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„Matrjoschka“ bei Netflix : Wie kommt sie aus diesem Albtraum raus?

  • -Aktualisiert am

Am Ende jeder Serienfolge kommt ihre Figur ums Leben: Natasha Lyonne spielt in „Matrjoschka“ die Programmiererin Nadia. Bild: Netflix

In der famosen Serie „Matrjoschka“ durchlebt eine junge Frau ihre Geburtstagsparty – wieder und wieder. Das Murmeltier lässt grüßen.

          3 Min.

          Am Samstag, dem 2. Februar, wird in der Stadt mit dem unaussprechlichen Namen Punxsutawney mal wieder das Murmeltier ausgepackt. Dessen Andeutungen über den Verlauf des Winters sind in diesem Jahr allerdings nicht interessant. Viel lieber würde man wissen, wie der Komiker Bill Murray, der 1993 in der Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ als Wettermann Phil Connors nach Punxsutawney reiste und aus diesem Tag nicht mehr herausfand, die Netflix-Serie „Matrjoschka“ auf dem Bildschirm erlebt.

          Denn auch diese handelt von einem Menschen, der in einer Zeitschleife feststeckt und zur Befreiung eine Wandlung durchleben muss, nur ist es hier eine Frau in New York. Der Tag, aus dem sie nicht mehr herauskommt, ist ihr 36. Geburtstag, und wo der grummelige Wettermann Phil Connors an jedem Morgen mit „I got you, Babe“ von Sonny und Cher geweckt wird, ist bei der Programmiererin Nadia (Natasha Lyonne) das knackige „Gotta Get up“ von Harry Nilsson zu hören. Sie kommt auf der Toilette zu sich während der Geburtstagsparty, die eine Freundin für sie schmeißt, Asien-Huhn inklusive.

          Hat sie einfach die falschen Drogen genommen?

          Aber „Matrjoschka“ ist kein Remake, obwohl in der Serie sogar ein Obdachloser vorkommt wie im „Murmeltier“. Die Unterschiede beginnen schon damit, dass Nadia am Ende ihrer Schleifen ums Leben kommt. Und die Serie, die in acht Folgen eine abgeschlossene Geschichte erzählt, wird allmählich die Tonlage wechseln. Sie changiert immer stärker zwischen Midlife-Crisis-Comedy und Midlife-Crisis-Drama, ins Groteske und Komische, wird kafkaesk, traurig und drastisch.

          Zunehmend erinnert der Horror-Trip der Software-Entwicklerin Nadia dabei an ein Videospiel, in dem man aus einem Level nicht mehr unbeschädigt herauskommt – weil man einem Bug (Software-Fehler) aufsitzt oder, weit wahrscheinlicher, weil man die entscheidende Herausforderung für den Level-Abschluss noch nicht gefunden hat. Gleich an mehreren Stellen wird dieser Vergleich nahegelegt. Während Nadia überlegt, ob sie einfach die falschen Drogen genommen hat. Auch das ist denkbar.

          Benannt ist „Matrjoschka“ nach den russischen Schachtelpuppen aus Holz, in denen sich der Kern der äußerlich gezeigten Person, eine Puppe in der Puppe in der Puppe, unter einer Vielzahl buntbemalter Schalen verbirgt. Er muss also erst freigelegt werden, und kaum weniger effektvoll arbeitet sich das Drehbuch (Leslye Headland, Amy Poehler, Lyonne) zum verwundeten Kern von Nadias Persönlichkeit vor.

          Kleine Person mit geräucherten Stimmbändern und irrer Pudelfrisur

          Alleine die künstlich verrätselte, in Rhythmus und Form unvorhersehbare Erzählweise dieser Serie ist einen Eintrag im Binge-Watch-Kalender wert, so gewöhnlich ungewöhnliches Erzählen im Streaming-Fernsehen mittlerweile auch geworden ist. Ihre Anziehungskraft aber bezieht „Matrjoschka“ aus einer erstklassigen Schauspielerriege. Natasha Lyonne verpasst Nadia, einer kleinen Person mit geräucherten Stimmbändern, irrer Pudelfrisur und absurd großem Mantel, die aufgesetzte Coolness eines männlichen Großstadtcowboys aus den Siebzigern.

          Nadias Leidensgenosse Alan, ein braver Jammerlappen, der ebenfalls in einer Zeitschleife festhängt und in vielerlei Hinsicht ihr Gegenteil ist, wird von Charlie Barnett traumhaft überzeichnet. Auch die anderen Figuren schillern – Nadias aufgekratzte Freundinnen Maxine (Greta Lee) und Lizzy (Rebbecca Hendersson), ihr anhänglicher Ex-Freund John (Yul Vazquez), ihre Ziehmutter Ruth (Elizabeth Ashley) als Fels in der Brandung. Noch der schmierige Unsympath Mike, ein Literaturdozent, der mit Nadia die Lust an der Lust und an vulgären Wortwechseln teilt, ist in der Selbstüberschätzung, die ihm Jeremy Bobbs verleiht, eine Granate.

          Kaum dass Nadia mal wieder gegen ein Taxi knallt, kopfüber eine Treppe hinunterstürzt oder anderweitig zu Tode kommt, erleben wir diese Figuren wieder und wieder in denselben Situationen. Aber völlig identisch sind diese Szenen eben nicht. Sie weichen leicht voneinander ab, schon weil sich Nadia anders verhält, und in diesen kleinen Veränderungen, meint man, müsste sich doch der Schlüssel für ein Ende ihres Albtraums entdecken lassen.

          In dieser Serie wird so schnell und scharf formuliert und geschnitten, dass man aufpassen muss, um nichts zu verpassen. Das Bewundernswerteste an „Matrjoschka“ aber ist, dass die Serie ihre Freude am undurchsichtigen, volle Konzentration fordernden Erzählen bis zum Schluss nicht verliert. Einen Therapeuten können sich Nadia und Alan, die beide auf ihre Art schlimme Erlebnisse überwinden müssen, und die Zuschauer nach diesem Ritt sparen. Auf schimmelig werdende Lebensmittel wird man fortan auch anders schauen.

          Matrjoschka, von Freitag an bei Netflix

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