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Neozoen aus dem „Dschungelcamp“ : Sie sind keine Stars und kommen da raus

Frischt geduscht mit Kakerlaken: Für eine Dschungelprüfung musste Rainer Langhans etwa eine Minute in einem Sarg mit 30 000 Kakerlaken ausharren. Das war allerdings noch in New South Wales. Bild: RTL

Wohin verschwindet eigentlich das ganze Getier bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“? Womöglich entgegen allen Naturschutzbestimmungen in die walisische Wildnis? Das zumindest untersucht gerade die britische Polizei.

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          Wenn Tiere sich durch menschlichen Einfluss in einem Gebiet ausbreiten, in dem sie ursprünglich nicht heimisch waren, spricht man von Neozoen. In Deutschland gehören so illlustre Gesellen wie die Wanderratte (Rattus norvegicus), der Waschbär (Procyon lotor) oder die Japanische Esskastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphilus) zu ihnen. Auch im australischen New South Wales, nahe Murwillumbah hatte man bis vor kurzem Probleme mit Neozoen: Sie hören auf Namen wie Costa Cordalis (Costa Costa), Bata Illic (Michaela Enzianis) oder Brigitte Nielsen (Carcharodon carcharias). Obwohl sich die menschlichen Kandidaten der RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ dort wohl nicht heimisch fühlten, breiteten sie sich dennoch aus und machten heimischen Arten die Nahrung streitig – oder badeten darin. Betroffene Nahrungsquellen: Würmer, Käfer aller Art, Teile tierischer Fortpflanzungsorgane und Kakerlaken.

          Letztere, von Natur aus robuste Kerlchen, setzen nun laut Berichten im britischen „Guardian“ zu einem womöglich von langer Hand geplanten Rachefeldzug an: Im alten Wales ermittelt demnach die Polizei im Umfeld der Dschungelcamp-Show (Im Original „I’m a Celebrity … Get Me Out of Here!“), deren 15. Staffel der deutschen, englischen und amerikanischen Version pandemie-bedingt bei den Walisern produziert werden sollte – zumindest der deutsche Fernsehsender RTL war im Oktober jedoch ausgestiegen. Nun ermitteln die Polizisten aufgrund von Beschwerden, nach denen ein Heer aus nichtheimischen Maden, Spinnen und Würmern angeführt von Kakerlaken ein etwa hundert Hektar großes Gebiet um das Gwrych Castle in Nord-Wales für sich beanspruchen könnte. Beschwert hatte sich der aus Wales stammende TV-Moderator Iolo Williams, der für die BBC und den walisischen Sender S4C Natursendungen produziert. „Geschockt“ sei er gewesen, nachdem er gesehen habe, wie Tausende Kakerlaken über Kandidaten ausgeschüttet wurden; „madness“ sei es, solche nicht-heimischen Arten für derlei Unterhaltung zu nutzen („This is Sparta!“, würden die Kakerlaken vielleicht sagen). „Ich bin zwar nicht sicher, welche Art von Kakerlaken sie freilassen, aber heimisch sind die nicht“, sagte Williams dem „Guardian“.

          Omnomnom: Auch Winfried Glatzeder sieht sich Krabblern gegenüber, später kommen noch Soldatenkrabben hinzu.
          Omnomnom: Auch Winfried Glatzeder sieht sich Krabblern gegenüber, später kommen noch Soldatenkrabben hinzu. : Bild: RTL

          Zwar fänden die krabbel- und kriechtierlastigen Mutproben in geschlossener Umgebung statt, doch hätten die Kandidaten oft noch Tiere an sich haften, wenn sie diese Orte verlassen. Die Tiere würden sich in „jeder Falte“ verstecken und er (Williams) glaube nicht, dass auf Anhieb alle gefunden würden. Der ausführende Fernsehsender ITV erklärte indes, es handele sich um „nicht-invasive“ Arten. Welche genau, das wollte man nicht preisgeben. Eine Pressesprecher erklärte, man kaufe sie innerhalb Britanniens, wo sie eigentlich als Tierfutter gezüchtet würden. Laut der Naturschutzbehörde „Natural Resources Wales“ habe der Fernsehsender ITV jedoch keine Lizenz beantragt, die es braucht, um mit bestimmten Tierarten in freier Wildbahn zu arbeiten. Das wiederum wäre dann ein Verstoß gegen gängige Naturschutzbestimmungen.

          Während Williams berechtigterweise vor den Folgen versprengter Schaben („Ultimate Survivors“) für das regionale Ökosystem warnt und vorschlägt, stattdessen doch lieber Innereien und Fischabfälle zu nutzen, dürften die gepanzerten Invasoren es mit ihren Eroberungsplänen allerdings nicht zu weit treiben. Zumindest nicht soweit, dass sie sich ins nahegelegene Naturschutzgebiet „Coed y Gopa“ wagen, denn das gehört den Fischadlern und Habichten, die an den neuen wandelnden Protein-Snacks wiederum bestimmt ihre Freude hätten.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

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