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Deutscher Humor auf Twitter : Nee, ist klar

  • -Aktualisiert am

Noch deprimierender, noch entmutigender und tragischer sind nur die Twitter-Accounts von Mario Barth und Otto Waalkes (136.000 und 152.000 Follower). Beide erzeugen trotz regelmäßiger Tweets ein Gefühl von Stillstand. Einen geistreichen Kommentar sucht man vergebens. Stattdessen erfährt man, dass Mario Barths „brandneues Programm“ in den Vorverkauf geht, der Titel: „Männer sind faul, sagen die Frauen.“ Waalkes postet meist Bilder von leeren Veranstaltungsräumen in Kreisstädten: „Holdrio again Mannheim“, twittert Waalkes dann beispielsweise. Und durchaus lautmalerisch: „Wo seid ihr den alleeee? Bis gleich! ottO“.

In der Welt der Lochis ist Marketing Alltag

Die jüngere Generation, die sogenannten Youtuber, die Hunderttausende Fans zwischen neun und siebzehn Jahren haben, sind längst zu attraktiven Werbeträgern geworden. Die Lochis, so nennen sich die achtzehnjährigen Zwillingsbrüder Heiko und Roman Lochmann, sind seit der Bundestagswahl auf Twitter größtenteils mit einem beschäftigt: Business. So teilten sie ihren 437.000 Followern Ende September mit: „In 2 Tagen ist es soweit. Unser eigenes Eis erscheint.“ Und zwar beim Fast-Food-Konzern McDonalds. Als 2013 der Komiker und Schauspieler Christian Ulmen in einem McDonalds-Werbespot mitspielte, bekam der noch ziemlichen Ärger mit dem Netz. In der Welt, in der die Lochis leben, ist Marketing Alltag.

Das Publikum, das die Youtuber erreichen, ist gigantisch, ihrer Popularität ungebrochen. „Huuuiii! 600.000.000 Aufrufe auf Youtube“, twitterte unlängst Torge Oelrich, der unter seinem Künstlernamen „Freshtorge“ berühmt wurde. Oelrich ist gewissermaßen der Otto Waalkes der Millennials: sehr albern, sehr sympathisch und sehr unpolitisch. Auf Twitter äußert er sich aber trotzdem manchmal zur Tagespolitik, zuletzt so: „Schäuble kennt sich aus mit schwarzen Nullen. Jetzt muss er die braunen Nullen im Bundestag in Griff bekommen, viel Glück.“ Am selben Tag twitterte die „Heute-Show“ übrigens: „Da kann Schäuble zeigen, dass er nicht nur mit schwarzen Nullen, sondern auch mit roten, grünen, gelben und blauen zurechtkommt.“

Die Möglichkeit für eine neue, andere Humorform

Und doch findet man auch auf Twitter Grund zur Hoffnung: Die Akteure nennen sich „Dax D! Werner“ und „Andy Kassier“, „Hermann Dose“ und „Arthur Aufrecht“. Gemeinsam ist ihnen, dass sie fünfstellige Followerzahlen haben und gar nicht erst versuchen, in hundertvierzig Zeichen eine Punchline unterzubringen. Andy Kassier erprobt täglich, was passiert, wenn man den Gedanken der Leistungsgesellschaft konsequent zu Ende führt: „Diese Momente in den du Glücklich bist, die Sonne genießt und mit deinen Freunden Spaß hast, genau dann arbeite ich und überhole dich.“ Dax D! Werner verzichtet gleich ganz auf Rechtschreibregeln und twittert meist hyperironische Figurenrede: „heute abend erstmal wieder ordentlich einen wegschmunzeln wegen den bildern immer bei der heute show das ist noch richtige satire“.

Die Zeichenvorgabe Twitters nicht als Pointenzwang, sondern als Möglichkeit für eine neue, andere Humorform sehen: Genau das macht der Twitter-Untergrund. Leider interessieren sich dafür gerade mal 0,006 Prozent der deutschen Bevölkerung.

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