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Serie „Zimmer 108“ bei Arte : Die untote Detektivin ermittelt in eigener Sache

  • -Aktualisiert am

Kato (Lynn Van Royen, rechts) würde ihrer Mutter Kristel (Inge Paulussen) gerne Trost spenden, doch kann diese sie nicht sehen. Bild: Arte

Die Arte-Serie „Zimmer 108“ folgt den Spuren eines brutalen Mordes. Der Clou an der Sache: Das Opfer, eine junge Frau namens Kato, nimmt die Sache selbst in die Hand.

          Höhepunkt des Jahres ist das Schützenfest mit Aufmarsch des Limburger Regiments in historischen Uniformen. Manchmal finden Motocrossrennen mit jungen Fahrern statt, das wars. Mehr Zerstreuung hat Belgien im Limburgischen, westlich von Maastricht gelegen, in dieser Serie nicht zu bieten. Eine flache Gegend, humorfreie Zone, ausgesucht düster gefilmt, mit schwerer schwarzer Scholle und Pferden, die draußen Schutz suchen müssen. Zola-Land. Vernachlässigte Grenzregion und Bauernland, von dem keiner reich wird. Feucht, dank der Maas und der Baggerseen. Ziemlich öde für junge Leute. Harter Schnaps und billiges Bier nach Feierabend für alle. Bezahlt wird mit regelmäßigem Filmriss in den Erinnerungen.

          Die neunzehnjährige Kato Hoeven (Lynn Van Royen), die am Morgen nach der Kür der Schützenkönige in „Zimmer 108“ auf dem Bett des geschlossenen Hotels „Beau Séjour“ aufwacht, passt schon physiognomisch nicht zur Schwerfälligkeit der Umgebung. Wie ein schlauer Puck oder der Luftgeist Ariel sieht sie aus. Raspelkurze Haare, zierliche Figur, fein gezeichnetes Jungengesicht. Ein unbestimmtes Wesen, nicht Frau, nicht Mann. Aber mit verkrusteten Blutströmen auf einer Seite des Kopfes. Kato hat keine Ahnung, was passiert ist. In der Badewanne aber liegt sie ebenfalls, mit Kopfwunden, ermordet. Das macht zwei Katos in einem Bild. Ist die Kato, die flieht, irgendwie nach Hause gelangt, sich duscht und umzieht, ein Geist? Eine ruhelose Doppelgängerin? Ein Zombie? Und wenn ja, warum?

          Ihr Lieblingslied legt sie auf der Beerdigung selber auf

          Sie ist Detektivin in eigener Sache und will verzweifelt wissen, warum ein halbes Dutzend Leute sie sehen, so wie sie sich sieht, und alle anderen nicht. Ist ihr Mörder unter den „Sehern“? Je länger die Ermittlung ihrer Todesumstände dauert, umso mehr Geheimnisse werden aufgedeckt. Kaum jemand bleibt, was er zu sein schien. Selbst die Phantasie- und Beziehungslosesten haben ihre Leichen im Keller versteckt. Ein Doppelmord geschieht, den die geisterhafte Kato nicht kommen sah. Sie ist weder prophetisch geworden noch allwissend. Als Zaungast versucht sie lediglich, den Lauf des Geschehens zu lenken. Wenn niemand das Lieblingslied kennt, das bei ihrer Beerdigung gespielt werden soll, legt sie es selbst auf. Der Bergung ihrer Leiche schaut sie mit gemischten Gefühlen zu. Von ihrer Autopsie hingegen flieht sie mit Übelkeit. Wer will schon seine eigenen Organe anschauen?

          Am Apparat: Kato (Lynn Van Royen) nimmt Ermittlungen auf.

          Die zehnteilige belgische Mysterykrimiserie „Zimmer 108“ (Regie Nathalie Basteyns und Kaat Beels), die Arte an fünf Donnerstagen in Doppelfolgen zeigt, lohnt das Anschauen nicht nur für Liebhaber von Serien wie „Weinberg“ oder „Broadchurch“. Die Idee ist reizvoll und wird von den Autoren Bert Van Dael, Sanne Nuyens und Benjamin Sprengers feinsinnig durchgespielt. Belgien war so oder so noch keine Hausnummer im Eurokrimi. Geschickt hat man sich aufgespart. Das hochwertige Setting erinnert bestenfalls von fern an skandinavische Noir-Krimis.

          Menschen, denen man die körperliche Arbeit ansieht

          Im Mittelpunkt der bezeichnend kleinstädtischen Gemeinde, in der mit Marion Schneider und Dora Plettinckx (Katrin Lohmann und Mieke De Groote) bald zwei auswärtige Kommissarinnen der belgischen Bundespolizei mit Unterstützung der lokalen Kollegen ermitteln, stehen Menschen, denen man die körperliche Arbeit und eine gewisse Beschränktheit ansieht. Lediglich Luc (Kris Cuppens), der alkoholkranke Schuldirektor, und die Lehrerin Kristel (Inge Paulussen) fallen aus dem Rahmen. Ein Ex-Ehepaar, die leiblichen Eltern von Kato. Mit dem Stiefvater Marcus Otten (Jan Hammenecker) und den Stiefgeschwistern Sofia (Charlotte Timmers) und Cyril (Guus Bullen) lebt Kato bei der Mutter in einem Haus mit unheilschwangeren Blümchentapeten. Vater Luc hält es in einem klinisch kalten Bungalow aus.

          Die Interieurs und das Szenenbild sprechen überhaupt Bildbände (Kamera Anton Mertens, Szenenbild Max Van Essche). Der lokale Polizeichef Alexander Vinken (Johann Van Assche) hat sich nicht ohne Grund mit Möbeln im Gelsenkirchener Barockstil umgeben, nur im Raum des Sohnes Charlie (Joren Seldeslachts), der vor kurzem aus der Psychiatrie entlassen wurde, breiten sich die Andenken an die Großeltern nicht aus. Katos Ex-Freund, der Motocrossfahrer Leon Vinken (Maarten Nulens) lebt auf freiem Feld in einem schäbigen Wohnwagen. Am seltsamsten aber ist das Hotel „Beau Séjour“. Warum kam Kato ausgerechnet in „Zimmer 108“ zu Tode?

          Wer das „Binge Watching“ schätzt, also das Schauen aller Folgen einer Serie hintereinander, wofür sich „Zimmer 108“ anbietet, muss die aufgenommenen Sechzigminüter ein paar Wochen ruhenlassen, bevor das Rätsel am 30. März in der letzten Folge gelüftet wird. Geduld zahlt sich aus. Die realistisch-milieustarke Serie mit übersinnlichem Touch gewann im vergangenen Jahr beim Pariser Serienfestival „Séries Mania“ zu Recht den geschätzten Publikumspreis.

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