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Neue Rossini-Editionen : Glück mit dem Gaukler

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Damit ist der Schlüssel erwähnt, ohne den sich die Türen in die Paläste Rossinis nicht öffnen lassen: wirkliche voci rossiniane, Rossini-Stimmen. Dass solche Stimmen in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts rar geworden waren, lag an der kompositorischen Entwicklung, die mit Giuseppe Verdi eingesetzt hatte und ihre Fortsetzung in der Manier des Verismus fand.

Was verlorenging, war – in formelhafter Vereinfachung gesagt – die Balance zwischen dem Dekorativen und dem Deklamatorisch-Expressiven. In den von Verdi, Giacomo Puccini und den Veristen dominierten Spielplänen wurden Rossini-Virtuosen nicht mehr gebraucht. Die Koloratur wurde zur Domäne der leichten Soprane, der soprani leggeri, die etwa die Mezzosopran-Partie der Rosina in „Il Barbiere di Siviglia“ zwitschernd verniedlichten. Ein quälendes Beispiel: Beverly Sills in der Einspielung unter James Levine, die in die Warner-Sammlung aufgenommen wurde – zwar wider allen Sinn, lehrreich aber als Beispiel dafür, wie Rossinis Musik durch die Ausführung entstellt werden kann.

Warner-Sammlung wird Bellcanto gerecht

Fast alle Rossini-Aufnahmen der sechziger und noch der frühen siebziger Jahre leiden darunter, dass verzierte und dazu hochliegende Tenor-Partien so wenig besetzt werden konnten wie die virtuos-kolorierten Bass-Rollen. Zwei Beispiele aus der Warner-Edition: In „Il Turco in Italia“ unter Gianandrea Gavazzeni gerät Nicola Rossi-Lemeni als Turco bei den „Teilungen“ ins Holpern und Stolpern. Für „La Cenerentola“ hatte Vittorio Gui, einer der überragenden Rossini-Dirigenten, in Ian Wallace einen Don Magnifico, der das Problem seiner schwierigen zweiten Arie einfach durch Auslassung löste.

Wie die Komik dieser Figur in der Rhythmik des Gesangs, im Presto-Sillabato, dem Feuerwerk der prasselnden Silben, abgebildet werden kann, ist bei dem großartigen Bass-Virtuosen Enzo Dara in der Bartoli-Aufnahme zu erleben.

Umso erfreulicher, dass die weiteren Gesamtaufnahmen der Warner-Sammlung in den meisten Belangen, wenn auch nicht allen, dem Komponisten und jener Gesangssprache, die pauschal als Belcanto bezeichnet wird, gerecht werden. Sie zeigen, dass Rossinis Gesangs-Typen zurückgekehrt sind: der virtuose Mezzosopran von Marilyn Horne bis hin zu Cecilia Bartoli und Joyce DiDonato; der hohe und koloratursichere Tenor von Chris Merritt bis hin zu Raúl Giménez, Juan Diego Flórez und Xavier Camarena; der wendige Bass von Enza Dara bis Samuel Ramey.

Mit den Aufnahmen Rossini lieben lernen

Einige sind in famosen Solo-Recitals zu erleben: Marilyn Horne mit Arien und Liedern und Joyce DiDonato mit Arien, die Rossini für seine Ehefrau geschrieben hat: seine „Muse, Isabella Colbran“. Des Staunens ist kein Ende, wenn der amerikanische Tenor Rockwell Blake etwa die Koloraturen von Almavivas „Cessa di più resistere“ in einem atemberaubenden Prestissimo ausführt. In früheren Aufführungen war die Arie entweder gestrichen oder mit der Ha-Ha-Ha-Ha-Lachkoloratur entstellt worden.

Später hat Rossini dieses Rondo aus dem „Barbiere“ sowohl für das Finale von „La Cenerentola“ als auch für die Kantate „Le Nozze di Teti, e di Peleo“ gebraucht. Welch ein Entzücken, Cecilia Bartoli in einer frühen Solo-Aufnahme der Arie ebenso zu hören wie in der Gesamteinspielung unter Riccardo Chailly, in einer DVD-Aufzeichnung der Oper und nicht zuletzt in der Kantate – und jedes Mal mit spontanen neuen Nuancen.

Die hier versammelten vier CDs mit Arien und Liedern, mit dem „Stabat Mater“, den Gesamtaufnahmen von „Il Barbiere“, „Il Turco in Italia“, „La Scala di Seta“ und „Cenerentola“ und die DVDs mit „Le Comte Ory“, „Il Turco in Italia“, „La Cenerentola“ und „Otello“ sind wahre Großtaten für Rossini, der ihr „in den vergangenen dreißig Jahren ein treuer Freud war und den ich mehr denn je liebe“. Und durch sie lernen wir ihn zu lieben.

Das sind die neuen Editionen

Warner: Rossini Edition: Aufnahmen von siebzehn Opern, Stabat Mater, Petite Messe solenelle; Messa di Gloria. Solo Recitals. 50 CDs. Warner 0190295611156

Decca: Cecilia Bartoli – Rossini Edition: Gesamtaufnahmen von vier Opern, Stabat Mater, Arien und Klavierliedern, drei Opern-Inszenierungen auf DVD. 15 CDs & 6 DVDs. Decca 4833963 (Universal).

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