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„Rebecca“ bei Netflix : Liebling, ich tue alles für dich

Zwischen Trugbildern und Wirklichkeit: Für Mrs. de Winter (Lily James) ist die Ehe mit Maxim (Armie Hammer) voller Gefahren. Bild: Kerry Brown / Netflix

Wieso sollen sich eigentlich Frauen für Männer opfern und still leiden? Die Frage stellt sich bei der Neuauflage von Alfred Hitchcocks Psychodrama „Rebecca“ wieder mit voller Wucht.

          3 Min.

          Wer es mit Alfred Hitchcock aufnehmen will, lehrt Netflix in seiner Neuauflage des Filmklassikers „Rebecca“ – für den der Produzent David O. Selznick 1940 den Oscar für den besten Film bekam –, der braucht im Jahr 2020 vielerlei: Glamour wie im „Großen Gatsby“, ein gediegenes murder mystery, gewürzt nur mit einem Hauch Komik, wie es die jüngste Auferstehung Hercule Poirots im Kino vorlebte, und ein elegant kostümiertes Klassendrama nach Art von „Downton Abbey“. Lächelnd ausgeübter Psychoterror muss hinzu, der schon in der mit Motiven von Charlotte Brontës „Jane Eyre“ spielenden Romanvorlage von Daphne du Maurier die Handlung trägt, und schließlich die Emanzipation der namenlosen Frau im Zentrum des Geschehens, als die Joan Fontaine mit ihrem exzellenten Auftritt in Hitchcocks Film aus heutiger Perspektive vor allem Anlass für Verstörung oder Mitleid, kaum jedoch zur Identifikation bietet.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine jugendlich-naive Waise, maternalistisch bevormundet und als Gesellschafterin in Dienst genommen von einer schrulligen, wohlhabenden Alten, weckt wider Erwarten und Konvention in Monte-Carlo das romantische Interesse eines sagenhaft reichen und noch dazu gutaussehenden Engländers. Man raunt sich zu, sein Herz sei nach dem Tod seiner Frau Rebecca gebrochen. Die Gesellschafterin wird seine Braut, kommt so endlich zu einem Namen und reist als neue Mrs. de Winter mit ihrem Gemahl, der über seine Vergangenheit schweigt, auf dessen Landsitz Manderley. Dort wird sie fast erschlagen vom Schatten der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Vorgängerin. Wutausbrüche des Mannes, verbale Nadelstiche von der wie eine Hohepriesterin über den Kult der Toten wachenden Haushälterin Mrs. Danvers: Es ist die reine Hölle. Und dann steht im Raum, dass Rebecca mitnichten Opfer eines Unfalls in bewegter See geworden ist, sondern Mr. de Winter sie auf dem Gewissen haben könnte.#

          Stellt alle in den Schatten: Kristin Scott Thomas als furchteinflößende Haushälterin Mrs. Danvers
          Stellt alle in den Schatten: Kristin Scott Thomas als furchteinflößende Haushälterin Mrs. Danvers : Bild: AP

          In der ersten Verfilmung unterwirft sich die Heldin in schon schmerzhaft kindlicher Weise den Launen, dem psychisch destabilisierenden Push and pull ihres Mannes. Es ist ein ewiges Sichentschuldigen, gefolgt von: „Aber ich liebe dich doch“, das immer neu ihre Bereitschaft erklärt, jedes seiner Geheimnisse mitzutragen, selbst ein Kapitalverbrechen. So weit kommt es bei Hitchcock nicht, es reicht die Ahnung eines drohenden Grauens, die so gut in die Zwischenkriegsjahre passte. Wenn man so will, kann man in dieser patriarchalen Romantisierung der Gefügigkeit aber auch einen Vorläufer von „Fifty Shades of Grey“ sehen, nur ohne Prügel. Die implizite Botschaft aus „Rebecca“ für Frauen war: Es lohnt sich, zu leiden in der Ehe, auch wenn er dich schrecklich behandelt, klein macht und etwas verheimlicht, denn am Ende wird sich herausstellen, dass er dich um deiner selbst willen wahrhaft liebt. So geht Erwachsenwerden. Männerquälende und eigene Regeln aufstellende Frauen werden dagegen bestraft, ihr Bemühen ist fruchtlos.

          Die Namenlose begehrt auf und fügt sich

          Und heute? Muss sich Lily James in der Hauptrolle gegenüber dem Geist der Figur Rebecca und des gleichnamigen Vorgängerfilms behaupten. Im Weltkriegsdrama „The Darkest Hour“ spielte sie Churchills Sekretärin, in „Downton Abbey“ eine Lady ohne Sorgen. Beides ist wiedererkennbar in Mrs. de Winter, die sie als Figur zwischen pflichtbewusst-verschreckt und rebellisch-selbstbewusst anlegt. Den Raum dafür gibt ihr der mit Horror vertraute Regisseur Ben Wheatley nach einer Verbeugung vor Hitchcock in der retrospektiven Traumsequenz, die das abgebrannte Manderley zeigt.

          Danach wird vieles anders. Die Ich-Erzählerin begegnet an der Côte d’Azur einem Maxim de Winter (Armie Hammer), der an ihr interessiert ist, ihr Fragen stellt und sie ans Steuer seines Cabrios lässt. Kurzbriefe, überreicht vom Portier, übernehmen die Funktion, die in unseren Tagen digitale Textnachrichten haben. Alles fühlt sich fast heutig an, nur in Vintage-Garderobe. Die Kulisse ist ein Traum, als die Romanze sich entspinnt – Monaco eben –, bedrohlich scheinen allein der Snobismus der Oberklasse und der anzügliche Tratsch über das Paar. Erst im Spukschloss in England begegnet die Prinzessin der Hexe, und was für einer: Kristin Scott Thomas ist in die Rolle von Mrs. Danvers geschlüpft – und stiehlt allen anderen die Schau.

          Frost zu verbreiten mit sanfter Stimme und militärischer Haltung gehört zu den Paradedisziplinen der Schauspielerin, die sie hier mit Verve in den Dienst der Intrige stellt. Seelische Zermürbung gelingt leicht, wenn das Gegenüber die Regeln nicht kennt, nach denen es bestraft wird. Aus jeder Konfrontation mit der jungen Mrs. de Winter, die Mrs. Danvers in den Suizid zu stürzen plant, geht die Hausdame als Siegerin hervor, und damit auch Kristin Scott Thomas – obwohl die junge Heldin das letzte Wort behält. Jane Goldman hat als Drehbuchautorin einige kluge Entscheidungen getroffen, die der Stringenz der Figurenzeichnung zugutekommen: Statt dem Feuer als Element der Vereinigung mit der von ihr verehrten oder doch eher geliebten Rebecca ist Mrs. Danvers dem Wasser zugetan; und Maxim de Winters finsterster Moment ist nicht mehr hollywoodweich gespült, sondern abgründig wie im Roman. Dass er erstaunlich leicht von seiner Frau überwunden wird, sobald aus dem Psychothriller ein Gerichtsdrama wird, bleibt das zentrale Mysterium von „Rebecca“.

          Mit wuchtigen Steilküstenpanoramen, bedrückenden Interieurs und animierten Vogelschwärmen (noch eine Verbeugung vor Hitchcock) hätte man der neuen „Rebecca“ die große Leinwand gewünscht. Ihre Vorgängerin hat einen Nerv getroffen. Solche Wirkung wird die Nachfolgerin kaum entfalten, dazu wirkt sie zu epigonal unterhaltend. Aber Wheatley inszeniert elegant changierend zwischen Herzschmerz und Schauder, Eskapismus und Amoral in Spielfilmlänge ein zeitloses Märchen, das letztlich weder von Klasse, Geschlecht, Missgunst noch Tod handelt – sondern von der Unfähigkeit des Menschen, allein zu sein.

          Rebecca ist von heute an auf Netflix abrufbar.

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