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„Net Mundial“ in São Paulo : Wer regiert denn eigentlich im Netz?

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In São Paulo soll die Lösung liegen; und an dieser sollen nicht nur Regierungen, sondern auch nichtgouvernementale Stakeholder mitwirken Bild: picture alliance / Robert Hardin

Spät hat die Politik die Bedeutung des Internets erkannt. Jetzt sieht sie dessen eigenwillige Verwaltung mit Skepsis. Eine Konferenz in São Paulo soll von Mittwoch an etwas Klarheit schaffen.

          Viele Köche verderben den Brei? Nicht immer. Das Internet ist gerade deshalb so mannigfaltig, weil so viele an ihm mitwirken. Mit einem einzigen Steuermann sähe das Internet heute womöglich aus wie Telekommunikation oder Post: Das Aufrufen von Websites müsste wie ein Telefonat bezahlt, für jede E-Mail Porto entrichtet werden.

          Traditionelle Kommunikationssysteme sind zentralistisch. Das Internet ist dezentral. In Kriegen oder Revolutionen werden Telegraphenamt und Rundfunkstationen besetzt, um die Kommunikation zu kontrollieren. Wie will man das Internet, ein Netzwerk von Zehntausenden von Netzwerken, besetzen?

          Aus sechzehn werde sechzehn Millionen

          Die technische Infrastruktur des Netzes spiegelt sich in der Struktur ihrer Verwaltung, genannt „Internet Governance“. So wie der eine Internet-Pionier das „@“, der andere das „dot“ und der dritte das Domainname-System erfand, so entstanden die Gremien: Um IP-Adressen kümmern sich fünf regionale Internet Registries (RIRs), um die technischen Protokolle die Internet Engineering Task Force (IETF). Für Domain-Namen ist Icann zuständig. Sie koordiniert zudem auch Nummern, Protokolle und Root Server. Dann gibt es die Internet Society (Isoc), das Internet Architecture Board (IAB), das World Wide Web Consortium (W3C), die IEEE, die Anti Phishing Coalition und viele mehr. Für Regierungen, die einen Gegenpart suchen, ist das recht verwirrend, zumal es sich um nichtstaatliche, globale Netzwerke handelt.

          Das Ökosystem der Internet Governance hat sich im Schatten staatlicher Regulierung entwickelt. Das hat funktioniert: Innerhalb von zwanzig Jahren stieg die Zahl der Internetnutzer von vier Millionen auf fast vier Milliarden. Keiner musste eine Genehmigung einholen, um eine Suchmaschine, einen Videodienst oder ein soziales Netzwerk ins Internet zu stellen. Die offenen Protokolle erlaubten jedermann, jederzeit mit jedermann zu kommunizieren, ohne fragen zu müssen.

          Als Jon Postel das System der Domain-Namen erfand und jedem Land eine Top Level Domain zuwies, fragte er weder Parlamente noch Regierungen. Die Bestimmung der „.de“-Domain erfolgte per Handschlag. Keine Partei im Bundestag und auch nicht die Bundesregierung nahmen davon Notiz. Es waren ja auch gerade mal sechzehn Adressen unter .de registriert. Jetzt sind es sechzehn Millionen.

          Zusammenprall der Kulturen

          Geregelt wird das Ganze primär durch Internet-Protokolle, die sogenannten „Requests for Comments“ (RFCs). Die fast 8000 Protokolle, die es heute gibt, gelten als das „Gesetzbuch des Internets“. Regeln entstehen, sobald Betroffene und Beteiligte eine Notwendigkeit sehen. Ist ein Problem identifiziert, wird eine offene Arbeitsgruppe gebildet. Es wird so lange diskutiert, bis ein „rough consensus“ erreicht ist: kein voller Konsens, aber mehr als eine Zweidrittelmehrheit. Juristisch verbindlich sind RFCs nicht. Allerdings ist es ratsam, sich an sie zu halten. Die Verwaltung der Protokolle läuft nach dem Motto: „Könige, Präsidenten und Wahlen lehnen wir ab. Wir glauben an Rough Consensus und laufenden Code.“

          Jeder ist in diesem Internet-Governance-System unabhängig, zugleich ist jeder auf den anderen angewiesen. Das Ganze basiert auf geteilter Verantwortung und gegenseitigem Vertrauen. Es ist offen, transparent, und jeder, der ein spezifisches Interesse oder Kompetenzen hat, also „Stakeholder“ ist, kann mitmachen.

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