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Netzpräsenz statt Einschaltquote : Vergesst endlich das blöde Zählen!

Twitter-Königin

Für „Wired“ war die Antwort ziemlich eindeutig: „Die Nielsen-Familie ist tot“ lautete der Titel des Berichts. Auf dem Cover war eine Schauspielerin aus „Mad Men“ zu sehen, deren Namen auch große Fans der Serie erst googeln müssen: Alison Brie. In „Mad Men“ spielt sie Trudy, die Ehefrau des Unsympathen vom Dienst, Pete Campbell. Eine etwas prominentere Rolle hat sie als Annie in der Sitcom „Community“, wo sie eine von sieben Mitgliedern einer Lerngruppe an einem Community College spielt. (Seit dieser Woche ist die Serie auf Comedy Central auch in Deutschland täglich zu sehen.) Dass „Wired“ Brie trotzdem zur „Geheimwaffe“ von „Mad Men“ erklärt, liegt vor allem daran, dass die Dreißigjährige mit ihrer Präsenz im Netz ihre bekannteren Kollegen locker in den Schatten stellt. Die gesamte Crew von „Mad Men“ hat auf Twitter 570.000 Follower, Alison Brie allein 430.000. Auch wenn sie es damit nicht einmal in die Top Ten der amerikanischen Fernsehschauspieler schafft, ist das eine bemerkenswerte Diskrepanz. Brie habe „Berühmtheit mit einer beinahe algorithmischen Perfektion optimiert“, schreibt „Wired“, was natürlich als Lob gemeint ist.

Wie genau dabei Bries geheime Formel lautet, ist nicht ganz einfach zu erkennen, aber es schadet ihrer Popularität sicher nicht, dass sie sich für keine jener Aufmerksamkeitsstunts zu schade ist, auf die sich die unzähligen Kurzvideo-Portale im Netz so gierig stürzen. Sie lässt sich regelmäßig leichtbekleidet für Modemagazine fotografieren, vergisst aber nicht, dabei zwischendrin schön doof aus der Unterwäsche zu gucken. Sie zeigt in Late-Night-Shows, wie schlecht sie rappen kann, oder dreht kurz mal einen Clip für Will Ferrells Comedy-Website „Funny or die“, auch so eine Schnipselfabrik für chronisch gelangweilte Smartphonebesitzer. Ihre Spezialität als Annie ist eine Art Japsen, ein sehr hohes erschrecktes Keuchen, auf Youtube gibt es davon einen Zusammenschnitt, 270.000 Mal wurde er bisher angeklickt. Es gibt ein Blog über ihre Brüste. Und die schönsten Privatfotos mit ihrem Freund Dave Franco, dem jüngeren Bruder von James Franco, veröffentlicht sie selbst auf Instagram.

Natürlich steht eine solche Hyperpräsenz grundsätzlich auch jedem Soap-Darsteller frei und hat also mit guter Schauspielerei zunächst einmal sehr wenig zu tun. Und welche Schlüsse die Social-Media-Experten der einzelnen Sender daraus ziehen, darüber möchte man auch gar nicht zu lange nachdenken. Aber wenn sich der Enthusiasmus, der sich in jedem Klick und jedem Tweet der Fans zeigt, nun endlich messen lässt, dann merkt vielleicht doch der eine oder andere Fernsehredakteur, dass die Begeisterung für eine Schauspielerin wie Alison Brie auch etwas mit der Liebe zu ihren Figuren zu tun haben könnte.

Feine Häppchenkultur

Wie sich Alison Brie im Netz verkauft, das hat am Ende eben weniger damit zu tun, dass sie sich gerne in Dessous fotografieren lässt; sie kann sehr sexy sein, aber sie ist kein Supermodel. Sondern mit jener Sorgfalt und Stilsicherheit, mit der sie den Geschmack ihrer Fans bedient, auf die es auch beim Schreiben einer guten Sitcom ankommt. Die NBC-Serie „Community“ ist dafür das beste Beispiel: Ihren besonderen Witz verdankt die Serie nicht dem Setting oder den Figuren, die als wilder Haufen von Stereotypen auf den ersten Blick auch nur wie armselige Karikaturen aus irgendeiner Comedy-Fabrik wirken. Ihre Dialoge aber sind derart vollgestopft mit selbstreferentiellen Referenzen und fernsehgeschichtlichen Anspielungen, dass dem Zuschauer jedes Lachen wie ein bestandenes Popkultur-Examen vorkommt.

„Community“-Autor Dan Harmon, der für die ersten drei Staffeln verantwortlich war, beherrscht es dabei perfekt, die Sendung aus jenen Kürzestsequenzen zusammenzusetzen, die handlich genug für die Aufmerksamkeitsspannen des Netzes sind. Dazu gehören nicht nur schnelle Pointen, sondern auch Gesten, Bewegungen, Blicke, die sich auf die Länge eines animierten Gif komprimieren lassen. Das Interessante ist, dass die Serie von dieser Ausrichtung auf die Häppchenkultur eher profitiert, weil sie einen Blick für Details erfordert, für Nebensächlichkeiten (und eben auch -figuren), auf den viele Fernsehserien glauben, verzichten zu können.

Mit etwa vier Millionen Zuschauern rangiert „Community“ in der Liste der erfolgreichsten amerikanischen Primetime-Sendungen gerade einmal auf Platz 144. Trotzdem hat es die Auftaktfolge zur vierten Staffel geschafft, zum beliebtesten Thema auf Twitter zu werden. Die Frage, die sich für den Sender daraus fast zwangsläufig ergibt, wäre bis vor kurzem gewesen: „Wie übersetzt man diese Begeisterung in Einschaltquoten?“ Wenn sich das bald umdreht, wäre viel gewonnen.

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