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Deutscher Humor auf Twitter : Nee, ist klar

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Als in Deutschland die AfD in den Bundestag gewählt wurde, fiel der „Heute-Show“ dagegen nicht viel mehr ein, als einen traurigen und einen glücklichen Smiley zu posten. „13 Prozent für die AfD“ stand unter dem traurigen, „87 Prozent nicht“ unter dem glücklichen. Danach attackierte die Redaktion lieber den einfachsten aller möglichen Gegner, den Wahlverlierer: „Die CSU hat über zehn Prozentpunkte verloren. Das passiert, wenn man seine kleine, hässliche Schwester salonfähig macht.“

Vielleicht frustrieren einen solche Banalitäten deswegen so besonders, weil sich die „Heute-Show“ ansonsten penetrant im Besitz sämtlicher Wahrheiten über sämtliche politische Konflikte wähnt und an diesem – nie einzulösenden – Maßstab andere Figuren des öffentlichen Lebens misst. Die Redaktion benutzt die Freiheit der Satire eben nicht zum Erkenntnisgewinn, wie das etwa die „Titanic“ und die aus ihr hervorgegangene „Die Partei“ mit teils brachialen Aktionen versucht, sondern als Ausrede, um nicht belangt zu werden.

Durchkauen der immergleichen Pointen

Risikolosigkeit und Wiedererkennbarkeit – ist doch klar, dass die FDP / Claudia Roth / Heino doof sind, sonst würden wir ja nicht ständig Gags über sie machen – sind die Mittel der Wahl des Durchschnittshumoristen aus Deutschland. Der Twitterkanal der „Heute-Show“ steht deswegen paradigmatisch für einen Humor, der sich auf das Durchkauen der immergleichen Pointen spezialisiert hat.

Auch am Todestag des „Playboy“-Gründers Hugh Hefner war dieses Muster zu beobachten: Den Anfang machte Niels Ruf (98.600 Follower), der mal als Querulant im deutschen Fernsehen galt, aber mittlerweile bei der RTL-Show „Let’s Dance“ tanzt. „Hefner ist tot. Er ist deshalb nicht schlechter im Bett als die Jahre zuvor“, twitterte Ruf. Simon Gosejohann (92.700 Follower), der Streetcomedy nach Deutschland brachte, legte nach mit: „Hefner ist tot. Aber ich werde weitermachen.“ Die „Extra 3“-Redaktion (611.000 Follower) ließ sich hinreißen zu: „Hefner ist gestorben. Jetzt wollen alle zu seiner Beerdigung. Natürlich nur wegen der Reden.“ Und Matze Knop (308.000 Follower), bekannt geworden als Beckenbauer-Imitator, schrieb: „Frau von Hugh Hefner erbt nix. Der Junge hat halt nur mit ihr gespielt.“

Die traurige, ganz und gar nicht lustige Wahrheit ist: Besser als die Hefner-Tweets wird es unter den Witzfiguren des Mainstreams nicht mehr. Dieter Nuhr, der eigentlich zu allem eine Meinung hat, informiert auf Twitter seine 816.000 Follower vor allem über seine nächsten Fernsehauftritte. Wenn er sich doch zum Tagesgeschehen äußert, gibt er sich plötzlich nachdenklich: „Petry nicht in AfD-Fraktion! Dass die sich zerlegen, war klar, aber das es so schnell geht, prima...“, twitterte Nuhr nach der Bundestagswahl. War klar, ist prima, und das von einem Mann, der in ungefähr jeder zweiten Kabarettsendung auftritt, der die Möglichkeit hätte, über Twitter fast eine Millionen Menschen zu erreichen.

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