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Netzeitung : Wolke oder Nacht und Nebel

Neuer Besitzer der Netzeitung: David Montgomery Bild: AP

Der neue Geschäftsführer der Netzeitung, Robert Daubner, spricht gegenüber der F.A.Z. nur von einer „Ideenwolke“. Für seine Mitarbeiter ist es jedoch eine Schlechtwetterfront. Die Pläne zur Umstrukturierung bringen die frisch an Montgomerys Holding verkaufte „Netzeitung“ womöglich an den Abgrund.

          Kaum hat Robert Daubner seine Stelle als neuer Geschäftsführer der „Netzeitung“ angetreten, darf man auch schon die sprichwörtliche Rede von den neuen Besen bemühen, die ja angeblich so gut kehren. Ob das in diesem Fall auch so sein wird, muss man abwarten und dann sehen. Einige Zweifel sind allerdings angebracht, obwohl es am vergangenen Dienstag durchaus vielversprechend begann. Da hatte die neue Geschäftsführung zu einer außerordentlichen Betriebsversammlung geladen und eine frohe Botschaft verkündet. „Gemeinsam“, so lautete sie, wolle man das seit kurzem zur BV Deutschen Zeitungsholding des Investors David Montgomery gehörende Internet-Portal „weiterentwickeln“, dabei gäbe es „keine Denkverbote“. In „Workshops“ und Gesprächen mit der Redaktion wolle man vielmehr das künftige Konzept entwickeln.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Am vergangenen Freitag, dem dreizehnten, sah die Welt der „Netzeitung“ dann schon ganz anders aus. In einer kurzfristig einberufenen Redaktionskonferenz kündigten Grauber und dessen Stellvertreter Sven Heller an, man werde das Produkt von Oktober an ganz neu ausrichten. Einen integrierten und ganzheitlichen Auftritt der „Netzeitung“ werde es dann nicht mehr geben, vielmehr werde man das Online-Blatt aufteilen in die Bereiche „Net-News“, „Net-Magazin“ und „Net-Formate“ - und das neue, segmentierte Ganze dann unter dem Dach von „Netzeitung.de“ fortführen. Soweit, so modernisierend moderat.

          Redakteure würden nicht mehr gebraucht

          Was aber die Stimmung naturgemäß sofort trübte, war die mit diesem zunächst eher technisch und gestalterisch anmutenden Schritt verbundene Konsequenz: Redakteure, so hieß es, würden nämlich für die künftige Arbeit nicht mehr gebraucht. Zuständig für die neuen Bereiche würden bereits vorhandene freie Mitarbeiter, die derzeit als Nachrichtendienstleister die Bildschirmtextseiten des Senderverbundes Pro Sieben Sat.1 pflegten und aktuell hielten. Seither fürchten rund dreißig fest angestellte Mitarbeiter aus Redaktion und Produktion der „Netzeitung“ um ihre Jobs. Sie sprechen von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“.

          Woher rührt die eilige Aktion? Offenbar, so war zu vernehmen, sei der neue Besitzer, die BV Deutsche Zeitungsholding, bei der Durchsicht der Bücher von etlichen „ungedeckten Schecks“ überrascht worden: Es gäbe einige „merkwürdige Verträge“ mit überdurchschnittlich hohen Gehaltszahlungen, welche dem neuen Eigentümer nicht bekannt gewesen seien. Die Folge davon: Es musste sofort ein die Kosten senkendes Konzept her. Überdies sei man, obwohl Buchprüfer vor der Übernahme die Unterlagen studiert hätten, noch auf andere „Leichen im Keller“ gestoßen: Praktisch jedenfalls sei die „Netzeitung“ pleite.

          In der Krise, vielleicht am Abgrund

          Vorgestellt wurden die entscheidenden Maßnahmen denn auch nicht von Matthias Ehlert und Michael Angele, den amtierenden Chefredakteuren der „Netzeitung“, sondern eben vom neuen Management. Von Robert Graubner wird kolportiert, dass für ihn Online-Journalisten nicht mehr und nicht weniger seien als „Content-Manager“, „News-Aggregatoren“, „Google-Optimiser“ und „Channel-Manager“.

          Gestern nun war Betriebsversammlung in Berlin, auf der Daubner seine bereits am Freitag vor den Redakteuren geäußerten Vorstellungen wiederholte und präzisierte. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach er im positiven Sinn von einer „Ideenwolke“, als die er sein Konzept betrachte. Er betonte zugleich, dass er sich in gewisser Anzahl auch weiterhin festangestellte Redakteure vorstellen könne, ließ indes keinen Zweifel daran, dass er „eine neue Mannschaft formen“ wolle.

          Die „Netzeitung“, das scheint jedenfalls klar, befindet sich in einer Krise und vielleicht am Abgrund. Offenbar gibt es auch eine Spaltung zwischen der Redaktion und den Chefredakteuren. Grund für die seit Monaten andauernden Querelen sind unterschiedliche Vorstellungen von Online-Journalismus. Die Redaktion hatte dem einstigen Geschäftsführer Philipp Graf Dönhoff, der die „Netzeitung“ inzwischen verlassen hat, noch ein Konzept vorgelegt mit ihren Vorstellungen davon, wie das Online-Blatt reformiert werden könne. Sie liegen auch der neuen Geschäftsführung vor.

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