https://www.faz.net/-gqz-8085p

Neue „Charlie-Hebdo“-Ausgabe : Diese Millionen sind ein Albtraum

Es geht wieder los: Auf dem jüngsten Cover jagen unter anderem Bewaffnete, der Papst und Marine Le Pen einen Hund mit „Charlie Hebdo“ in der Schnauze. Bild: AFP

Nach längerer Pause erscheint „Charlie Hebdo“ wieder im gewohnten Takt. Normalität wird die Redaktion nicht mehr erleben. Auf die Solidarität folgten Kritik und interne Kämpfe. Doch die größte Last ist das Geld.

          4 Min.

          Sie sind keine Übermenschen. Auf den Überlebenden des Attentats auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ lastet ein gewaltiger Druck. Am heutigen Mittwoch erscheint die Zeitschrift wieder. Nach einer längeren Karenz ist es die zweite Ausgabe nach dem Massaker. Das Comeback mit einer Auflage von zweieinhalb Millionen Exemplaren soll der Auftakt zum von nun an wieder regelmäßigen Erscheinen im Wochenrhythmus sein.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          200000 neue Abonnenten warten, nur 24000 Exemplare waren vor den Attentaten abgesetzt worden. Die Zeitschrift, die ihre Leser mit beißender Satire zum Lachen bringen wollte, war in ihrer Existenz bedroht. Jetzt schwimmt „Charlie Hebdo“ im Geld und weiß doch nicht, wie weiter. Die halbe Welt wartet auf das neue Heft und interessiert sich nur für eine Frage: Bringen sie wieder Mohammed?

          Normalität wird es für die Redaktion auf Jahre hinaus nicht geben. Über Riss (Laurent Sourisseau), dem neuen Herausgeber, hängt das Damoklesschwert einer Fatwa. Vor seiner Wohnung stehen zwei bewaffnete Polizisten. Das Gespräch für ein Porträt in „Libération“ wurde in einem Hotel, das gut überwacht werden kann, geführt. Beamte begleiteten ihn zum Rundfunk. Seine Medienkontakte werden von Anne Hommel organisiert – sie ist die PR-Beraterin von Dominique Strauss-Kahn. Zum Wochenende gab es auf Twitter eine Kampagne von Morddrohungen gegen Zineb El Rhazoui. Sie hatte die Bildtexte zu Stéphane Charbonniers „Leben des Propheten“ geschrieben. Kürzlich besuchte die Redaktion den Ort, an dem sie in Zukunft arbeiten wird: ein Gebäude, das der Stadt Paris gehört. Es ist eine Art Bunker und Luftschutzkeller.

          Die Redaktion fühlt sich alleingelassen

          Riss hat versucht, neue Mitarbeiter für das Satiremagazin zu gewinnen. Zeichner wie Georges Wolinski und Charb sind schwer zu ersetzen. Die traditionsreiche französische Gattung der Pressezeichnung ist überdies weitgehend der Krise zum Opfer gefallen: Karikaturen leisten sich nur noch wenige Zeitungen. Junge Talente wenden sich den florierenden Comics zu. „Sie fragten, ob sie an den Redaktionskonferenzen teilnehmen müssten oder unter einem Pseudonym veröffentlichen dürfen“, fasst Riss seine Bemühungen um neue Autoren zusammen. „Und versprachen einen Rückruf.“

          Riss, der den Anschlag verletzt überlebte, nimmt es keinem übel. „Im Krankenhaus“, erzählte er im Radio, „fürchtete ich, dass die Täter zurückkehren und mich erschießen könnten. Und noch immer verfolgt mich dieser Albtraum jede Nacht.“ Die öffentliche Solidarität hat der Redaktion auch ihre Einsamkeit bewusstgemacht. Riss erwähnt, dass „Charlie Hebdo“ die dänischen Mohammed-Karikaturen umgehend nachgedruckt hatte: „Alle, dies uns beschwören, unbedingt weiterzumachen, lassen uns an dieser Front ziemlich allein.“

          Auch Chefredakteur Gérard Biard wollte zum Neustart ein Heft ohne den Propheten: „Super, wir machen Sarkozy“, hatten sie beschlossen. Die Anschläge in Kopenhagen zwangen sie, abermals den islamistischen Terror zu thematisieren: „Schon wieder müssen wir darüber schreiben“, stöhnt Gérard Biard. „Man wird uns auch wieder vorwerfen, dass wir in diesem Punkt an einer zwanghaften Fixierung leiden. Aber es ist nicht unsere, es ist ihre Obsession.“

          Kritik aus den eigenen Reihen

          Die Mohammed-Karikaturen sind zum Fluch geworden. Der französische Soziologe Emmanuel Todd hat sich gegen „die Verheiligung“ der Zeitschrift ausgesprochen, deren Porträts des Propheten er als „obszön“ empfindet. Der Einmütigkeit des Slogans „Je suis Charlie“ verweigert er sich: „Die Mohammed-Blasphemien sind eine Demütigung der Schwächsten in unserer Gesellschaft“, sagt er. Nur für die Eliten seien sie ein Nachweis der Meinungsfreiheit.

          Weitere Themen

          Mann der Möglichkeiten

          Retrospektive Peter Weibel : Mann der Möglichkeiten

          Peter Weibel hört beim ZKM in Karlsruhe nicht auf. Warum auch? Seine Retrospektive zeigt, dass er stets vorausahnte, was der Gesellschaft blüht. Als nächstes wären das die „Biomedien“.

          Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf gestorben : Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf war im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Mann der ersten Stunde. Er hatte Sinn fürs Historische, hintergründigen Humor – und blickte voraus. Nun ist der frühere ARD-Programmdirektor im Alter von 92 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Im Bahnhof der Stadt Hangzhou werden ankommende Passagiere aus Wuhan mit Infrarot-Thermometern untersucht.

          Coronavirus : Zahl der Toten auf 25 gestiegen

          Auch die Anzahl der Infizierten ist mit insgesamt über 800 Fällen seit gestern noch einmal deutlich angestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation sieht dennoch bislang keinen internationalen Gesundheitsnotstand.
          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.