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Netflix-Film „Polar“ : Keiner kündigt bei Herrn Blut

Fingerspitzengefühl: Im großen Finale hat der Schwarze Kaiser (Mads Mikkelsen) ein besonderes Ass im Ärmel. Bild: Netflix

Schwarz, grell, politisch unkorrekt, obszön: Im Netflix-Film „Polar“ schießt sich Mads Mikkelsen als eiskalter Auftragskiller auf die Rente ein.

          Mord und Totschlag: Viele Menschen lieben das – solange es in sicherer Entfernung auf einem Bildschirm oder einer Leinwand passiert. Die Kniffe, Gewalt filmisch darzustellen, reichen vom Auslassen derselben – in „Sicario“ reichen schon ihre grässlichen Hinterlassenschaften – bis zum humorvoll überhöhten oder zynisch-pornografischen Ausstellen. Letzteres wirkt auf ein größer, vermutlich auch stumpfer werdendes Publikum nach medienpsychologischen Erkenntnissen angeblich anziehend, selbst wenn die Darstellung im Film oft als unangenehm empfunden wird. Im Jahr 2013 haben die Wissenschaftler Anne Bartsch und ihre amerikanische Kollegin Louise Mares eine Studie zur Faszination von medialer Gewalt vorlegt, in der 482 Versuchsteilnehmer zu ihrer Wahrnehmung einschlägiger Angebote befragt wurden. Ergebnis: Gewalt im Film muss die Realität reflektieren, damit sie toleriert wird. Diese Einstellung nimmt mit dem Alter angeblich zu.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun muss man bei Regisseuren wie Quentin Tarantino, David Leitch, Lars von Trier oder Takashi Miike schon sehr genau hinsehen und ihr Hintergrundrauschen kennen, das mit Stil-Verliebtheit, untergründigen Lebensthemen, angedichteten Mythen und Vorschusslorbeeren zu tun hat, um den tieferen Sinn zu erkennen. Dennoch produzieren sie so erfolgreich wie bildgewaltig mediale Durchlauferhitzer.

          Mads Mikkelsen ist vornehmlich Mads Mikkelsen

          Netflix hat nun mit „Polar“ einen Film im Angebot, der in Sachen Brutalität als bis ins Detail durchstilisierter „Sure Shot“ auf das Herz der Zielgruppe zielt. Regie führt der schwedische Regisseur Jonas Akerlund, der sich mit Blut, Schweiß und Tempo auskennt, weil er in den Achtzigerjahren mal Schlagzeuger in der schwedischen Black-, Viking-, und Pagan-Metal-Band „Bathory“ (nach der ungarischen „Blutgräfin“ Erzsébet Báthory) war und hernach vornehmlich Musikvideos für und von Paul McCartney bis Rammstein gedreht hat. Zugrunde liegt dem Drehbuch von Jayson Rothwell der gleichnamige Web-Comic des spanischen Autors Victor Santos aus dem Jahr 2012, der thematisch wiederum nahe am japanischen – denn das ist es ja am Ende doch immer – Original „Golgo 13“ operiert.

          Der Film geht so: Mads Mikkelsen ist vornehmlich Mads Mikkelsen und passt, indem er meist im schwarzen Wollpulli mit traurigem Wolfswelpenblick stumm auf die kalte Welt schaut, hervorragend in die Rolle von Duncan Vizla, genannt „Black Kaiser“ (im Comic noch umgekehrt „Kaiser Black“). Er ist der beste und schlimmste aller Meuchelmörder, soll nun aber laut Arbeitsvertrag mit seinem Chef, „Herrn Blut“ (auch schön: Matt Lucas aus „Little Britain“), mit fünfzig Jahren in Rente gehen. Herr Blut aber ist Deutscher, ein Knauser und komplett wahnsinnig, respektive konsequenter Kapitalist – und will dem Kaiser die Pension von acht Millionen Dollar verwehren, damit er seinen Assassinen-Verleih gewinnbringend verkaufen kann. Das ist ein Fehler.

          Kriminologen würden von „Übertöten“ sprechen

          Dass der Film es bitter ernst damit meint, es auf politisch total unkorrekte Weise und höchst unernst sehr ernst zu meinen, macht er von Beginn an klar. Da wird der ehemalige „Jackass“ Johnny Knoxville als entbehrliche Figur Michael Green erst von einer sündigen Verführerin namens Sindy (ja, wirklich: Ruby O. Fee) am Pool animiert; und dann, in seinem peinlich explizit dargestellten Animiertsein, mit Hilfe zahlreicher Feuerwaffen abserviert. Das setzt den Ton. Kriminologen würden hier von „Übertöten“ sprechen, das für professionelle Mörder alles andere als typisch ist. Aber hier soll eben nicht die Realität reflektiert werden. Es ist in diesem Sinne Brutalisnky-Pilcher für Fortgeschrittene.

          Mit dem schwarzen Kaiser hat die nur äußerlich interessante Killertruppe – bestehend aus Hilde (Fei Ren), Karl (Robert Maillet), Alexei (Josh Cruddas), Facundo (Anthony Grant) und besagter Sindy – nun ihre liebe Mühe. Figuren tauchen nur auf, um vom Kaiser eliminiert zu werden. Der will eigentlich wie immer nur die Ruhe seiner abgeschiedenen Blockhütte am vereisten See genießen, während er mit der schüchternen Camille anbandelt, die erfreulich nuanciert von Vanessa Hudgens gespielt wird. Sie bietet mit ihrer vielfältigen Mimik den Gegenentwurf zu Mikkelsens machtvergessenem Einheitsgesicht.

          In diesem Film wird viel geschossen; es wird zu Dudelsackmusik gefoltert; es gibt viel Sex. Außerdem wird aus Versehen ein Hund erschossen, der im Hause Kaiser hernach durch Goldfische ersetzt wird. Sie sind am Ende, die einzigen, die davon kommen, so sie nicht erfroren sind. Sehenswert wird dieser überdrehte Assassinen-Reigen zwischen schneeweißer Waldeinsamkeit mit „Winter-Kaffee“ und farblich übersättigtem Hipster-Killertum, weil er so konfrontativ mit den Erwartungen der Zuschauer spielt und ein Gespür für Kontrast (Kamera Pär M. Ekberg), Experimente, Schnitt (Doobie White) und Timing besitzt. Sindy taucht aus dem Pool auf – und Cut, bevor das Dekolleté ins Bild kommt. Um es dann doch zu zeigen, bis es den Zuschauer fast erschlägt. Verschlagene Obszönität, auch bei der Abbildung des Tötungshandwerks. Über sich hinaus weist das allerdings nicht. Und am Ende weint selbst der Kaiser.

          Polar ist von heute an bei Netflix im Angebot.

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