellung einer Partitur

          Mit einer Ausnahme: Der damals vierzigjährige Dirigent Alberto Zedda mochte sich nicht mit der Routine einer Pflichtaufführung abfinden. Bei der Vorbereitung entdeckte er, dass die Ricordi-Partitur in einem Maße von dem in Bologna aufbewahrten Autograph abwich, das nur als Entstellung zu bezeichnen war. In das vom Verlagshaus geliehene Material trug er so viele Korrekturen ein, dass es für andere Dirigenten nicht mehr brauchbar war.

          Zedda mochte die Kosten, die ihm von Ricordi in Rechnung gestellt wurden, nicht begleichen. Was er erhalten hatte, war nicht Rossinis „Barbiere“, sondern dessen Entstellung. Aus Furcht vor einer rufschädigenden Auseinandersetzung erhielt Zedda vom Verlag den Auftrag, eine neue Fassung zu erstellen – es war die erste kritische Edition einer italienischen Oper aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die Details zu dieser editorischen Fahrlässigkeit finden sich in Philip Gossetts „Divas and Scholars. Performing Italian Opera“.

          Echte Rossini-Stimmen sind eine Rarität

          Typisch für den star-fixierten Betrieb, dass Zedda nicht der Erste war, der seine Fassung 1969 am Teatro alla Scala aufführen und zwei Jahre später auch einspielen durfte, sondern Claudio Abbado, der alsbald auch „La Cenerentola“ – erneut in einer von Zedda vorbereiteten Fassung – herausbrachte, inszeniert von Jean-Pierre Ponnelle. Diese Inszenierung wurde zwischen 1971 und 1984 an etwa fünfzehn europäischen und amerikanischen Bühnen gezeigt. Sie löste eine Begeisterung aus wie einst bei Richard Strauss, der nach Rossini-Aufführungen mit der spanischen Mezzosopranistin Conchita Supervia „wahnsinnig vor Entzücken“ war.

          Weitere Themen

          Nennen wir es Innigkeit

          Raffaels Madonnen in Berlin : Nennen wir es Innigkeit

          Die Berliner Gemäldegalerie läutet die Feierlichkeiten zum fünfhundertsten Todestag des Malergenies Raffael mit einer Kabinettausstellung seiner Madonnenbilder ein. Dabei wäre auch ein größerer kulturhistorischer Überblick möglich gewesen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.