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Neue Fernsehserie von Dick Wolf : Das Herz der Nation

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Manchmal brennt es, auch wenn das Feuer schon gelöscht ist: Jesse Spencer und Joe Minoso spielen in „Chicago Fire“. Bild: NBC / Courtesy Everett Collection

Dick Wolf ist die Legende des amerikanischen Serienfernsehens. Zwanzig Jahre lang lief sein „Law and Order“, Schauplatz war New York. Jetzt legt er eine Feuerwehrgeschichte aus Chicago vor.

          3 Min.

          Es ist oft nicht leicht, der Neue zu sein. Auch nicht auf der Feuerwache 51 in Chicago, wo die NBC-Serie „Chicago Fire“ spielt. Hier macht sich der junge Anwärter Peter Mills (Charlie Barnett) auf Drängen der Kollegen an die hübsche Rettungssanitäterin Leslie Shay (Lauren German) heran. „Sind Sie homosexuell, Mills?“, will die von ihm wissen. „Nein!“, ruft der aus, sie sagt: „Ich aber“, und die Kollegen kringeln sich.

          In „Chicago Fire“ werden zwischen Rettungseinsätzen die privaten Dramen der Figuren durchgespielt, Heldenmut und Liebe und Eifersucht und Kameradschaft bilden ein kompliziertes Gewebe, und am Ende gehen die Dinge meist gut aus. Die Serie ist weniger scharfkantig als FXs „Rescue Me“, die zuletzt einen Blick ins verborgene Leben der Feuerwehrmänner und -frauen, hier in New York, warf und dabei vor allem in die Abgründe traumatisierter Psychen blickte. In NBCs Feuerwache geht es eher zu wie in „Grey’s Anatomy“: Die beiden Alphamänner in der Wache, Matthew Casey (Jesse Spencer als spröder Gutmensch) und Kelly Severide (Taylor Kinney als attraktiver Hitzkopf), führen eine eisige Beziehung, seit sie sich gegenseitig für den Tod eines Kollegen verantwortlich machen; Kelly wohnt mit der Rettungssanitäterin Leslie zusammen, die mit ihrer eigensinnigen Kollegin Gabriela Dawson (Monica Raymund) durch dick und dünn geht; Gabriela wiederum hat ein Auge auf Casey geworfen und findet auch den Neuling Mills ganz attraktiv.

          Auf die Drehbücher kommt es an

          Nein, sagte der Produzent Dick Wolf vor wenigen Tagen in Pasadena bei einem NBC-Pressetreffen, er habe keine Anleihen bei „Rescue Me“ genommen, schon weil Kabelfernsehen und Network-TV zwei ganz verschiedene Welten seien. „Wir machen keine bahnbrechenden Serien, wir machen Wohlfühlfernsehen.“ Wolf ist alles andere als ein Neuling. Er ist die Fernsehlegende, die hinter „Law and Order“ steht, jener Serie, die halb Polizei-, halb Justizepos ist und bei ihrem Auslaufen 2010 nach der zwanzigsten Staffel neben „Gunsmoke“ zur am längsten laufenden amerikanischen Fernsehserie wurde. Von den insgesamt vier Ablegern von „Law and Order“ läuft „Special Victims Unit“ zurzeit in der vierzehnten Staffel, außerdem produziert Wolf noch eine britische Version.

          Das Geheimnis von erfolgreichem Fernsehen, sagte Wolf, sei schon vor zwanzig Jahren bekannt gewesen: „It’s the writing, stupid. Es geht immer um die Drehbücher.“ Der Sechsundsechzigjährige stand im Konferenzsaal des Langham-Hotels, und weil er die beiden männlichen Stars seiner Show, die ebenfalls anwesend waren, nicht düpieren wollte, fügte er hinzu: „Bei allem Respekt natürlich für die großartigen Leute, die man finden muss, um diese Dinge dann vor der Kamera zu sagen.“

          „New York ist totgefilmt“

          Dick Wolf macht seit achtundzwanzig Jahren dialogstarkes Kriminalfernsehen. Als Drehbuchautor der preisgekrönten Polizeiserie „Hill Street Blues“ begann er seine Karriere, er schrieb für „Miami Vice“ und machte mit „New York Undercover“ die erste Krimiserie mit schwarzen und lateinamerikanischen Protagonisten. Wolfs Neuauflage des Krimi-Klassikers „Dragnet“ scheiterte 2004, aber da hatte er schon die bald erfolgreichste Krimiserie aller Zeiten samt zwei Ablegern im Programm. Und warum jetzt Feuerwehrleute? „Weil mich fasziniert, dass man niemanden bezahlen kann, in ein brennendes Haus zu rennen“, sagt Wolf. „Das ist eine ganz besondere Einstellung.“ Zumal, wie er anfügt, Feuerwehrleute die zweithöchste Zufriedenheitsrate aller Berufsgruppen aufwiesen (an oberster Stelle rangiert laut dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“ der Klerus).

          Geschrieben wird die Serie von Michael Brandt und Derek Haas, die zuvor die Drehbücher zu dem Kinowestern „3.10 to Yuma“ und dem Angelina-Jolie-Thriller „Wanted“ verfassten, und für die erste Folge von „Chicago Fire“ konnte Dick Wolf den Chicagoer Bürgermeister und vormaligen Stabschef von Barack Obama, Rahm Emanuel, zu einem Mini-Gastauftritt überreden (auch bei „Law and Order“ waren schon verschiedene Bürgermeister von New York zu sehen). Der fragte, wieso die Serie ausgerechnet in Chicago angesiedelt sei. „New York ist totgefilmt“, entgegnete Wolf, wohl mit Blick nicht nur auf „Rescue Me“, sondern auch auf sein „Law and Order“-Franchise. „Und eine Feuerwehrserie in Los Angeles ansiedeln? Nein, diese Figuren sind keine L.-A.-Typen. Chicago dagegen repräsentiert das Herz dieser Nation.“

          Aber manchmal reichen auch ein gutes Buch und ein stimmiges Setting nicht, um sofort die Gunst des Publikums zu erlangen. Bislang hat NBC, angesichts mittelmäßiger Quoten, noch keine zweite Staffel bestellt, das Finale der ersten steht in vier Wochen an. Wolf nimmt es gelassen. „Es gibt in Hollywood diesen alten Witz“, sagt er, „dass man immer bloß einen Hit von einer Top-Serie entfernt ist.“ Und wo Dick Wolf beteiligt ist, denkt man auch gleich über eine neue Variante nach. Natürlich im Polizeimilieu.

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