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Flüchtlingsreportage im NDR : Mit den Rettern in einem Boot

  • -Aktualisiert am

„Die Menschen sind mit dem Gefühl losgefahren, lieber zu ertrinken, als in Libyen zu bleiben“: Flüchtlinge in einem Schlauchboot Bild: NDR

Eine Reportage über den Einsatz einer Hilfsorganisation im Mittelmeer präsentiert mitfühlenden Journalismus in Reinform. So weckt man Verständnis, aber Fragen werden nicht beantwortet.

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          Jeder Fernsehzuschauer kennt die Schlauchboote, in denen Flüchtlinge im vergangenen Jahr die wenigen Kilometer zwischen der türkischen Küste und der griechischen Insel Kos zurücklegten. Diese Schlauchboote sind auch in einer NDR-Reportage aus der Reihe „7 Tage...“ zu sehen. In der Folge „Retten auf dem Mittelmeer“ berichtet Nadia Kailouli über ihre Erlebnisse auf der „Aquarius“. Das Schiff der Hilfsorganisation „SOS Méditerranée“ rettet seit Februar dieses Jahres Menschen aus Seenot. Es handelt sich um jene Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa in Libyen gestrandet sind. Sicherlich käme kein Mensch auf die Idee, sich in eine solches Schlauchboot zu setzen, um von Libyen nach Europa zu kommen, auch kein noch so verzweifelter Flüchtling. Es wäre schlicht Selbstmord.

          Nadia Kailouli zitiert den deutschen Rettungsleiter der „Aquarius“, Mathias Menge. Die libysche Küstenwache rettet nämlich auch Menschen aus Seenot, aber bringt sie zurück nach Libyen. „Das ist nicht gut“, sagt Menge. „Die Menschen sind mit dem Gefühl losgefahren, lieber zu ertrinken, als in Libyen zu bleiben.“ Die „Aquarius“ kreuzt daher vor den libyschen Hoheitsgewässern. Das wissen auch die Flüchtlinge in Libyen – und die Schlepper, die diese Schlauchboote sicher nicht aus Nächstenliebe kostenlos zur Verfügung stellen.

          Mitfühlender Journalismus, der keine Fragen mehr stellt

          Menschen steigen in die Boote, wenn sie die Hoffnung haben, etwa von Schiffen wie der „Aquarius“ aufgenommen zu werden. Menge lässt in der Dokumentation keinen Zweifel daran: Es geht hier nicht allein um Seenotrettung, sondern Flüchtlinge sollen Libyen verlassen können. Sie haben die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Dafür sind diese Menschen bereit, hohe Risiken einzugehen. Wer will es ihnen vorwerfen? Es stellt sich nur die Frage, ob solche Migrationsfragen politisch von einem deutschen Rettungsleiter entschieden werden sollen.

          Für die Reporterin wäre das eine Gelegenheit gewesen, um die dramatische Ambivalenz solcher Hilfsaktionen deutlich zu machen. Davon ist aber in ihrem Film (Regie Haris Krek) nicht die Rede. Vielmehr erlebt der Zuschauer jenen mitfühlenden Journalismus, der keine Fragen mehr stellt. Nadia Kaiouli identifiziert sich mit ihren Erlebnissen, ohne sie einzuordnen. Für sie ist es „unfassbar, dass nur wenige Meter entfernt Menschen um ihr Überleben kämpfen“.

          Manches bleibt ein dramaturgisches Rätsel der Autoren

          Wusste sie das nicht, bevor sie an Bord ging? Noch nie habe sie in Ihrem Leben eine Rettungsweste geöffnet und „Menschen in Sicherheit gebracht“. Ist das die Aufgabe einer Journalistin an Bord? „Embedded journalism“ nennt es das Pentagon, wenn es Kriegsberichterstattern den Zugang zu Kampfeinheiten gewährt, um positive Eindrücke vom Einsatz zu vermitteln. Außer Nadia Kaiouli fährt noch ein gebürtiger Eritreer als Helfer auf der „Aquarius“ mit. Er ist selbst vor neun Jahren über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Wie es ihm dort ergangen ist, wäre zwar interessant zu erfahren gewesen, wird aber nicht thematisiert. Dafür schildert er die Nöte eines Flüchtlings, der diesen Weg über das Mittelmeer wählt.

          Er soll beim Zuschauer Verständnis wecken, so über die Lage in Libyen, die er vor neun Jahren selbst erlebt hat. Über die an Bord kommenden Flüchtlinge erfährt man dafür fast nichts: weder über ihre Herkunft noch über ihre Motive. Immerhin lässt die Reporterin den Rettungsleiter seine Erlebnisse schildern, als die Aquarius die Flüchtlinge an Bord nimmt. Warum sie keine Filmaufnahmen davon zeigt, sondern lediglich wenige Fotos, bleibt ein dramaturgisches Rätsel der Autoren Nadia Kailouli und Benjamin Arcioli. Die nicht gestellten und nicht beantworteten Fragen werden sich nach diesem Film die Zuschauer stellen. Immerhin etwas.

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