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„Stranger Things“ bei Netflix : Verschwinde aus meinem Kopf, Cola!

Schattenboxer: Eleven (Millie Bobby Brown, Mitte), Max (Sadie Sink), Will (Noah Schnapp), Mike (Finn Wolfhard) und Lucas (Caleb McLaughlin, von links) Bild: Netflix

Die dritte Staffel von „Stranger Things“ setzt weiter auf kapitalistisch-nostalgische Albtraumbewältigung – durch Jugendliebe, Freundschaft und Produktplazierung. Leider sieht sie dabei ziemlich gut aus. Doch das absehbare Ende rückt näher.

          5 Min.

          Der Psychologe und LSD-Sherpa Timothy Leary hat darauf hingewiesen, dass das „Setting“, also die Umgebung und deren Qualität als Schutzraum, für die Seele beim Drogenkonsum sowie bei interdimensionalen Reisen eine entscheidende Rolle spielt. In den achtziger Jahren hatte man das schon wieder vergessen. Wer sich von nun an mit der dritten Staffel des Serienrauschmittels „Stranger Things“ absichtsvoll einer Überdosis dieser dunkelglitzernden Dekade aussetzen will, tut gut daran, seine Umgebung zu präparieren. Ein Kissen, das sich je nach Hasenfüßigkeit vor oder hinter dem Kopf befinden kann, eine rote Markierung auf der Lautstärke-, besser noch der Stummschalttaste der Fernbedienung sowie eine Tasse Melissentee sind ein Anfang.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die popkulturelle Ding-und-Film-Enzyklopädie der Achtziger von Spielberg bis Zemeckis, die die ersten Staffeln im Guten (sentimentales Erinnerungsrecycling) wie im Schlechten (zunehmend eigennützige Produktplazierung) darstellte, findet auch in der dritten Staffel ihre würdige wie erwartbare Fortsetzung. Wir befinden uns im Jahr 1985: Zwei Jahre nachdem eine „Demogorgon“ getaufte Schauerkreatur aus der „Upside Down“ genannten Schattenwelt nach Hawkings kam und ein Mädchen mit dem Versuchsnamen „Eleven“ (von den Elfen nicht weit: Millie Bobby Brown) den großmäuligen Schlabberschreihals mit ihren telekinetischen Kräften und der Hilfe ihrer Freunde Mike (Finn Wolfhard), Dustin (Gaten Matarazzo), Will (Noah Schnapp) und Lucas (Caleb McLaughlin) bannte. Und ein Jahr nachdem Will (in der zweiten Staffel) in den Bann eines gigantischen Schattentornadokraken geraten war und durch den Einsatz seiner Übermutter Joyce (Winona Ryder) sowie diverser Heizlüfter von ihm befreit wurde. Die lebendige Schwärze entfleuchte damals fauchend in die Kronen des Kiefernwaldes.

          Ratten und reichlich Himbeergelee mit ganzen Früchten

          Hier setzt Staffel drei an: Der Schattenfortsatz ist nicht mehr vom Winde verweht, sondern hat begonnen, sich zu manifestieren. Er baut sich einen Körper. Das ist eine der unappetitlichsten Angelegenheiten der jüngeren Seriengeschichte, bei der zunächst Ratten und (hoffentlich) reichlich Himbeergelee mit ganzen Früchten zum Einsatz kommen. Derweil arbeiten die Russen daran, das Tor zum „Upside Down“ zu öffnen. Der Gegner ist also noch eine Nummer größer, mächtiger und zahlreicher.

          Ansonsten bleibt alles beim Alten: Noch die subtileren Film-Referenzen triefen weiter aus jedem Bild, unter anderem „Terminator“, bis es knirscht. Dafür mäandert die Geschichte zwischen Händchenhalten, Horror und Nostalgiefetisch, dass man sich als Zuschauer bald nicht mehr wehrt. Ein bisschen wie bei Wagner. Dass wie bei diesem die Dialoge in Sachen Pfiffigkeit nicht immer an heutige Serienstandards heranreichen, ist zu vernachlässigen. Die vier Freunde hören sich nun mal an wie kleine Erwachsene. Das war schon beim „Klub der Verlierer“ so, der halbstarken Jungs-Truppe aus „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ (1984) nach der Erzählung von Stephen King. Vor ihm macht „Stranger Things“ wohl immer noch die tiefste Verbeugung. Außerdem sind „Will der Weise“ und seine Gefährten „Pen&Paper“-Rollenspieler. Da macht man eben schon in jungen Jahren elementare Erfahrungen. Die mit jugendlich-pubertierendem Ernst ausgetragenen Debatten, die stets überlebensgroße Themen verhandeln, machen den zwiespältigen Charme der Serie aus.

          Netflix hat mit 75 Marken Werbeverträge abgeschlossen

          Doch so gefällig, lebendig (hierzu tragen Schnitt und Bildrahmung ihren genialen Teil bei) und zitatreich das Ganze mit allen Mitteln der modernen Erzählmaschinerie von den Zwillingsbrüdern Matt und Ross Duffer in Szene gesetzt ist, so simpel scheint der Trick, mit dem sie die Zuschauer immer noch ködern: Der Mensch fühlt sich nicht unterhalten, wenn man ihm etwas vorsetzt, das er schon kennt. Doch er genießt es, Dinge wiederzuerkennen, die er bestenfalls selbst einmal in der Hand hatte. Die Kunst, dem Zuschauer bis ins letzte Detail ausgefeilte Referenz-Brocken (in Form von Postern, Schildern, Spielzeug, Spielautomaten, Fernsehbildern und Süßigkeiten) hinzuschmeißen, um an die kollektiven Erinnerungen und Gefühle der bildschirmaffinen Zielgruppe derer zu appellieren, die in den Achtzigern vor dem Fernseher hockten, beherrscht „Stranger Things“ meisterhaft.

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