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„Nightflyers“ bei Netflix : Finden sie etwas Besseres als den Tod?

  • -Aktualisiert am

Warten auf die Volcryn: Eoin Macken als Xenomythologe Karl D’Branin und Maya Eshet als Computerflüsterin Lommie Thorne. Bild: Syfy

Für hartgesottene Liebhaber vielleicht Anlass genug: Die Serie „Nightflyers“ nach George R.R. Martin ist nichts als Gemetzel im Weltraum.

          Weltall statt Westeros, Volcryns statt Weiße Wanderer: In George R.R. Martins früher Kurzgeschichte „Nightflyers“ von 1980, zuerst erschienen im Magazin „Analog“ und später in einer Short-Story-Sammlung veröffentlicht, macht sich ein bunter Haufen von Wissenschaftlern, Spezialisten und Psychopathen auf, um Erstkontakt mit Aliens zu suchen. Wir schreiben das Jahr 2093, der selbstverschuldete Untergang der Weltbevölkerung steht kurz bevor. Die Ressourcen sind ersatzlos ausgebeutet. Trotz „genoptimierter“ Züchtung und natürlich begabter Gestalten, die als biologische Schnittstelle mit Computerprogrammen und Künstlicher Intelligenz Kontakt halten können – und dabei stets merkwürdig mit der Hand wedeln –, besteht kein Grund für Zukunftsoptimismus. Telepathen, die je nach Talent in Level eingeteilt sind und durch Blicke töten können, werden wie Bestien in Hochsicherheitskäfigen gehalten. Sollten Außerirdische diese Spezies Mensch bei Annäherung sicherheitshalber ausrotten wollen, könnte man ihnen das kaum verübeln, aber vorerst weiß an Bord des Raumschiffs „Nightflyer“ niemand, ob die „Volcryns“, die der Astrophysiker Karl D’Branin (Eoin Macken) in weiter Ferne entdeckt zu haben glaubt, der Kontaktaufnahme-Mission freundlich oder feindlich gesinnt sind.

          Vorerst gilt das Prinzip Hoffnung. Und Diversität. Melantha Jirl (Jodie Turner-Smith) kann als DNA-optimiertes Kunstgeschöpf starker Strahlung standhalten, die ätherische Lommie (Maya Eshet) soll per Braunüle mit dem Schiffsprogramm interagieren, Rowan (Angus Sampson) ist ein Biologe mit Brummbärgemüt, der keiner der in einer waldbestückten „Terrakuppel“ mitgeführten Bienen etwas zuleide tun kann. Missionsleiter D’Branin und die Psychiaterin Agatha Matheson (Gretchen Mol) verbindet noch immer eine frühere Liebesbeziehung. Matheson soll den umstrittensten Gast unter Kontrolle halten. Dass mit Thale (Sam Strieke), der erschütternde Kohle-Skizzen aus den Gedankenerkundungen seiner Mitflieger macht, ein gefährlicher L-1 (Level 1) an Bord ist, um mit den Volcryns zu kommunizieren, führt zum ersten Meutereiversuch auf der „Nightflyer“. Ihr seltsamer Kapitän Roy Eris (David Ayala) erscheint der verunsicherten Crew nie in Person, sondern nur als Projektion. Ein irritierendes rotes Kameraauge scheint alles und jeden zu überwachen, vielleicht steht es in Verbindung mit dem verschlossenen Privatdeck des Kommandeurs, auf dem nicht nur der Erste Offizier Auggie (Brian F. O’Byrne) Dunkles vermutet.

          Wer wissen will, warum, muss dranbleiben

          Etwas Besseres als den Tod findet man überall. Das aber darf schon in den ersten Szenen der zehnteiligen Netflix-Serie „Nightflyers“ arg bezweifelt werden, in denen binnen fünf Minuten Splatter-Blutschlacht ein irrer Axtmörder die fliehende Matheson zu zerhacken sucht, während sie noch mit letzter Kraft eine Botschaft zur Erde zu schicken vermag, die vor der Rettung des Schiffes warnt. Bevor sie sich mit einer Kreissäge selbst entleibt. Ein szenischer Vorgriff auf den Verlauf der Geschichte aus dem Horror-Bildarsenal (freigegeben ist die Serie ab sechzehn Jahren). Der Grund ihres Selbstopfers wird erst kurz vor Schluss, etliche Filmstunden später, enthüllt. Man muss dranbleiben, auch wenn es bei dieser zukunftsphilosophisch nicht besonders tiefschürfenden, bluttriefenden, aber nicht sehr originellen, dafür mit zahlreichen sentimentalen Liebesschwüren und Kitschelementen gespickten Mission zunehmend schwerfällt.

          Aus den Reihen der amerikanischen Kritik hagelte es bereits Verrisse. Die Nähe zum Film „Event Horizon“ (auch bei Netflix) wurde von deutschen Fans erschüttert zur Kenntnis genommen. Wem es Spaß macht, der kann Bildzitate suchen („2001 – Odyssee im Weltraum“, „Solaris“, „Alien“, „Shining“, „Wenn die Gondeln Trauer tragen“), sonst gibt es wenig Unterhaltendes.

          Wie bei Martin, dem Schöpfer von „Das Lied von Eis und Feuer“, nicht anders zu erwarten, werden auch in „Nightflyers“ die Hauptfiguren eine nach der anderen um die Ecke gebracht. In „Game of Thrones“, der Serienadaption, auf deren finale Staffel Millionen Fans zurzeit warten, war es die „Bluthochzeit“, bei der es die Besten reihenweise fällte. Im Interview mit der „New York Times“ hat Martin im November, kurz bevor „Nightflyers“ in den Vereinigten Staaten startete, berichtet, dass im Original sieben der acht Hauptfiguren bald verschwunden wären. Nun dürfen die meisten länger zittern.

          Dem Autor Jeff Buhler, der die Geschichte für „Syfy“ serienkompatibel gestreckt hat, konnte Martin wegen seines Vertrags mit dem Sender HBO nicht unter die Arme greifen. Ob das genutzt hätte, mag allerdings bezweifelt werden. Auch der Film „Nightflyers“ (1987), für den Martin das Drehbuch selbst verfasst hat, gehört nicht zu den Spitzenleistungen des Genres. Er ist in anderer Hinsicht wichtig. Wie Martin der „Times“ erzählte, war er damals nach einem erfolglosen Roman und Hauskauf kreditgebeutelt dabei, sich zum Immobilienmakler umschulen zu lassen, als die Verfilmung ihm plötzlich eine auskömmliche Existenz ermöglichte. Ohne „Nightflyers“ also kein „Game of Thrones“. „Ich würde Leuten heute Häuser in Santa Fe zeigen“, so Martin. Für hartgesottene Liebhaber vielleicht Anlass genug, der Netflix-Serie eine Chance zu geben.

          Nightflyers läuft bei Netflix.

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