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Nadja Tiller zum Achtzigsten : Ikone, Diva und endlich Charakterdarstellerin

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Als „Mädchen Rosemarie“ wurde sie zur Ikone, der deutsche Film war von ihr gefesselt - und scheiterte doch an ihr, unfähig, dieser Ausnahmeerscheinung gerecht zu werden: der Schauspielerin Nadja Tiller zum Achtzigsten.

          Alfred Weidenmanns „Buddenbrooks“ von 1959 sind verstaubt, durch Liselotte Pulvers krachlederne Tony mit einer haarsträubenden Fehlbesetzung belastet - und doch um Klassen besser als Breloers voyeuristische Version, die gerade unsere Kinos füllt. Weidenmanns Überlegenheit liegt nicht zuletzt an Nadja Tiller als Gerda Buddenbrook. Der erste stumme Auftritt genügt, und man ist gebannt von einer Frau, die jene von Thomas Mann beschriebene „elegante, fremdartige, fesselnde und rätselhafte Schönheit“ nicht spielt, sondern ist.

          Wie Thomas Buddenbrook von diesen „nahe beieinander liegenden braunen, von feinen bläulichen Schatten umlagerten Augen, dem schweren dunkelroten Haar, dem wundervoll edel geformten Mund“, war der deutsche Film gefesselt von Nadja Tiller - und scheiterte an ihr, unfähig, dieser Ausnahmeerscheinung gerecht zu werden. Tochter einer deutsch-österreichischen Schauspielerdynastie, ausgebildet am Reinhardtseminar, Debütantin am Theater in der Josefstadt, wurde sie ab 1949 in Filmschmonzetten besetzt. 1955, nach siebzehn Nichtigkeiten, beantwortete der Film „Die Barrings“ die Frage des direkt vorangegangenen Streifens „Wie werde ich Filmstar?“. Die Familiensaga von edlen Pferden und ebensolchen Gutsherren im verlorenen Ostpreußen rührte an die deutsche Seele und machte Nadja Tiller zum Star.

          Absagen für Antonioni, Fellini und Visconti

          Bei dieser Ehrenrettung des Klischees vom deutschen Geburts- und Gemütsadel behauptete sie sich neben Größen wie Lil Dagover, Ida Wüst, Paul Hartmann und Dieter Borsche. Nun hätte man erkennen können, dass sie über die Ausstrahlung einer Rita Hayworth oder Ava Gardner verfügte. Doch ihr Orson Welles wurde Rolf Thiele, ausbruchswillig und doch, wie seine „Barrings“ zeigten, befangen in Biederkeit.

          Redlich bemüht, Nadja Tillers Besonderheit gerecht zu werden, stilisierte Thiele sie 1957 in der Verfilmung von John Knittels „El Hakim“ neben O. W. Fischer zur Bilderbuch-Ägypterin. Das trug ihr immerhin zwei passable Rollen in Frankreich ein. 1959, als sie mit „Du Rififi chez les femmes“ an der Seite von Robert Hossein dort festen Fuß zu fassen schien, gab ihr Thiele die alles entscheidende Rolle in „Das Mädchen Rosemarie“. Zwei Jahre nach dem Mord an der Frankfurter Edelprostituierten Nitribitt erregte der Film die Deutschen so wie zuvor das Verbrechen. Die kassenfüllende Empörung gipfelte im vergeblichen Versuch des Auswärtigen Amts, die Aufführung auf der Biennale in Venedig zu verbieten. Der dortige Darstellerpreis ließ Antonioni Nadja Tiller „La notte“ anbieten, Fellini bot „La dolce vita“ und Visconti „Rocco und seine Brüder“. Sie sagte aus familiären Gründen ab. Spätere Auftritte an der Seite von Jean Marais, Belmondo, Rod Steiger, Yul Brynner und Michael Caine brachten international Achtung, aber nicht den Status, den eine der drei abgelehnten Rollen ihr eingetragen hätte.

          Bis der engstirnige „junge deutsche Film“ ihr die Rollen verweigerte

          Das Bild der blondgefärbten Nadja Tiller am Steuer eines Mercedes-Cabriolets ist, wie das der Nitribitt selbst, zur Ikone des Wirtschaftswunders aufgestiegen. Nadja Tiller wurde es, trotz Bundesfilmpreis für „Labyrinth“ (1960), zum Hindernis: „Ich musste mich mit Schmuck behängen und benehmen, wie sich - außer im deutschen Film - kein Vamp benimmt.“ Dementsprechendes dokumentiert insbesondere Rolf Thieles so ehrgeizige wie unsäglich biedere „Lulu“ (1962).

          Notorisch unterfordert, schritt Nadja Tiller als Personifizierung der verpassten künstlerischen Gelegenheiten des deutschen Films noch durch „Schloß Gripsholm“ (1963) und „Tonio Kröger“ (1964), bis dann der engstirnige „junge deutsche Film“ ihr die Rollen verweigerte. Sie wandte sich dem Theater und dem Fernsehen zu, spielte Weills „Lady in the dark“, war Serienstar, glänzte 1986 noch einmal als Waffenhändlerin in Blumenbergs „Sommer des Samurai“, fesselte 1997 an Hamburgs Kammerspielen als liebesgierige alternde Hollywood-Diva Crawford in „Nächte mit Joan“, endlich erkannt als Charakterspielerin - und, so wie an ihrem achtzigsten Geburtstag an diesem Montag, immer noch rätselhaft schön.

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