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Netflix-Film „Good on Paper“ : Das Ende des gutherzigen Trottels

Ist er der Richtige, oder doch ein pathologischer Lügner? Andrea (Iliza Shlesinger) im Bett mit Dennis (Ryan Hansen) Bild: Netflix

Die Single-Frau muss nur mal ihr Beuteschema ändern, um die Liebe zu finden, oder? Von wegen: „Good on Paper“ ruiniert auf Netflix mit Lust eines der großen Narrative Hollywoods.

          3 Min.

          Sie ist ein wesentlicher Bestandteil von romantischen Komödien: die Idee, eine Single-Frau in ihren Dreißigern müsste einfach nur ihr Beuteschema ändern und andere Typen kennenlernen, dann wird das schon. Der Mann in diesen romantischen Komödien ist entweder ein liebenswerter Trottel mit goldenem Herzen, der erst auf den zweiten Blick attraktiv wird, oder ein mysteriöser, arroganter Kerl, dem die Heldin nicht über den Weg traut – bis sich herausstellt, dass er nur verheimlicht hat, dass er der Thronfolger eines kleinen Fürstentums oder doch zumindest der Erbe einer großen Schaffarm in Cornwall ist.

          Julia Bähr
          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Dieses Narrativ ist wichtig für romantische Komödien, denn man muss die Zeit ja irgendwie füllen, und dafür braucht es Konflikte oder Unklarheiten. Wenn alles perfekt läuft, ist das einfach nicht unterhaltsam genug für Spielfilmlänge. Deshalb lebt ein ganzes Genre recht gut davon. Wie intensiv sich diese Idee festgesetzt hat, ist die größte Überraschung, die einem der Film „Good on Paper“ beschert. Die Komödie von und mit Iliza Shlesinger in der Hauptrolle übernimmt das Narrativ nämlich zuerst, um es dann in der Luft zu zerfetzen. Und weil die Komikerin Shlesinger keine halben Sachen macht, ist der Mann hier zugleich ein liebenswerter Trottel und arroganter reicher Typ. Sie zerstört also alles, was den Zuschauern des Genres bisher weisgemacht wurde. Das hinterlässt Eindruck, macht aber auch großen Spaß.

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          Shlesinger spielt Andrea, eine erfolgreiche Stand-up-Komikerin, die auch im Schauspielgeschäft Fuß zu fassen versucht – also in weiten Teilen sich selbst. Auch der Plot soll Shlesinger so ähnlich selbst passiert sein. In einem Flugzeug begegnet Andrea Dennis (Ryan Hansen), der anders ist als alle Typen, denen sie sonst ihre Nummer geben würde. Er verwaltet Hedgefonds, ist onkelig angezogen und erwähnt ständig, dass er in Yale studiert hat. Als „gleichzeitig aufgeblasen und bescheiden“ beschreibt sie ihn. Auf sie wirkt das alles geradezu exotisch. Es entwickelt sich eine Freundschaft, in der jederzeit klar ist, dass er mehr Potential sieht, während sie sich einfach nicht zu ihm hingezogen fühlt. Irgendwann bringt er eine Pro-und-Kontra-Liste mit zu einem Treffen, die sie von einer Beziehung überzeugen soll. Was sie dann später aber wirklich überzeugt, ist ein besoffener Abend gemeinsam, an dem sie ihn davon ablenken will, dass seine Mutter erkrankt ist. Plötzlich sind die Gefühle einfach da.

          So weit die Geschichte, wie Hollywood sie sonst erzählt. Hier wiederum ist der ausgesprochen hässliche Ring, den Dennis Andrea schenkt, das geringste Problem. Dafür häufen sich Dinge, die sie misstrauisch machen: Als sie einem Paar begegnen, das in Yale studierte, hat Dennis plötzlich gar nicht viel von damals zu erzählen. Außerdem war sie noch nie in seiner Wohnung, und als sie endlich spontan dort hinfährt, erwartet sie eine Überraschung. Aber Dennis hat für alles Erklärungen und ist so gutherzig und freundlich zu ihr – wer könnte ihm misstrauen?

          Die Erste, die Verdacht schöpft und ihm hartnäckig folgt, ist Andreas beste Freundin (Margaret Cho). Dann fällt Andrea selbst auf, dass die ganzen Erklärungen zu gut sind, um wahr zu sein. Nur von Hollywood in jahrzehntelanger Kleinarbeit eingewickelte Zuschauer sitzen noch eine ganze Weile da und fragen sich, ob da nicht doch eine Auflösung kommt. Er mag hier und da gelogen haben, aber er liebt sie doch, oder? Keine Chance für Romantiker. Kimmy Gatewood, Serienfans als Schauspielerin bekannt aus „Glow“, lässt in ihrem Regiedebüt wirklich keinen Stein auf dem anderen.

          Nun hätte die Geschichte natürlich auch das Potential zum Thriller. Oder zum Gerichtsfilm. Oder zu einem Psychodrama. Aber Iliza Shlesinger, deren Drehbuch auf eigenen Erfahrungen basiert, fängt die Absurdität der Ereignisse großartig ein und kommentiert sie dabei auch noch scharfzüngig. Der Plot wird unterbrochen von Szenen, in denen sie als Komikerin auftritt und auf das Geschehen Bezug nimmt. Sie fragt etwa, warum es bei Männern als hartnäckig gilt, sich bei einer Frau immer wieder zu melden, obwohl sie kein Interesse hat, und bei Frauen umgekehrt als verzweifelt. Das schmückt nicht nur den Film, sondern ist auch eine exzellente Werbung für ihre vier Stand-up-Specials, die ebenfalls auf Netflix zu sehen sind.

          Frauen sollten nicht ihr Beuteschema ändern, rät Shlesinger. Dieses Bauchgefühl, wer passen könnte und wer nicht, das sei antrainiert und mache meist einen guten Job. Für die Filmbranche ist das ein geradezu revolutionärer Gedanke. Das könnte zum Äußersten führen: romantischen Komödien, die nicht nach Schema F ablaufen.

          Good on Paper, ab Mittwoch auf Netflix

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