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Doku über Jeffrey Epstein : Die Monster sind immer noch da draußen

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Erinnerung an das Verbrechen: Michelle Licata ist eines von Epsteins Opfern. Bild: Netflix

In der Dokumentation „Jeffrey Epstein: Filthy Rich“ haben die Opfer des Sexverbrechers das Wort. Sie schildern das Unfassbare.

          3 Min.

          Zu den bedrückendsten Fragen der „Me Too“-Ära zählt die, warum Frauen Komplizinnen jener Männer waren, die schamlos ihre Macht ausnutzten, um Frauen und Mädchen sexuell gefügig zu machen. Für zwei der prominentesten Täter, den Filmproduzenten Harvey Weinstein und den Fox-News-Architekten Roger Ailes, war diese perfide Nutzbarmachung von Menschen, denen ihre Opfer vermeintlich vertrauen konnten, Teil der von ihnen begangenen Monstrositäten. Aber niemand setzte diese Strategie mit solch perfider Berechnung ein wie der Milliardär Jeffrey Epstein, wie die Netflix-Dokumentation „Jeffrey Epstein: Filthy Rich“ jetzt zeigt. Epstein bot seinen Opfern – oft Teenager – einen Ausweg aus dem sexuellen Missbrauch durch ihn an: Führten sie ihm andere Mädchen zu, belästige er sie selbst nicht mehr und würden trotzdem bezahlt.

          Als „Schneeballsystem sexuellen Missbrauchs“ bezeichnen mehrere Zeugen in der vierteiligen Doku von Lisa Bryant das System des Mannes, der als Finanzberater zu großem Wohlstand kam und sich diesen wohl zum Teil auch erschlich; der die jungen Frauen, die er für eine gutbezahlte „Massage“ in sein Anwesen in Palm Beach lockte und an mächtige Freunde weiterreichte, die Gäste auf seiner Privatinsel in der Karibik oder weitere Anwesen waren. Epstein war sich seiner Macht sicher. Mehr als zwei Jahrzehnte lang meinte er, er werde für seine Verbrechen an den jungen Frauen juristisch nie belangt.

          Die Dokumentation, die auf dem gleichnamigen Sachbuch des Krimiautors James Patterson basiert, zeichnet nach, wie lange Epstein unbehelligt blieb. Über mehr als zwanzig Jahre, so schildern die acht Frauen, die von Epsteins Übergriffen berichten, blieben Anzeigen folgenlos, Anschuldigungen ungehört. Epstein ließ sich immer weiter junge Mädchen zuführen und vergriff sich an ihnen. Unterstützt wurde er von seiner Freundin Ghislaine Maxwell, Tochter des britischen Medienmoguls Robert Maxwell, und anderen – Nada Marcinkova und Sarah Kellen etwa, die zugleich Opfer und Rekrutierer in Epsteins Verbrechenszirkel waren. Ghislaine Maxwell wird hier als zentrale Figur ausgemacht.

          Das Muster: einflussreiche Männer nutzen ihre Machtposition

          Abermals wird das Muster so vieler „Me Too“-Geschichten deutlich: Einflussreiche Männer nutzen ihre Machtposition für sexuelle Beutezüge und verschleiern diese. Ihre Opfer sind aufgrund ihrer Jugend und ihrer persönlichen Umstände leicht zu beeindrucken und einzuschüchtern. Assistentinnen der verbrecherischen Übergriffe werden durch Druck gefügig gemacht. Die Öffentlichkeit schaut weg. Epstein ist charmant, winkt mit Geld und dem Versprechen einer Ausbildung und nicht zuletzt mit purem Luxus. Er verfügt über eine Flotte privater Jets, eine karibische Insel, die Gesellschaft von Prinzen und Präsidenten und sonstigen Berühmtheiten – Bill Clinton, Donald Trump, Prinz Andrew, Woody Allen, Chris Tucker, Kevin Spacey.

          Sie waren mit von der Partie: Prinz Andrew, Ghislaine Maxwell (rechts).

          Aber dies ist nicht die Geschichte von Epsteins mondänem Leben, sondern die seiner Opfer und derer, die darum kämpften, ihn zu belangen – Journalisten, Polizisten, Anwälte. Es ist über weite Strecken nicht einfach, sich diesem Vierteiler auszusetzen. Erschütternde Erlebnisberichte und Übelkeit erregende Beschuldigungen – etwa die, dass ein guter Freund Epstein zum Geburtstag drei zwölfjährige Mädchen aus Frankreich „besorgt“ habe – stehen neben dem Frust von Reportern und Polizisten, die trotz vieler Zeugen und wasserdichten Ermittlung gewärtigen mussten, wie Epstein 2008 hinter verschlossenen Türen einen Deal mit der Staatsanwaltschaft von Südflorida machte, der jedem Mafia-Krimi spottet: lächerliche Sonder-Haftbedingungen, Immunität für Epstein und seine Helfer, die Opfer blieben außen vor.

          Den acht Frauen, die hier ihre Geschichten erzählen, gehört diese Dokumentation, nicht dem Narzissten Epstein. Die Frauen schildern ihre Erlebnisse im Detail, machen den Schock und den Unglauben ebenso greifbar wie die Scham und die Angst und die Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen. „Vor Epstein“, sagt eine von ihnen mit bebender Stimme, „war ich etwas anderes, eine knospende Blume.“

          Lisa Bryants Dokumentation beruht auf Pattersons detaillierter Recherche der Polizeiarbeit in Palm Beach, aber in weiten Teilen auch auf den Recherchen von Julie Brown beim „Miami Herald“, die mit einer dreiteiligen Serie über Epstein, seine prominenten Verbindungen und die Aussagen seiner Opfer Ende 2018 den Blick, inzwischen unter dem Eindruck von „Me Too“, noch einmal auf Epsteins Machtgefüge und dessen Schattenseite richtete. Im Juli 2019 wurde Epstein wegen Sexhandels verhaftet. Als er im August erhängt in der Untersuchungshaft aufgefunden wurde und Spekulationen über Suizid, Mord oder Inszenierung aufkamen, schien er ein letztes Mal der Rechenschaft zu entkommen.

          Und doch schließt die Dokumentation mit einem unerwarteten, bewegenden Moment der Genugtuung. Virginia Roberts, gegen deren Vorwürfe, sie sei auf Epsteins Privatinsel sexuell missbraucht worden, sich Prinz Andrew im vergangenen November in einem desaströsen BBC-Interview zur Wehr setzte, sagt den vielleicht entscheidenden Satz: „Wir waren Kinder. Wir wurden unter ihren Augen gehandelt. Sie wussten, dass das falsch ist. Die Monster sind immer noch da draußen. Warum sie noch nicht genannt und beschämt wurden, verstehe ich nicht.“ Diese üble Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt.

          Jeffrey Epstein: Stinkreich läuft bei Netflix.

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