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NDR-„Tatort“ aus Hamburg : Wer sorgt für Gerechtigkeit?

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Ungeduldig: Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) will Antworten von Siggi (Sascha Nathan). Bild: NDR

Ein ermordeter Dieb, ein Mann auf dem Selbstjustiz-Trip, eine Frau auf der Flucht und keinerlei Gewissheit: Im „Tatort: Treibjagd“ werden Jäger zu Gejagten.

          „Internet ist nur für Spacken“ brummt Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) und schlägt damit den gleichen Ton an wie die Menschen, über die er sich gerade aufregt. Es sind Mitglieder und Sympathisanten der selbsternannten Nachbarschaftswache des kleines Ortes Neugraben, der seit längerer Zeit unter einer Einbruchswelle zu leiden hat. Weil die Bewohner sich von der Polizei nicht ordentlich geschützt fühlen, haben sie eine Bürgerwehr gegründet, die Stadt Hamburg reagiert im Gegenzug mit einer „Super-Soko“, die sich auf die Einbruchsfälle konzentrieren soll. Für die Unterstützung dieser Abteilung sind Falke und seine Partnerin Julia Grosz (Franziska Weisz) abgestellt – und auch in ihrem Urteil zu der Sonderabteilung verstehen sich der Ermittler und die frustrierten Nachbarn: reine PR-Maßnahme.

          Das Verständnis findet allerdings ein jähes Ende, als die Wut der Neugrabener aus dem Internet in die Realität schwappt und auf dem Teppich eines bürgerlichen Einfamilienhauses die Leiche eines jungen Bulgaren gefunden wird. Wenige Stunden zuvor saß dieser Dieb namens Kolya (Tilman Pörzgen) noch auf der Polizeiwache, nachdem er von einer Streife mit Sturmhaube und Schraubenzieher im Gepäck erwischt worden war. Weil das nicht reicht, um jemanden anzuklagen, mussten die Beamten ihn aber laufen lassen – und zwar in die Arme seiner Freundin Maja (Michelle Barthel), die nun für alle Beteiligten zur Schlüsselfigur des Falls wird. Es stellt sich heraus, dass Kolya seinen letzten Einbruch nicht allein begangen hat und dass es an der Aussage des bestohlenen Dieter Kranzbühler (Jörg Pose), der behauptet, den Räuber aus Notwehr erschossen zu haben, erhebliche Zweifel gibt. Nach besagter Nacht ist Maja nun schwer verletzt auf der Flucht. Vor den Polizisten, in denen sie keine Verbündeten sehen kann, und vor dem Bruder des Schützen, Bernd Kranzbühler (Andreas Lust), der um jeden Preis verhindern will, dass sie doch noch eine Aussage macht.

          Das Zuhause wird zum Ort der Angst

          Von der klassischen „Whodunit“-Tradition, in der die Suche nach dem Täter eines Verbrechens im Mittelpunkt steht, hat sich der Tatort schon lange verabschiedet, und auch im neusten Hamburger Fall sind die Fronten schnell geklärt. Der Zuschauer erfährt früh, was sich bei dem fatalen Einbruch tatsächlich abgespielt hat, der Fokus der Regisseurin Samira Radsi liegt auf dem Spannungsbogen der Verfolgungsjagd und der Analyse des Phänomens Bürgerwehr im digitalen Zeitalter. Dabei lassen sie und das Autoren-Duo Florian Oeller und Benjamin Hessler gewisse Klischees nicht aus, wenn sich die Neugrabener zum Beispiel unter dem Hashtag #wehrteuch online in mangelhafter Rechtschreibung über die Polizeiarbeit beschweren. Die Motive der Bürger inszenieren sie allerdings als durchaus nachvollziehbar. Gleich zum Einstieg wird der Zuschauer Zeuge, wie das Leben einer Kleinfamilie durch den Schock eines Einbruchs für immer aus den Fugen gerät: Kinder verlieren ihr Urvertrauen, das Zuhause wird zum Ort der Angst.

          Nur hat Kommissar Falke für solche Befindlichkeiten keinen Nerv. „Polizei, dein Freund und Helfer“ murmelt ein Nachbar, als Falke den Todesschützen auf dem Weg ins Krankenhaus noch mal ruppig befragt. „Halt die Fresse“ kontert der. Später wird er durch seinen Sensibilitätsmangel noch einen Herzinfarkt auslösen. Sympathieträger sucht man in diesem Tatort vergeblich, abgesehen von Falkes dickem Kater Elliot, der schon 2013 bei seinem Auftritt in Möhrings erstem Einsatz seine Fans gefunden hat. Das Verbrecherpärchen rührt mit seiner jungen Liebe, stößt aber mit der skrupellosen Gier sofort wieder ab. Der zivile Verfolger gewinnt durch die Zuneigung zu seinem Bruder und verliert durch seine Brutalität. Derweil Kommissarin Grosz alles versucht, die Entgleisungen ihres Partners auszugleichen, letztlich aber scheitert.

          All ihren gebrochenen Figuren schenkt die Regisseurin die gleiche Aufmerksamkeit, verdammt sie und verzeiht ihnen im stetigen Rhythmus. Deshalb bleibt auch der Zuschauer dabei und sucht bis zum Ende etwas, auf das er hoffen kann. Es wird ihm nicht leicht gemacht. In diesem Hamburger Tatort gibt es keine Gerechtigkeit, nur Recht. Das ist angenehm unbefriedigend.

          Tatort: Treibjagd, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

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