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Neue britische Zeitung : Einfach mal dreißig Minuten Zeit

Vorerst ist „The New Day“ umsonst. Künftig soll der geneigte Leser 50 Pence für eine halbe Stunde Zeitungslektüre zahlen. Bild: Reuters

In Großbritannien gibt es eine neue Zeitung nur auf Papier. Das Boulevardblatt der etwas anderen Art glaubt eine Marktlücke zu füllen. Was wird „The New Day“ ausrichten?

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          Alison Phillips atmet auf. „Also, Gott sei Dank, es ist Freitag“, schreibt die Chefredakteurin von „The New Day“ in ihrem Brief an die Leser am Ende der ersten Woche der „ersten selbständigen Tageszeitung“ seit dreißig Jahren. Die ehemalige Verantwortliche der bunten Wochenendseiten des „Mirror“ gesteht, sie habe sich nie vorgestellt, dass es einfach sein würde, ein neues Blatt zu lancieren, hätte sie jedoch gewusst, dass es „ziemlich schwierig“ würde, wäre sie vielleicht zu Hause geblieben, um ihr Haare zu waschen. Die Nachricht, dass Trinity Mirror, Verleger des linken Boulevardblattes „Mirror“, einen neuen Print-Titel gründe, um dem Zeitungssterben entgegenzusteuern, kam, als die Tinte der Nachrufe auf die gedruckte Ausgabe des „Independent“ noch frisch war.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die im Oktober 1986 erstmals erschienene Zeitung wird am 26. März von den Kiosken verschwinden und danach mit einem Stab von 25 Redakteuren „als erste von vielen führenden Zeitungen“, wie der Verleger Evgeny Lebedev prophezeit, auf eine ausschließlich digitale Zukunft setzen. Das von Lebedev als „historische Wandlung“ bezeichnete Umsatteln soll durch den Verkauf der im Oktober 2010 lancierten Kompaktausgabe „i“ an die Regionalzeitungsgruppe Johnston Press finanziert werden.

          Eine nichtssagende Antwort

          Nicht lange nach dem Debüt des „Independent“ konnte sich der Vertriebsleiter nicht vorstellen, dass die Auflage unter 400.000 Exemplare sinken werde. Unterdessen liegt sie bei rund einem Zehntel. Da stellt sich die Frage, wie die Neugründung „The New Day“ meint, sich behaupten zu können. Die Erwartungen von Trinity Mirror sind freilich bescheidener als seinerzeit die des „Independent“. Der Verlag strebt eine Auflage von 200.000 Exemplaren an. Das Boulevardblatt der etwas anderen Art glaubt eine Marktlücke zu füllen. „Neuer Ansatz, neues Layout, neuer Stil“, verspricht die Fernsehwerbung, die sich der Verlag fünf Millionen Pfund kosten lässt. Das Blatt richtet sich an eine Zielgruppe im Alter zwischen 35 und 55 Jahren, die nicht mit Eilmeldungen oder Meinungen bombardiert werden will, sondern sich dreißig Minuten am Tag Zeit nimmt, um auf vierzig Seiten alles zu erfahren, was der „moderne Glas-halbvoll-Typus“ wissen müsse. „Das Leben ist kurz, lass es uns gut leben“, lautet das Motto, das am Fuß jeder Aufschlagseite gedruckt steht. „Sich hinzusetzen und mit einer Tasse Tee in der Hand die Zeitung durchzublättern ist eine der größten Traditionen dieses Landes“, sagt Alison Phillips. Der britische Tee-Konsum ist jedoch in den letzten fünf Jahren um 22 Prozent geschrumpft.

          Seinen Lesern traut „The New Day“ keine große Aufmerksamkeitsspanne zu. Das Blatt, das seine Inhalte vom „Mirror“, von den Regionalzeitungen der Mirror-Gruppe und einer Nachrichtenagentur bezieht und mit 25 Redakteuren zusammenstellt, hält sich an die Devise, die ein Setzer dieser Zeitung in der Bleisatz-Ära zu empfehlen pflegte: „Weiß wird gelesen.“ Die Seiten sind großzügig aufgemacht, die „wesentlichen Nachrichten“ werden in knappen, flapsig formulierten Zehnzeilern zusammengefasst. Lifestyle und Prominentenklatsch dominieren. Auf Leitartikel wird verzichtet. Der Leser soll sich seine eigene Meinung bilden. Zu großen Themen, wie der Europa-Frage oder dem amerikanischen Wahlkampf, kommen Pro- und Kontra-Stimmen zu Wort, oder es werden in sogenannten tiefgehenden Hintergrundberichten die Kernpunkte einer Debatte seicht dargeboten. „Wird Camerons EU-Referendumsabkommen einen Unterschied machen?“, fragte das Blatt am Freitag. Die nichtssagende Antwort lautete: „Es kommt alles drauf an, ob man glaubt, dass das britische Sozialsystem die Einwanderer anlockt, oder ob man glaubt, dass Krieg oder Armut sie hierhertreibt.“

          Was hat „The New Day“ dem „Evening Standard“ voraus?

          Der „Independent“ beweist mit seiner Kompaktausgabe „i“, dass eine gedruckte Zeitung, die ihre Leserschaft kennt, Erfolg haben kann. Das Blatt, das Material aus dem „Independent“ für Leser aller Altersgruppen und Pendler mit wenig Zeit komprimiert, hat eine Auflage von 280.000 Exemplaren. Der Preis beträgt an Wochentagen vierzig Pence, am Samstag fünfzig. „The New Day“ wird nach der Anlaufzeit fünfzig Pence kosten. Es fragt sich, ob Leser die in Gratiszeitungen wie dem „Evening Standard“ oder „Metro“ Ähnliches finden, überzeugt werden können, für „The New Day“ zu zahlen.

          Auch der „Guardian“ setzt auf das Internet, fährt aber mit seiner Strategie des frei offerierten Journalismus und dem Versuch, durch Lesermitgliedschaftsprojekte zu verdienen, statt eine Bezahlschranke zu errichten, erhebliche Verluste ein. Das Unternehmen begründete eine neue Sparwelle mit einem „schnelleren Rückgang der Printwerbung als erwartet, einem langsameren Anstieg der Digitalerlöse, verbunden mit den Kosten des internationalen Ausbaus“. Es wird sogar der Verkauf des Verlagsgebäudes erwogen. Bei den digitalen Erlösen machen den Verlagen die Werbeblocker zu schaffen, die ihre Anzeigen ausblenden. Der Kulturminister verglich dieses Phänomen denn auch mit der Bedrohung, die vor zehn Jahren die Piraterie im Netz darstellte. Diese Herausforderung müsse gemeistert werden, „denn wenn Nutzer nicht nicht auf irgendeine Weise für den Inhalt zahlen, wird der Inhalt letztendlich nicht mehr bestehen“, sagte John Whittingdale. Trinity Mirror gehört zu den Verlagen, die Lesern den Zugriff auf Texte verweigern, bis sie die Werbeblocker abschalten.

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