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Neue ARD-Serie : Diese Anwälte sind auch nur Menschen

  • -Aktualisiert am

Nach dem Tod des Schauspielers Dieter Pfaff besetzt die ARD ihre Anwaltsserie neu: Nun führen Sabine Postel und Herbert Knaup „Die Kanzlei“. Ersetzen können sie ihren Vorgänger nicht.

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          „Der Dicke“ ist weg und fehlt an allen Ecken und Enden. Dieter Pfaff, der 2013 bei den Dreharbeiten zur fünften Staffel der Serie um eine Rechtsanwaltskanzlei in Hamburg-Altona verstarb, spielte eigentlich immer Figuren, die nicht zu ersetzen und damit auch nicht einfach neu zu besetzen sind, und so handhabt es Thorsten Näter, der Drehbuchautor, nun auch postum. Pfaff spielte den einfühlsamen Psychologen, der vor der Erforschung eigener Verletzungen und Merkwürdigkeiten zwar Scheu hatte, sie aber dennoch wie eine Reise ins Ungewisse unternahm, genauso berührend wie seine Figur des Gregor Ehrenberg. Ehrenberg war der Rechtsanwalt derer, die sich in der Regel um das Rechtbekommen betrogen fühlen müssen. Ein Anwalt der kleinen Leute, der ihre Unkonventionalität und gesellschaftliche Nichtteilhabe nachvollziehen konnte, seine Leibesfülle wirkte wie ein Schutzpanzer des Übersensitiven gegen seelische Bedrängnisse.

          Seit „Liebling Kreuzberg“ zählen Anwaltsserien, in denen das Büropersonal mit Mutterwitz kräftig mitermittelt, zu den beliebtesten Serienproduktionen. „Danni Lowinski“ schlägt in dieselbe Kerbe. Gemeinsam ist den Serien ihre Anschlussfähigkeit an das Gerechtigkeitsempfinden des Zeitgenossen, der sich in Opposition zum Berufs- und Karrierejuristen befindet. Hier die schlüpfrig agierenden Fachleute, dort die einfachen Empörten, deren Recherche und Lösung der Fälle meistens in Eigenregie zum Ziel führen. Außenseiterfiguren wie der „Dicke“, Danni Lowinski oder Manfred Krug als Anwalt Liebling halten die beruhigende Vorstellung aufrecht, dass studierter Rechtsbeistand und Gerechtigkeitsverfolger in einer Figur zusammenfinden. Hier bekommt recht, wer Recht verdient.

          Bemerkenswerte Neubesetzung

          Mit dem Tod Dieter Pfaffs ist nun auch Ehrenberg verschwunden und der Serientitel „Der Dicke“ Vergangenheit, „Die Kanzlei“ aber lebt mit neuen Fällen und einer bemerkenswerten Neubesetzung wieder auf. Thorsten Näter schreibt die Serie weiter. Dreizehn Folgen gibt es vorerst von „Die Kanzlei“, und, was die Fälle anbelangt, ist in diesem Büro, das ganz unrepräsentativ in einem Schaufenstergeschäft untergebracht ist, alles wie immer.

          In der ersten Folge, in der Ehrenberg durch sein plötzliches Verschwinden besonders die Kollegin Isa von Brede (Sabine Postel) in Unruhe versetzt, muss mit Gerd Matuschek (Uwe Bohm) ausgerechnet dem halbseidenen Geschäftsmann, der Ehrenbergs Verschwinden wohl ausgelöst hat, aus der Patsche geholfen werden. Isa verteidigt Matuschek nur zögernd gegen den Vorwurf der Förderung der Prostitution. Er kassiere nicht am Beischlaf, sondern erhalte bei seinem Datingportal eine Kontaktvermittlungsprovision, darf sie zu ihrer Erleichterung erfahren. Alles andere wäre dem Zuschauer auf dem Dienstagabendseriensendeplatz der ARD auch kaum zu vermitteln.

          Amüsant-amouröse Auseinandersetzungen

          Ehrenberg, so erfährt man durch die Recherche der patenten Putzfrau Gudrun (Katrin Pollitt) und der Anwaltssekretärin mit Ambitionen, Yasmin (Sophie Dal), ist nach dem plötzlichen Tod seines Vaters abgetaucht. In der zweiten Folge, in der von Brede am Ende in Ehrenbergs Rückzugsdomizil zum Gespräch eintrifft - man sieht lediglich eine Tür, die sich öffnet -, hat Herbert Knaup als neuer Gegenspieler der schlauen und schneidigen Anwältin seinen ersten Auftritt. Sein Markus Gellert betritt die Bühne der „Kanzlei“ als unsympathischer Mensch von Gnaden, ist erst einmal Kontrahent in einem Fall von Hühnerbefreiung aus einem Massenmastbetrieb. So zynisch und geschäftsmäßig, wie der erste Dialog von Knaup und Postel sich gestaltet, wird es im Schlagabtausch der beiden nicht bleiben. Die amüsant-amourösen Auseinandersetzungen zweier Berufs- und Lebenserfahrener bilden den Höhepunkt der Serie auch in den kommenden Folgen.

          Routiniert dynamisch und pfiffig von Regisseuren wie Oliver Dommenget und Claudia Garde gedreht (Kamera unter anderem Georgij Pestov), ist „Die Kanzlei“ gerade wegen der Dialoge in bekannter Katz-und-Maus-Manier nun der Serienhöhepunkt am Dienstag. Die verhandelten Fälle, ohnehin nur Beiwerk in solcherlei Beziehungskomödie, bewegen sich leider auf unterkomplexem Richter-Alexander-Hold- und Barbara-Salesch-Niveau. Rechtsfragen dem großen Publikum wirklich zu stellen ist hier allerdings die geringste Absicht. So muss man feststellen: Diese Anwälte sind auch nur Menschen. Was durchaus als Kompliment gelten darf.

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