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Neue Krimiserie : James Bond in Soutane

  • -Aktualisiert am

Ermitteln im Auftrag des Herrn: Francis Fulton-Smith als Pater Castell Bild: picture-alliance/ dpa

Der Kleriker als Detektiv ist keine neue Figur in der Fernsehlandschaft, doch so weltlich wurde er selten in Szene gesetzt: Die neue Krimiserie „Ihr Auftrag, Pater Castell“ schickt einen Pastor auf Spurensuche, der es an Cleverness, Muskelkraft und Erotik mit James Bond aufnehmen könnte.

          Woher kommen wir, wohin gehen wir? Wo ist der rechte Weg? Werden die Füße zuerst ihren Geist aufgeben oder der Wille? Und welches Blasenpflaster sollen wir auf unsere Pilgerreise zum Ich mitnehmen? Wer sich in letzter Zeit solche Fragen gestellt hat, liegt im Trend. Seit Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg zu sich gefunden hat, haben wir uns vom Land der Dichter und Denker in eine Nation der Wanderer und Sinnsucher verwandelt.

          Eigentlich handelt es sich hierbei auch nur um eine Renaissance. Schon Eichendorffs romantischer „Taugenichts“ fand sein christliches Heil auf dem Weg durch Feld, Wald und Flur. Heute haben wir das „Promi-Pilgern“. Mit allzu viel kirchlichem, römisch-katholischem Brimborium soll man uns freilich nicht mehr kommen. Schließlich wissen wir seit Dan Browns „Da Vinci Code“ von den angeblichen Machenschaften des Vatikans. Und wer Umberto Ecos „Der Name der Rose“ gelesen hat, traut Mönchen und Kirchenoberen ohnehin jede Hinterlist zu.

          Weltliche Spurensuche

          Wie die neue ZDF-Krimiserie zum Trend, „Ihr Auftrag, Pater Castell“, die beim Zuschauen anfänglich wie eine merkwürdige Mischung aus „Don Camillo und Peppone“, „Akte X“ und „Pater Brown“ wirkt, aber zunehmend Unterhaltungswert gewinnt. Es treten auf: die alleinerziehende, natürlich atheistische Karrierefrau und Münchner LKA-Beamtin Marie Blank (Christine Döring) und der römische Jesuitenpater Simon Castell (Francis Fulton-Smith). Die Ausgangslage: Sobald durch einen Kriminalfall die Grundfesten der katholischen Kirche zu wanken drohen, schickt Kardinalstaatssekretär Scarpia (Hans Peter Hallwachs), der oberste Beamte des Stellvertreters Christi auf Erden, seinen Sonderermittler Castell los, um den weltlichen Spurensuchern auf die Sprünge zu helfen.

          Der Zufall will es, dass alle vier Fälle der ersten Staffel sich im Münchner Raum abspielen. Der Pater würde nicht vom Zufall, sondern der Vorsehung sprechen, die drehbuchgemäß dafür sorgt, dass Marie Blank und Simon Castell in der ersten Folge, „Das Labyrinth“, sich erst zum ungleichen Traumpaar zusammenfinden und die Zuschauer dann drei Folgen lang zwar nicht über religiöse Fragen ins Grübeln kommen, aber darüber, ob der Zölibat wirklich noch zeitgemäß ist.

          James Bond im Auftrag des Klerus

          Der bisher eher auf biederste Familienserien abonnierte Francis Fulton-Smith hat die Rolle des Paters als „Geschenk Gottes“ bezeichnet. Man kann ihm nur zustimmen. Einen solchen Geistlichen hat die Welt noch nicht gesehen. Statt einen betulich-verschmitzten Pater Brown geben zu müssen, darf dieser Sondergesandte des Vatikans nämlich als James Bond in Soutane auftreten. Er schmilzt die Herzen der stolzesten Frauen, hat die Nahkampfausbildung der Schweizer Garde genossen und verfügt über einen durchtrainierten Körper, fliegt seine Cessna im Auftrag des Herrn selbst über die Alpen - gern in weiblicher Begleitung -, führt uns ein in die Geheimnisse des Vatikans, kennt das Leben der Heiligen, ist intelligent, kombinatorisch begabt und memoriert die Bestände der Bibliotheca Vaticana bis zum letzten Folianten.

          Eine bessere Werbeikone im hiesigen Fernsehen könnte der Heilige Vater in Rom sich nicht wünschen. Und es wird wohl kein Zufall, sondern eher versteckte Huldigung der Autoren sein, dass die erste Folge der Serie, deren Kriminalfall vernachlässigenswert ist, sich um die Vita des Heiligen St. Emmeran von Regensburg dreht.

          Das Team um Marie Blank dagegen fungiert bis auf weiteres vor allem als Stichwortgeber für den Gottesmann. Der Gerichtsmediziner Deißmann (Anatole Taubman) gibt berufsbedingt den Zyniker, dem Pater Castell mit Milde, aber ohne Herablassung begegnen darf. Wer in der Leichenzergliederung seine Profession gefunden hat, weiß es halt nicht besser. In diesem höheren Sinn ist „Ihr Auftrag, Pater Castell“ denn wohl auch als religionspädagogische Antwort auf „CSI“ zu verstehen. Alles in allem aber bleibt „Ihr Auftrag, Pater Castell“ unterhaltsam und nett, aber durchaus belanglos. Deutschland hat jetzt den Superpastor. Dass der beim ZDF-Publikum gut ankommt, steht außer Frage.

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