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„Nacht der Angst“ im ZDF : Ist die Hebamme an allem schuld?

  • -Aktualisiert am

Unter Anklage: Die Hebamme Emma (Nina Kunzendorf) Bild: ZDF und Hardy Spitz

Ein Kind kommt behindert zur Welt, die Geburtshelferin steht vor Gericht. Hat sie ihre Fähigkeiten überschätzt? Der ZDF-Film „Nacht der Angst“ ist ein klassisches Gerichtsdrama und zeigt das Risiko des Lebens.

          Als sie in der Klinik erschöpft im kalten Flurlicht steht, sieht man plötzlich all das beglaubigt, was vorher als romantisierende Ideologie abgetan werden konnte: eine Geburt in der Sterilität des OP-Traktes ist ein frauenfeindlicher Akt. Emma Hartl (Nina Kunzendorf) ist freiberufliche Hebamme. In den siebzehn Jahren, in denen sie im von ihr mitbegründeten Geburtshaus mehr als sechshundert Babys ins Leben geholfen hat, hat sie noch nie ein solches Geburtsdesaster erlebt wie dieses Mal. Ihre Kompetenz, das unterstreicht der Film „Nacht der Angst“, steht außer Frage. Emma ist erfahren und abwägend, alles andere als der Typ, der mit verklärten Augen von der „natürlichsten Sache der Welt“ spricht, die Frauen seit Jahrtausenden ohne Apparatemedizin kraft uralten Wissens und urweiblicher Kompetenz vermögen. Emma ist anders als die Kollegin, die im Schwangerenkurs mit sanfter Stimme das naturverbundene Rausatmen des Kindes lehrt. Fehlte nur, dass sie behauptet, Frauen mit der „richtigen“ Einstellung würden bei der Geburt den Spaß ihres Lebens haben.

          Nina Kunzendorf ist genau passend besetzt als Emma: nüchtern und doch gefühlvoll auf ihre eigene herbe Art. Fast unvorstellbar, dass diese Angeklagte, wie der Staatsanwalt (Johann von Bülow) und der Anwalt der Nebenkläger (Peter Lerchbaumer) behaupten, sich von missionarischem Eifer getrieben selbst überschätzt und so die Schwerstbehinderung eines Neugeborenen verursacht haben soll. Während der Staatsanwalt Fälle aufs Tapet bringt, in denen bei Geburten im Geburtshaus etwas fast schiefgegangen ist, emotionalisiert der Anwalt der Gegenseite die Zuhörer, spricht kalkuliert von Moral und von dem Gefühl, dass jemand eindeutig schuld gewesen sein muss an diesem Schicksal - und wird von der umsichtigen Richterin (Adriana Altaras) immer wieder, genau wie das Publikum, darauf hingewiesen, dass es in der Verhandlung allein um strafrechtlich zu bewertendes Fehlverhalten geht. Es geht um schwere Körperverletzung. Bei einer Verurteilung droht Emma nicht nur eine Freiheitsstrafe, sondern auch ein Berufsverbot und lebenslange Zahlungen für die Pflege des Zwillingsjungen, der durch Sauerstoffmangel einen Gehirnschaden erlitten hat.

          Eine umfassende Auffächerung

          Gabriela Zerhau (Buch und Regie) hat mit „Nacht der Angst“ einen klassischen Gerichtsfilm entworfen, der in chronologischer Abfolge mit längeren Rückblenden ein Thema verhandelt, das den Zuschauer auffordert, seinen eigenen Standpunkt zu finden. Der Fall der Hebamme Emma ist zwar fiktiv, könnte sich so oder so ähnlich aber durchaus ereignet haben. Seit 2014 sind die Beiträge der beruflichen Haftpflichtversicherung für freiberuflich arbeitende Hebammen exorbitant gestiegen. Viele haben seitdem ihren Beruf aufgegeben, haben ironischerweise auf Sterbebegleitung umgeschult oder beschränken sich auf risikoloses Schwangerschaftsturnen.

          Sesha Hauff (Friederike Becht) ist die zweite Hauptfigur. Schwanger mit Zwillingen, hat sie seit der Geburt ihrer Tochter eine immer engere Bindung zu Emma gesucht. Ihr Mann Peter (Marcus Mittermeier) und die Schwiegermutter (Eleonore Weisgerber) sehen das Verhältnis beider mit Argwohn. Als bei Sesha nachts die Fruchtblase platzt, stellt sie Emma, die bisher stets abgelehnt hat, Zwillinge zu entbinden, vor vollendete Tatsachen. Im Geburtshaus, das zeigen Szenen mit wilden Schnitten und einem sprunghaft zusammengezogenem Zeitablauf voller Dramatik (Kamera: Carl Friedrich Koschnick, Schnitt: Anke Berthold), geht es von jetzt auf gleich um Leben und Tod. Notarztwagen, Klinik, Kaiserschnitt. Ein Kind wird gesund geboren, das andere schwerstbehindert. Vor Gericht treffen die Parteien wieder aufeinander.

          Hier erlaubt sich das Buch einen dramaturgischen Kniff. Draußen vor der Tür sammeln sich Pro-Emma-Unterstützerinnen mit „Hexenjagd“-Rufen, im Gerichtssaal stellt sich heraus, dass die Schwiegermutter, eifersüchtig auf den Einfluss der Hebamme auf die junge Familie, die Verurteilung der Geburtshelferin aus ganz persönlichen Motiven betreibt. Von dieser Individualisierung des Einzelfalls abgesehen, fächert „Nacht der Angst“ das Thema umfassend auf. Dass jedes Leben nicht zuletzt auch ein fundamentales Lebensrisiko birgt, besonders im Augenblick der Geburt, macht der Film eindrucksvoll deutlich.

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