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Olli Schulz im Altersheim : Worauf warten wir noch?

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Darf ich bitten? Olli Schulz legt im Altersheim, das man heute „Seniorenresidenz“ nennt, mit Frau Friedmann ein Tänzchen auf den Teppich. Bild: NDR/Daniel Bremehr

Olli Schulz sieht sich mit 46 Jahren schon einmal im Altersheim um. Er ist schwer überrascht und – beruhigt. Denn da lässt es sich leben und feiern, machen ihm die Neunzigjährigen klar. Der NDR beglückt uns mit diesem Fernsehstück.

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          Olli Schulz ist der onkelhafteste aller Fernsehclowns, zumal er mit der Künstlichkeit und Eigenliebe dieses Mediums so sichtbar fremdelt. Als lustig-melancholischer, gänzlich sarkasmusfreier Musiker – seine Songs sind knuffig genäselte Lebensphilosophie zum Anfassen – wurde er von Joko, Klaas und Böhmermann ins Fernsehen irgendwie reingelockt, und dann gefiel es ihm doch. Anders als die Genannten kann man sich Olli Schulz sogar jenseits ironischer Dauerjugendsendungen vorstellen. Auf eine schräge Art ist der kumpelsympathische Hamburger nämlich universalkompatibel, mit Familien- und Kinderpublikum, mit den Stiernackenfans von Stefan Raab, mit der Generation Internet, mit den Fußtruppen Gretas, aber auch, das zeigt nun eine Folge des hübschen NDR-Formats „Geschichte eines Abends“, mit Ü90-Partyhasen der beiden Kampfgattungen Eierlikör und Kümmelschnaps.

          Das aparte Format gibt es seit vier Jahren und acht Episoden, wobei die ersten fünf Folgen noch unter dem Titel „Soul Kitchen“ liefen. Damals hatte Dirk Stermann, Kabarettist und prädestinierter Hauptdarsteller für ein Thomas-Gottschalk-Biopic, mit einigen bunt zusammengewürfelten Gästen das Blaue vom Himmel gequatscht. Seither wechselten die Gastgeber. Dass der NDR von „anarchischem Doku-Talk“ spricht, muss man nicht so ernst nehmen. Unser öffentlich-rechtliches Fernsehen und Anarchie haben nun einmal nicht mehr gemein als ein „Supernasen“-Film und die Französische Revolution. Aber bei aufgegebener Deckung einen Abend seinen eigenen Weg finden zu lassen, das wagt man hierzulande vor der Kamera dennoch eher selten.

          Mit 46 Jahren allmählich mit Sorge ans Ende denkend, hat sich Olli Schulz nun gewünscht, einen derartigen Abend in einem Altersheim zu verbringen, was sich heute freilich eher „Seniorenresidenz“ nennt. Auch „Krücke“ heißt es nicht mehr, wie der Gast lernt, sondern „Gehhilfe“. Aber dafür ist er ja hier, um ganz unbefangen mit einigen der ältesten Bewohner über das Leben, das Altern und auch das Sterben zu plaudern. Und er kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die vier ausgewählten Bewohner – die verschmitzten Herren Reimer und Zielke (beide 97 Jahre alt), die pompös gutgelaunte ehemalige Postbeamtin Frau Stark (91 Jahre) und die entzückende Frau Friedmann, mit 81 Jahren hier der Jungspund und unentwegt Dinge von sich gebend, die klüger sind als alles, was im „Fernsehgarten“ oder bei „Circus Halli Galli“ je gesagt wurde –, diese vier topfitten Herrschaften also wissen längst alles über den nervös behutsam sich nähernden komischen Vogel von Moderator, weil sie ihn eben längst gegoogelt haben. „Ach“, wundert sich Olli Schulz, „sind Sie im Internet?“

          Der Jugend, die es heute gut habe, entgehe vieles beim Dauerblick aufs Smartphone, bedauern die Senioren, aber falsche Nostalgie, wie im erzkonservativen Milieu so verbreitet, findet man hier nicht. Früher sei es „nicht besser“ gewesen, sondern einfach „leichter“, mehr genormt. Ein Tipp über die Generationen hinweg: Man solle den Moment leben. Dass umgekehrt die Alten so viel vom Krieg redeten – Frau Friedmann meint die richtig Alten –, müsse man verstehen: „Es war eben ihre Hauptzeit, ihre Jugend, die sie nicht erleben durften.“ Freiwillig sei er nie Soldat gewesen, sagt Herr Reimann. Aber er hat überlebt. Generell ist er ein Überlebenskünstler, nicht einmal der Krebs warf ihn um. Jetzt genießt er jeden Tag: „Ich hab keine Angst. Mir kann’s gar nicht besser gehen.“

          Sie fühle sich keineswegs so, wie sie früher einmal dachte, dass Neunzigjährige sich fühlten, gesteht Frau Stark: „Das Leben, das ging so dahin – und war wunderschön.“ Dass es mit neunzig sowieso schon vorbei sei, stimme trotzdem nicht. Eine „Endstation“ sei so ein Heim zwar, „aber eine schöne Endstation“. Ein Haus voller Leben. Meist ist der langjährige Partner gestorben, teils schon vor Jahrzehnten. Aber es ging weiter, man fand neue Gefährten, über die dann bei Eierlikör und Schnaps geschwärmt und freundlich gelästert wird. „Liebe ist in jedem Alter ein Motor“, sagt Frau Friedmann. Sie lasse alles besser, leichter, schöner erscheinen. Und in dieser Hinsicht geht es vielleicht sogar schneller mit den Jahren: „Wir haben ja nicht mehr viel Zeit ... Worauf sollen wir warten?“

          Den Fernsehheini mit Gitarre halten die Besuchten für locker, keck und schlagfertig, aber auch – ins Schwarze treffend – für „ein bisschen fahrig“. Doch obwohl sie ihn etwas zappeln lassen, als er von seiner Patch-Work-Familie berichtet – „wieso man sich immer so schnell scheiden lässt“ –, haben sie ihn längst ins Herz geschlossen. Tatsächlich stimmt, was Olli Schulz aus dem Off sagt: „Fünfzig Jahre liegen zwischen uns, aber in den letzten Stunden ist das egal geworden.“ Von Sendungen wie dieser (Regie Domenica Berger und Christian von Brockhausen) darf es gern mehr geben.

          Geschichte eines Abends ... mit Olli Schulz läuft in der Nacht von Freitag auf Samstag um 0.00 Uhr im NDR-Fernsehen.

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