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„The Protector“ bei Netflix : Wer ist der türkische Superman?

  • -Aktualisiert am

Istanbuls neuer Beschützer: Çagatay Ulusoy spielt Hakan. Bild: Netflix

Starke Männer braucht das Land: Die Türkei bekommt bei Netflix jetzt ihren eigenen Superhelden in Serie. Der „Protector“ von Istanbul trägt ein magisches Hemd und haut drauf. Seine Ausbildung gerät freilich arg esoterisch.

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          Die Anwesenheit eines Superhelden – das lehrt uns Marvel-Bösewicht Thanos, der mit einem Fingerschnippen das halbe Universum auslöschen kann und eine ganze Reihe von Weltenrettern verzweifeln lässt – bürgt nicht dafür, dass alle sinistren Gestalten verschwinden. Aber ohne Superhelden ist die Welt natürlich noch schlechter dran. Einen solchen bekommt nun auch Istanbul: „The Protector“. Er entspringt nicht amerikanischen Comics wie zahllose seiner Kollegen, sondern einem 2016 erschienenen Fantasybuch der türkischen Autorin Nilüfer Ipek Gökdel. Netflix hat daraus einen Zehnteiler gemacht.

          Erzählt wird von Hakan (Çagatay Ulusoy), einem unweit des Großen Basars lebenden Jungspund. Den Tag beginnt Hakan mit Liegestützen und Klimmzügen. Eine Touristin, die einen Teppich im Antiquitätengeschäft von Hakans Ziehvater bestellt hat, verfällt ihm bei der Warenauslieferung. Das abendliche Bierchen im Club rundet den Tag ab.

          Hakan träumt von einem eigenen Geschäft, und zwar ausdrücklich nicht im Basar, sondern in einem modernen Ladenlokal, wie es andernorts gerade leersteht. Gemeinsam mit seinem Mitbewohner hat Hakan das Objekt schon besucht und festgestellt, dass sie von hier aus sogar das Hochhaus des Multimillionärs Faysal Erdem sehen können. Erdem (Okan Yalabik) ist Hakans Idol. Er brachte es von einfachen Verhältnissen zu einem Imperium.

          Mit dem Hemd auf der Brust kann er heiße Kohlen anfassen

          Beider Wege werden sich kreuzen. Noch tangiert es Hakan nicht, dass Erdem ein Auge auf das Wahrzeichen Istanbuls geworfen hat: die als Kirche gebaute und später als Moschee genutzte Hagia Sophia, die Republikgründer Kemal Atatürk 1935 auf weiseste Weise zum Museum erklärte. Im Antiquitätengeschäft von Hakans Ziehvater taucht nun eine Frau auf, die für einen reichen Auftraggeber ein altes osmanisches Hemd auftreiben soll. Eine gescheiterte Verkaufsverhandlung später – die Textilie findet Hakan im Keller, aber die Übergabe verläuft so blutig wie wunderlich – wissen wir, warum die Dame jede Summe für das Hemd gegeben hätte. Es handelt sich um ein „Talismanhemd“, das seinen Träger schützt wie kein zweites. Im Topkapi-Palast sind einige solcher Hemden zu sehen.

          Das Exemplar im Keller ist – magisch. Es hat auf Hakan gewartet, den das Schicksal zum „Protector“ vorbestimmt hat. Mit dem Hemd auf der Brust kann er heiße Kohlen anfassen, Pistolenkugeln prallen an ihm ab. Ob er auch den „Unsterblichen“ in die Schranken weisen kann, der sich zwei „Getreuen“ eines Geheimordens zufolge in Istanbul aufhält, und wer dieser Kerl überhaupt ist, wird man sehen. Erst einmal muss sich Hakan an die Idee gewöhnen, der Retter einer zwischen Ost und West liegenden Metropole zu sein. In der wohl etwas freimütig adaptierten Buchvorlage heißt es, von der Balance Istanbuls hänge die Balance der Welt ab.

          Da greift man zum Popcorn und hofft, ,„The Protector“ laufe auf eine Superhelden-Sause mit selbstbewusster Superhelden-Lehrmeisterin (Hazar Ergüçlü), Superhelden-Flirt (Ayça Aysin Turan) und üblen Bösewicht-Gehilfen hinaus (Mehmet Kurtulus spielt Erdems skrupellosen Sicherheitschef Mazhar). Ein Vorfahre von Hakan war schon im 16. Jahrhundert im Weltrettungsdienst, mit Sascha-Lobo-Frisur. Kapuze trägt Hakan kurzzeitig auch, so als müsse sich „The Protector“ vor dem Historienspektakel „Assassins Creed: Revelation“ verbeugen. Das ist alles vielversprechend.

          Leider gondelt die Story vor sich hin wie eine der Fähren, die den Bosporus gemütlich hoch- und wieder hinunterfahren. Hakan muss sich in einer verborgenen, von dicken Kerzen und etlichen Studiolampen ausgeleuchteten Kammer ausbilden lassen. Er muss sich wie jeder Superheld selbst finden und zum Hemd noch einen magischen Ring sowie einen Dolch auftreiben, um den Gegner als solchen erkennen zu können. Das dauert.

          Da Netflix vorab nur sechs von zehn Folgen zur Sichtung freigab, können wir nicht sagen, dass die Serie zum Ende an Format gewinnt. Ob sie gar zum Kommentar auf die Gegenwart reift, in welcher der Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Türkei in ein Sultanat rückverwandelt. Sagen lässt sich, dass man viele Seiten des „Protector“-Drehbuchs noch einmal hätte durchbürsten und das Esoterik-Gequatsche reduzieren müssen. Staffel zwei des „Protectors“ ist schon bestellt.

          The Protector läuft von Freitag, 14. Dezember, an bei Netflix.

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