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Neue Serie auf Netflix : Das Böse erscheint in den tollsten Kostümen

  • -Aktualisiert am

Ein pompöser Bösewicht: Neil Patrick Harris als Graf Olaf. Bild: Amazon

Netflix produziert, was bisher kein Sender wagte: Die Lemony-Snicket-Kinderbücher „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ sind als Serie schaurig gut.

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          „Am besten, Sie gucken weg.“ Kein besonders einladender Satz, der am Beginn der Netflix-Adaption von Daniel Handlers Romanserie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ steht. Und es werde noch unschöner, warnt der Erzähler Lemony Snicket (Patrick Warburton) vor der Geschichte der drei Baudelaire-Kinder. Es sei eine Story, „die kein Happy End hat, und auch keinen glücklichen Anfang, und sehr wenige glückliche Momente in der Mitte“.

          Lemony Snicket ist das Pseudonym des Schriftstellers Daniel Handler, und Netflix macht dem makabren Tonfall seiner Bücher alle Ehre. Es ist schlimm, was dem zwölfjährigen Klaus (Louis Hynes), der vierzehnjährigen Violet (Malina Weissman), und dem Baby Sunny (Presley Smith) widerfährt: Erst nimmt ihnen ein Feuer, das die Baudelaire-Villa verschlingt, die Eltern, dann werden sie einem bösartigen Verwandten namens Graf Olaf (Neil Patrick Harris) übergeben, der nur eines im Sinn hat: Das Vermögen, das die Kinder an Violets achtzehntem Geburtstag erben, in seinen Besitz zu bringen. Es ist eine dunkle Welt, welcher die Kinder ausgesetzt sind, visuell ist sie berauschend in Szene gesetzt.

          „Okay, und jetzt ganz normal“

          Von der dreizehnteiligen, zwischen 1999 und 2004 entstandenen Romanreihe existiert bereits eine Filmadaption, in der Jim Carrey den Grafen Olaf spielte. Frühere Pläne, sie als Fernsehserie zu verfilmen, waren gescheitert. Die Sender trauten sich nicht an die morbide Story. Erst Netflix habe es möglich gemacht, sagte Neil Patrick Harris bei einem Gespräch in Los Angeles: „Wir können rauchen, wir können Kinder ohrfeigen, und wir können ihnen den Tod an den Hals wünschen.“ Als Olaf spart Harris nicht an Gemeinheiten. Er musste sich von dem Regisseur Barry Sonnenfeld sogar bremsen lassen, gesteht Harris. „Er wies mich an, einfach meinen Text zu sprechen“, sagt Harris und deklamiert: „Und ich sagte meinen Text!“ Sonnenfeld habe ihn nur angeschaut. „Dann sagte er: Okay, und jetzt ganz normal.“

          Handler hatte die Bücher geschrieben, weil er sie selbst als Kind gern gelesen hätte. Die phonetische Ähnlichkeit seines Pseudonyms Lemony Snicket mit Jiminy Cricket, der sprechenden Heuschrecke aus Disneys „Pinocchio“-Version, sei eine Freudsche Fehlleistung, sagte Handler einmal, mit der er sich gegen den gutgelaunten Moralismus solcher Erzählerfiguren wende. Den halte er nämlich für „Sirup“.

          Elemente von Monty Python, Roald Dahl und Tim Burton

          Dass er selbst die Drehbücher zu dieser Adaption der ersten vier Romane schrieb, ist ein Glück. Handler hatte zwar auch für die Kinoversion das Drehbuch verfasst, war später aber durch Robert Gordon ersetzt worden, nachdem der ursprünglich avisierte Barry Sonnenfeld (der nun Regie führt) den Regiestuhl Brad Silberling überlassen hatte. Was damals blieb, war ein Hollywood-Spektakel, dem Handlers Freude am Spiel mit Sprache, phantastischen Bildtableaus und makabren Zitaten fehlte. So sind die Baudelaire-Kinder nach der Millionenerbin Sunny von Bülow und ihrem zweiten Mann Claus benannt, der des versuchten Mordes an ihr angeklagt war.

          Die Kinder: Malina Weissman als Violet Baudelaire, Louis Hynes als Klaus Baudelaire, Presley Smith als Baby Sunny Baudelaire.
          Die Kinder: Malina Weissman als Violet Baudelaire, Louis Hynes als Klaus Baudelaire, Presley Smith als Baby Sunny Baudelaire. : Bild: Amazon

          Handlers Geschichte ist eine düstere Fabel mit Elementen von Monty Python, Roald Dahl und Tim Burton. Zu ihren Nebenfiguren zählen das Krokodil mit dem gebrochenen Herzen, die kreischende Iguana-Uhr und eine Allee von Apfelbäumen, deren Früchte so sauer sind, dass schon ihr Anblick einem den Magen verdirbt. Sie bietet eine Erklärung dafür, warum die Eltern stets mahnen, dass das Schwimmen direkt nach dem Essen gefährlich sei. Im Wasser nämlich wohnen Blutegel, die einen Schwimmer mit vollem Magen im Nu zernagen. Wer hätte etwas Ähnliches als Kind nicht schon mal befürchtet? Die Hauptfiguren der Geschichte umfassen den Reptilienforscher Dr. Montgomery Montgomery (Aasif Mandvi), Tante Josephine (Alfre Woodard), die von allerlei Ängsten und einer großen Liebe zur Grammatik beseelt ist, und den hustenden Bankier Arthur Poe (K. Todd Freeman), der das Familienvermögen verwaltet und vor Inkompetenz nur so strotzt. Unnötigerweise erklärt er den Kindern gern Fremdworte, die er in seine Erläuterungen einflicht.

          „Gruseliges zog mich an“

          Der Motor der Geschichte jedoch ist Graf Olaf, ein untalentierter Schauspieler mit großen Bildungslücken, die er mit Besserwisserei („Hab ich doch gesagt!“) zu kaschieren sucht. Fast ebenso schlecht ist er als Intrigant, der in wechselnden Kostümierungen die Kinder aus den Händen wohlmeinenderer (und rätselhaft zu Tode kommender) Verwandter zu reißen versucht. Um an ihr Vermögen zu kommen, bedroht er die Baudelaires mit Messern, Todesstürzen und übellaunigen Handlangern aus seiner Schauspieltruppe. „Ich habe diesen jungen, sehr talentierten Schauspielern ganz schön zugesetzt“, sagt Neil Patrick Harris.

          Es ist nicht so, dass er Kinder nicht mag, er ist immerhin Vater von sechsjährigen Zwillingen. Aber er erinnert sich, dass er selbst als Kind Horrorgeschichten liebte. „Gruseliges zog mich an, auch wenn ich es nicht leiden konnte, wenn sich mein Bruder versteckte und ich wusste, dass er mich gleich aus dem Dunkeln anspringen würde.“ Und so ließ er auch seine eigenen Kinder die düstere Serie bei einem Screening am Set gucken. „Sie fanden das amüsant“, sagt er. Freilich hatte er ihnen Einblick hinter die Kulissen gewährt. Sie durften mehrfach dabei sein, als sich ihr Vater in den fiesen Grafen verwandelte. „Ich wollte, dass sie wissen, warum ich das mache.“

          Vergegenwärtigung des Bösen als Teil des Erwachsenwerdens

          Neil Patrick Harris mutet seinen Kindern erwachsene Dinge zu. Ihm ist aber klar, dass man sie nicht wie Erwachsene behandeln soll. „Bei Kindern wandelt sich die Stimmung rapide. Monatelang wollen sie ein bestimmtes Halloweenkostüm haben, und wenn man es ihnen am Halloween-Abend anzieht, wollen sie plötzlich was anderes sein. Aber es bringt nichts, deshalb sauer zu werden. Ich versuche, weniger auf Ergebnisse fixiert zu sein und mich dem Geschehen anzupassen.“

          Die jungen Protagonisten der Serie sind den Erwachsenen in fast allen Belangen überlegen. Violet ist eine begnadete Erfinderin, und Klaus sehr belesen, auch wenn er mit manchen Autoren ringt – mit Proust zum Beispiel: „Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung?“ Vielleicht liegt es an der Übersetzung, meint Violet. So wird abermals Handlers Lieblingsthema gerahmt – die Vergegenwärtigung des Bösen, Schmerzhaften als Teil des Erwachsenwerdens.

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