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„Nackt unter Wölfen“ neu verfilmt : Unsere Opfer, unsere Täter

  • -Aktualisiert am

Antreten zum Rapport: Sylvester Groth spielt den politischen Häftling Krämer auf dem Appellplatz des nachgestellten Konzentrationslagers Buchenwald Bild: Ufa

In dem Roman „Nackt unter Wölfen“ hat Bruno Apitz das KZ Buchenwald beschrieben. Das Buch war Pflichtlektüre in der DDR. Nun wagen sich MDR und Ufa an eine Verfilmung. Eine heikle Geschichte.

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          Der riesige, abschüssige Appellplatz liegt im kalten Frühjahrsmorgen, unten braune Holzbaracken, aus denen Rauchfähnchen wehen, dahinter Stacheldrahtzaun und dann Wald. Eine Stimme schneidet durch die Stille: „Mützen - ab!“ Ein Mann im ledernen SS-Mantel kommandiert in ein Standmikrofon. Ihm gegenüber steht, aufgereiht in zwei Quadraten, eine graublaue Masse aus Häftlingen, die gehorcht. „Mützen - auf!“ Es geschieht. Dann hebt die Lagerkapelle zu spielen an. Kurz darauf erschallt noch ein Befehl: „Cut!“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Es rühren sich 354 Komparsen - diese Zahl zumindest steht auf dem Produktionsblatt der Ufa Fiction für diesen Drehtag. Die Kapelle legt die Instrumente hin, die sie zuvor zum Playback bewegt hat. Die Kameraleute verlegen ihren Standort mitten hinein in die Häftlingsreihen. Männer mit Schläuchen wässern den Kies. Nach kurzer Zeit ruft der Regieassistent Andi Lang in sein Headset-Mikrofon: „And we go again. Jalla Jalla!“

          Herr Untersturmführer

          Die gespenstische Appellszene aus dem Konzentrationslager Buchenwald steht am Anfang des Romans „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, der 1958 erschien. Mancher kennt sie vielleicht auch schon bildlich aus Frank Beyers Defa-Verfilmung von 1962. Nun wird der Stoff noch einmal neu verfilmt von der Ufa und dem MDR. Aber das, was wie Buchenwald aussieht, ist die Gedenkstätte Vojna in der Tschechischen Republik, eine Stunde südlich von Prag gelegen. Auf dem Gelände dieses kommunistischen Arbeitslagers hat die Produktionsfirma das deutsche KZ nachgestellt, Baracken und auch das sogenannte „Kleine Lager“ aufgebaut, in dem die Häftlinge zu Tausenden in Pferdeställen eingepfercht waren.

          Es ist seltsam, in dieser Kulisse zu stehen und den Häftlingskomparsen aus nächster Nähe ins Gesicht zu sehen, die wenige Meter entfernt in Lumpen in der Kälte stehen. 354 Komparsen: Das ist noch wenig angesichts der wohl viertausend NVA-Soldaten, die Frank Beyer für seinen Film als Häftlingsdarsteller zur Verfügung hatte. Aber auch diese Zahl ist noch weit entfernt von der Wirklichkeit Buchenwalds 1945, die dann in einem anderen Teil der hier gedrehten Szene in knapper Militärsprache zum Ausdruck kommt.

          Eisern und kalt: Die zynischen Worte „Jedem das Seine“ sind noch heute am Lagertor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald zu lesen

          Der lagerälteste Häftling tritt vor zum Rapportführer der SS und meldet: „Herr Untersturmführer, Lager mit 47 571 Häftlingen vollzählig angetreten. Kommandiert 342. Krankenstand 3293. Abgänge 109.“ Das war die Situation im März 1945. Geschätzte 250 000 Menschen waren zwischen 1937 und 1945 in Buchenwald insgesamt interniert, mehr als 56 000 wurden ermordet, starben an Krankheit und Entkräftung oder auf den Evakuierungsmärschen.

          Für die kollektive Erinnerung

          Gegen das Schicksal dieser Masse setzte Bruno Apitz das Schicksal eines einzelnen Kindes. „Nackt unter Wölfen“ erzählt, wie der dreijährige polnische Jude Stefan, dessen Eltern in Auschwitz getötet wurden, in einem Koffer ins Lager Buchenwald geschmuggelt wird und die Häftlinge in einen Gewissenskonflikt stürzt: Sollen sie das Kind verstecken und sich selbst dadurch gefährden, noch kurz vor dem Eintreffen der vorrückenden amerikanischen Armee?

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