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Neue Agentenserie auf Apple TV : Liebesgrüße nach Teheran

  • -Aktualisiert am

Undercover: Die Hackerin und Agentin Tamar Rabinyan (Niv Sultan) spioniert in Teheran. Bild: AP

Inmitten aller Kriegs- und Vernichtungsrhetorik: Eine israelische Agentenserie wagt sich an den Israel-Iran-Konflikt – mehr Aktualität geht kaum.

          3 Min.

          Ein reiner Zufall wird es wohl nicht sein, dass die besten Agentenserien zurzeit aus Israel kommen, dem Land, das wie kein anderes in Schattenkriege mit seinen Nachbarn verwickelt ist. Nervenkitzel ist dabei garantiert, ohne dass die geostrategische Komplexität einer multilateralen Weltordnung geleugnet würde. Nach Gideon Raffs „Hatufim“, der Vorlage für „Homeland“, und der auch auf Netflix erfolgreichen Serie „Fauda“, in der Undercover-Israelis palästinensische Terroristen jagen, widmet sich die nächste hochkarätige Spionageserie, die von Dana Eden, Maor Kohn und „Fauda“-Autor Moshe Zonder für den israelischen Sender Kan 11 kreiert wurde und von heute an international auf Apple TV+ zu sehen ist, dem wohl gefährlichsten aller Konflikte des Landes, dem mit Iran.

          „Teheran“ beginnt ganz klassisch mit einer verdeckten Operation des Mossad: Die Hackerin und Undercover-Agentin Tamar Rabinyan (Niv Sultan), selbst in Iran geboren und als Jüdin nach der Islamischen Revolution nach Israel gelangt, wird nach Iran geschleust, um dort die Luftabwehr auszuschalten, damit eine Nuklearfabrik des Erzfeinds bombardiert werden kann. Die Mission scheitert, und Tamar bleibt auf eigene Faust in Teheran, um einen weiteren Hacking-Versuch zu unternehmen. Zum Nägelkauen spannend werden traditionelle Motive des Agententhrillers montiert: Identitätsverschleierung; Verfolgungsjagden in Feindesland; Exekutionen; echte Liebe in der vorgetäuschten. Cool-modern ist die Bildsprache: Die Geheimdienstzentrale in Tel Aviv, aus der Tamar ferngesteuert wird, leuchtet in technizistischem Blau; in Teheran dominieren warme Farben. Schon bald aber wird das Narrativ des Agentenfilms ein gutes Stück weit dekonstruiert.

          Eines der wichtigsten Stilmittel von Regisseur Daniel Syrkin ist die Verlangsamung des üblichen Tempos. Dadurch emanzipiert sich die Serie gewissermaßen vom reinen Plot. Sie gewinnt Freiräume für das Andeuten emotionaler Kollateralschäden eines solchen Lebens, lässt den Zweifel zu.

          Aller Diktatur zum Trotz ein Gefühl von Heimat

          Sowenig aber schmutzige Entscheidungen abseits demokratischer Kontrolle beschönigt werden, so wenig wollen die Autoren und Syrkin Vorurteile bestätigen. Bemerkenswert ist bereits, wenn eine israelische Serie fast vollständig und ohne denunziatorischen Unterton in Teheran spielt (gefilmt wurde in Athen; gesprochen wird ein wenig Hebräisch, etwas mehr Englisch und viel Farsi). Dass es öffentliche Hinrichtungen in Iran gibt, entspricht einfach der Realität; dass es sich aber auch in Teheran gut leben lässt, sofern man sich mit dem Regime arrangiert oder genug Mut besitzt, sehen wir ebenfalls. Wie Tamar aus dem Tritt gerät, weil sie in dem verteufelten Land aller Diktatur zum Trotz ein Gefühl von Heimat wiederfindet, verschiebt den Fokus sanft in Richtung Identitätsdrama.

          Moshe Zonder hatte angekündigt, man wolle auch die schöne Seite Irans zeigen. Gemeint ist eine innere Schönheit, die sich etwa beim liebevollen Blick auf eine Kommune von jungen Akademiker-Dissidenten zeigt, denen sich Tamar anschließt. Sie werden als furchtlose Anarchisten porträtiert, die sich privat alle Freiheiten nehmen, allerdings keinen konkreten politischen Umsturz planen. Auf der Führungsebene der Geheimdienste werden indes genrekonform zwei Kontrahenten aufgebaut, die einander nichts schenken, aber ebenbürtig wirken im Hinblick auf Intelligenz, Machtinstinkt und Moral. Dass aber sogar der Sicherheitschef der Revolutionsgarden, Faraz Kamali (Shaun Toub, der in „Homeland“ einen ähnlichen Charakter spielte), zugleich als liebender Ehemann gezeigt wird und Mossad-Leiter Meir Gorev (Menashe Noy) in Fragen der Ehre alt aussehen lässt, ist freilich kühn. Aber auch das sei eine bewusste „Humanisierung“, wie Zonder in Interviews mitteilte.

          Alles endet im Chaos: Für Zukunftsvisionen ist in einer zum Alltag gewordenen Feindschaft kein Platz.
          Alles endet im Chaos: Für Zukunftsvisionen ist in einer zum Alltag gewordenen Feindschaft kein Platz. : Bild: Apple TV

          Glaubwürdigkeit im dokumentarisch-realistischen Sinne ist nicht die höchste Ambition dieser Serie. So amateurhaft und riskant dürften Geheimoperationen kaum ablaufen; Charaktere, die sich abrupt in ihr Gegenteil verwandeln, wirken nicht unbedingt konsistent; und dass Iran in der Nahsicht beinahe areligiös scheint, verwundert dann doch. Der Clou von „Teheran“ besteht viel eher darin, der Geheimdienstarbeit allen Glamour zu nehmen, den sie selbst in „Homeland“ noch besaß. Die meisten der Protagonisten wirken ob ihres Tuns zunehmend deprimiert. Sie scheinen den Glauben ans Ideologische verloren zu haben, sehnen sich nach Normalität, obwohl sie wissen, dass sie weiter nach Regeln spielen, die sie so oft zu Schlächtern machen. Illoyalität ist an der Tagesordnung.

          Jede Zuneigung, jedes Familienglück muss man sich versagen, weil der Gegner alle Schwächen gnadenlos ausnutzt. Ein solches Leben aber ist fast nichts mehr wert. Der hintergangene Hacker Milad (Shervin Alenabi) bringt die hässliche Seite des Agentendaseins auf den Punkt: Alles, was diese Menschen berührten, sei dazu verdammt, zu sterben. Das ließe sich wohl verallgemeinern: Für Zukunftsvisionen ist in einer zum Alltag gewordenen Feindschaft kein Platz. So endet die erste Staffel nicht nur deshalb in Verrat und Chaos und Flucht der Protagonistin, weil das nach einer Fortsetzung ruft. Es ist ein standesgemäßes (Zwischen-)Finale für eine Erzählung, die inmitten aller Kriegs- und Vernichtungsrhetorik Liebesgrüße nach Teheran schickt.

          Auf Apple TV+ sind ab Freitag die ersten drei Folgen von Teheran zu sehen, die weiteren fünf Folgen dann im Wochentakt.

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