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Die TV-Serie „Enola Holmes“ : Von wegen kleine Schwester

Zielsicher: Millie Bobby Brown als Enola Holmes Bild: LEGENDARY ©2020

„Stranger Things“-Star Millie Bobby Brown spielt in „Enola Holmes“ die jüngere Schwester des Meisterdetektivs aus der Bakerstreet. Dabei durchbricht sie nicht nur Konventionen, sondern auch die vierte Wand.

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          Diese junge Frau kann unmöglich erst sechzehn Jahre alt sein. Wenn Millie Bobby Brown als Enola Holmes ihre älteren Brüder, den berühmten Detektiv Sherlock und den eiskalten Staatsmann Mycroft, mit großen Augen anfleht, sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter nicht in eine Erziehungsanstalt für junge Damen zu schicken, und wenn sie kurz darauf mit Blick in die Kamera dem Publikum verschwörerisch ihren Fluchtplan erklärt, dann spricht aus diesem Gesicht mindestens die Schauspielerfahrung einer fünfzehn Jahre Älteren. Millie Bobby Brown ist eines jener Talente, die der Streamingdienst Netflix aufzubauen versteht. Die junge Britin spielte in „Stranger Things“ die telekinetisch begabte Eleven. Dafür regnete es Lob und Preise. Und Brown ist Geschäftsfrau genug, nicht nur die Hauptrolle in der Jugendbuchverfilmung „Enola Holmes“ zu spielen, sondern den Zwei-Stunden-Film auch mitzuproduzieren.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Was wäre, hätte Sherlock Holmes eine jüngere Schwester gehabt? Wäre sie analytisch brillant wie der Detektiv? Hätte sie sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Frau durchsetzen können? Die amerikanische Autorin Nancy Springs, die die Figur erfunden hat, bediente sich großzügig im Sherlock-Holmes-Kanon, was ihr sogar einen Rechtsstreit mit den Nachlassverwaltern des Detektiverfinders Arthur Conan Doyle einbrachte. Enola, rückwärts gelesen für „Alone“, wie die Hauptfigur, mit Blick in die Kamera, gleich zu Beginn des Films erklärt, ist deutlich jünger als ihre beiden Brüder und von der exzentrischen Mutter auf einem abgelegenen Landsitz erzogen worden. Statt Sticken und Klavierspiel lehrte die Mutter sie Fechten, Bienenzucht und Kampfsport und ließ sie die gesamte Bibliothek von Shakespeare bis John Stuart Mill lesen. Als die Mutter an Enolas sechzehntem Geburtstag verschwindet, hinterlässt sie der Tochter Geschenke mit versteckten Botschaften.

          Sie kann boxen und Jiu-Jitsu

          Um sie zu finden und ihren Brüdern zu entwischen, legt Enola die Kleider des jungen Sherlock an. Auf der Flucht nach London lernt sie einen jungen Lord kennen, der ebenfalls gegen die Vorstellungen seiner Familie rebelliert und um sein Leben fürchten muss. Sie wird ihm, als hübsche Variante des klassischen Mädchen-trifft-Jungen-Schemas, mit Scharfsinn und Kampfkunst mehr als einmal das Leben retten.

          Regisseur Harry Bradbeer macht aus der Abenteuergeschichte einen Coming-of-Age-Film, der sich nebenbei mit dem Kampf ums Frauenwahlrecht und der Suche nach der eigenen Rolle in einer Gesellschaft beschäftigt, deren starre Vorstellungen davon, was man tun darf und was nicht, sich gerade im Wandel befinden. Enola tritt zum einen in die Fußstapfen solch realer Vorbilder wie Anne Lister, jener englischen Adligen, die sich wie ein Mann in der Gesellschaft zu bewegen wusste. Zum anderen sucht sie ihren Platz im Holmes-Kosmos und legt ebenjene Qualitäten an den Tag, die ihrem brillanten Detektivbruder zugeschrieben werden. Sie kann boxen und Jiu-Jitsu, hat eine scharfe Beobachtungsgabe und beherrscht die Kunst der Verkleidung. Dass ihr berühmter Bruder, emotional erstarrt gespielt von Henry Cavill, in den Hintergrund treten muss, machen die Figurenzeichnung der Enola als auch das herausragende Spiel von Millie Bobby Brown wieder wett.

          Am meisten beeindruckt, wie sie die vierte Wand bricht und der Film sein Publikum an die Seite holt. Das ist nicht neu. In diesem Film ist es aber nicht nur ein Stilmittel. „Enola Holmes“ spielt an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert, als das Durchbrechen der vierten Wand auf der Theaterbühne wieder aufkam. Und da es in „Enola Holmes“ um den Bruch mit Konventionen geht, ist es nur logisch, dass die Hauptfigur mit ihren kecken Blicken in die Kamera auf den Umbruch anspielt. Brown gelingt das so natürlich, dass man ihrer Enola zutraut, alle Widerstände zu überwinden.

          Enola Holmes startet heute bei Netflix.

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