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Deutscher Humor auf Twitter : Nee, ist klar

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Die Lochis, so nennen sich die achtzehnjährigen Zwillingsbrüder Heiko und Roman Lochmann, vor der Frankfurter Skyline Bild: Frank Röth

Was erfährt man über den Zustand des Humors in Deutschland, wenn man Komödianten, Kabarettisten und Fernsehsatirikern auf Twitter folgt? Eine Bestandsaufnahme nach der Bundestagswahl.

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          Wenn die sogenannten Comedians aus Deutschland keine Witze reißen würden, sondern im Profiboxgeschäft wären, dann hätte ihre Schlagtechnik nichts Tänzelndes. Sie würden einfach so lange und so stur auf ihr Gegenüber einprügeln, bis nach drei Minuten endlich die Ringglocke läutete. Über Beinarbeit hätten sie sich noch nie Gedanken gemacht. Warum auch? Es funktioniert ja seit Ewigkeiten ohne! Eigentlich müssten sich die Zuschauer abwenden, solche Boxer fallen seit jeher beim Publikum durch. Aber das geschieht nicht. Die Menschen kommen trotzdem.

          Für den deutschen Humor scheinen die Zeiten golden zu sein: Im ZDF fährt die „Heute-Show“ mit Moderator Oliver Welke Traumquoten ein. Den diesjährigen Staffelauftakt sahen 4,31 Millionen Zuschauer, 2011 waren es noch weniger als die Hälfte. Jan Böhmermann hat im vergangenen Jahr mit dem Gedicht „Schmähkritik“ über den türkischen Despoten Erdogan gleich eine Staatsaffäre ausgelöst.

          Aber was ist das für ein Humor, der Jahr für Jahr mehr Zuschauer vor den Fernseher lockt? Und welche Haltung offenbaren die Witze? Wer Antworten auf diese Fragen sucht oder jedenfalls massives empirisches Datenmaterial, der kann den beliebtesten deutschen Comedians und Satireredaktionen zum Beispiel auf Twitter folgen, denn: Eine treffsichere Punchline muss doch in hundertvierzig Zeichen möglich sein, jedenfalls könnte man das denken. Zudem zeigt sich gerade in einem Medium wie Twitter, das blitzschnell auf ständig wechselnden Lagen reagieren muss, was Schlagfertigkeit überhaupt ausmacht.

          Humor ist das nicht, höchstens Mobbing

          Der Kanal der „Heute-Show“ beweist dann aber rasch: So einfach ist die Suche nach einer guten Pointe nicht. Dass im Oktober der Freitag auf einen 13. des Monats fiel, hat die „Heute-Show“ gleich für drei Gags genutzt. „Heute ist Freitag, der 13. Oder wie Martin Schulz sagen würde: 24. September“, damit ging es los. Etwas später dann: „Heute ist Freitag, der 13. In Amerika schon seit neun Monaten.“ Und zum Schluss: „Heute ist Freitag, der 13. Erdogan hat schon den Hiobsbotschafter einbestellt.“ Man könnte dazu jetzt so einiges sagen: Dass eine mittelmäßige Witzformel über den Twittertag hinweg ausgeschlachtet wird. Dass die Themenwahl so erwartbar wie öde ist. Und dass es offensichtlich egal ist, was die Redaktion twittert. Hauptsache, sie twittert überhaupt etwas.

          Doch wirklich deprimierend ist der offenkundige Hochmut, der hinter solchen Tweets steht. Trumps Amerika ist wie ein schlechter Horrorfilm: Klar, sind wir uns ja alle einige, weiß doch jeder! Die ehemalige Volkspartei SPD verliert fast jeden Wahlkampf: schwer zu übersehen! Die „Heute-Show“ tritt entweder auf diejenigen ein, die schon am Boden liegen. Oder stellt Offensichtliches klar. Humor ist das nicht, höchstens Mobbing. Und Faulheit.

          Freiheit der Satire als Ausrede, um nicht belangt zu werden

          Dass man seinen gesellschaftlichen Einfluss als Comedian auch intelligent nutzen kann, hat in den Vereinigten Staaten zuletzt Jimmy Kimmel bewiesen. Seit der Wahl Donald Trumps hat der Late-Night-Moderator fast gänzlich auf billige Pointen verzichtet und stattdessen auf die verheerenden Folgen einer drohenden Gesundheitsreform aufmerksam gemacht. Der Widerstand gegen Trump ist in Amerika mittlerweile fest mit dem Namen Jimmy Kimmel verknüpft.

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