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Neue „Street View“-Aufnahmen : In der Schweiz lebt kein Mensch

Welch ein Anblick: Die Sonne strahlt, das Matterhorn gleißt, der Weg lädt ein zum Wandern. Komisch, dass hier gerade niemand unterwegs ist. Bild: Google Street View 2015

Google hat für seinen Dienst „Street View“ die Schweiz noch einmal fotografiert. Ein Gericht erzwang, Personen und Orte zu verpixeln. Geklappt hat das nicht: Nun gibt es eine künstliche Panorama-Welt.

          Schweiz Tourismus jubelt: Ein Rundgang durch die Genfer Altstadt gefällig? Oder ein Spaziergang in Zermatt mit anschließendem Gletschertrekking zur hochmodernen neuen Monte-Rosa-Hütte, in der man eh nie einen Platz bekommt? Matterhorn inklusive. Auch das nukleare Forschungszentrum Cern bei Genf lässt sich per Mausklick virtuell besichtigen. Genauso wie das Basler Münster. Im Tessin locken die herrlichen Wanderwege am San Salvatore – auf Street View strahlt die Sonne über der Schweiz auch im Winter, wenn es schneit. Und nachts. Bei Regen und bei Nebel.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Google hat das Land für Street View neu verfilmt und ins Zentrum der Welt gerückt. Der Konzern meldete den Abschluss des Updates praktisch gleichzeitig mit der nationalen Marketingagentur Schweiz Tourismus: „Street View sehen wir als Geschenk für den schweizerischen Fremdenverkehr“, bedankt sich deren Direktor Jürg Schmid. Weniger vollmundig formuliert: für einen gewaltigen Werbespot, gratis von Google.

          Datensammlung aus Versehen

          Zermatt setzt auf Street View als Kommunikationskanal, der die „Themen- und Hauptwanderwege“ erschließe. Die Gäste, jubelt Tourismusdirektor Daniel Luggen, „können auf unserer Website virtuell wandern und so einen ersten Eindruck bekommen, wie schön es bei uns ist“. Schmid schwärmt von der „Möglichkeit, die landschaftlichen und kulturellen Schönheiten der Grand Tour of Switzerland mit 360-Grad-Panoramas zu zeigen.“ Die Aufstiege zu einigen Berghütten hat Google in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Alpenklub SAC verfilmt. Es werde jetzt praktisch das gesamte Straßennetz der Schweiz gezeigt. Und: Die Zahl der Bilder ist zehnmal größer als zuvor.

          So sieht ein klassisches Fotoshooting von Google aus: Ein „Street View“-Auto 2011 in Berlin

          Zuvor – das war 2009, als Google Street View Schweiz erstmals ins Netz gestellt wurde und umgehend mit dem eidgenössischen Datenschützer Hanspeter Thür in Konflikt geriet. Bei ihren monatelangen Fahrten durch die Schweiz hatten die Google-Autos nicht nur das Land abgefilmt, sondern aus ungesicherten W-Lan-Netzwerken E-Mails, Passwörter und andere Informationen über die Internetnutzer abgegriffen. Irrtümlicherweise sei das geschehen, beteuerten die Verantwortlichen und versprachen, die Daten zu löschen.

          Wer sich meldet, wird verpixelt

          Die Schweizer machten sich dann einen Sport daraus, ihre Prominenten oder auch nur Nachbarn und Bekannte zu erkennen. Eine ältere Dame unseres Wohnhauses war beim Klingeln an der Tür deutlich zu identifizieren. Der Präsident des FC Sion, Christian Constantin, hatte seinen Porsche auf dem Gehsteig vor einem Polizeiposten abgestellt – erkennbar trotz der Verpixelung der Nummer. Einen Schriftsteller hatten die Kameras beim Betreten des Radiostudios in Lausanne erfasst. Auf öffentlichen Plätzen waren die Passanten unfreiwillig auf den Radarschirm der Sammelmaschine geraten. Beklagt hatten sich nur wenige, auch Constantins Drohung einer Geldforderung war nur ein Scherz.

          Der Datenschützer aber nahm die Sache ernst. Er ging vor Gericht und forderte klare Verhältnisse: Menschliche Gesichtszüge und Kfz-Kennzeichen müssten unkenntlich sein. Das gelte besonders für die Umgebung von „sensiblen Plätzen“: Frauenhäuser und Altersheime, Gefängnisse, Schulen, Gerichte, Sozialbehörden, Bordelle. Hier gelte es, Anonymität zu gewährleisten. Höfe und Gärten privater Häuser dürfen nicht abgebildet werden – jedenfalls nicht ohne Zustimmung. Das Gericht stützte Thürs Katalog und Kriterien voll und ganz. Es sprach sich sogar dafür aus, dass Kleidung und Hautfarbe unkenntlich gemacht werden sollten. Das Urteil wurde von den Datenschutzbehörden vieler Länder als vorbildlich eingestuft und zur Nachahmung empfohlen. Google indes bezeichnete die Auflagen als viel zu streng und nicht erfüllbar: „Wenn wir eine komplette Unkenntlichmachung von Gesichtern und Kennzeichen erreichen wollten, müssten wir jedes einzelne der Millionen von Schweizer Bildern manuell prüfen“, erklärte damals ein Sprecher. Und schlug vor: Wer sich meldet, wird verpixelt.

          Die Schweiz voller Lecks und Lücken

          Google zog das Verfahren bis zur höchsten juristischen Instanz. Das Bundesgericht lehnte nur die totale Anonymisierung ab, eine automatisierte Bereinigung – mit einer Erfolgsquote von 98 Prozent – reiche aus, sagten die Richter. In allen anderen Punkten aber folgten sie Hanspeter Thürs Forderungen. Im Internet muss eine Postadresse für Reklamationen angegeben werde. Die maximale Kamera-Höhe ist auf zwei Meter beschränkt. Über die Aufschaltung neuer Aufnahmen muss Google die Öffentlichkeit informieren.

          Mit der Kamera über die Piste: So fuhr Google Schlitten.

          Das Unternehmen feierte das Urteil als Sieg und machte sich an die Umsetzung. Bis zum Juli 2014 wollte man die Auflagen erfüllen, aber nichts geschah. Offensichtlich waren die Auflagen doch zu hoch. Google entschloss sich zu einer Rundumerneuerung. Für die Schweiz wurde ein Aufwand betrieben, den man keinem anderen Land zukommen ließ. Die Liste der „sensiblen Orte“ ist sehr, sehr lang geworden und umfasst rund 20000 Institutionen. Um diese herum wird alles, was sich in einem Radius von siebzig Metern befindet, ausgeblendet. In Zürich, stellt der „Blick“ fest, kann man nicht mehr am Gefängnis und an der Psychiatrischen Klinik Burghölzli vorbeiflanieren. Die NZZ moniert: Wegen der beschränkten Kamerahöhe bekomme man viel mehr Autodächer zu sehen, die Fahrradwege seien kaum erkennbar. Zum Glück gibt es kein Bankgeheimnis mehr, sonst hätte Google wohl noch ein paar tausend weitere Plätze ausblenden müssen.

          Aber natürlich gefällt diese Schweiz voller Lecks, Lücken und Löcher den Tourismusbehörden: Es ist eine einzige Postkarte in 3D. Man freut sich umso mehr, als die Zeiten schwierig sind und der Franken viel zu teuer ist. Und dass es für den Rivalen Österreich Street View nicht gebe, wird erst recht als helvetischer Standortvorteil verstanden. Doch wie alles, was Google der Welt beschert, hat auch dieses „Geschenk“ seinen Preis: Die virtuelle Inszenierung ist so perfekt, dass die Besucher versucht sein könnten, auf die teure Reise in ihre Realität zu verzichten.

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