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Nachspiel zum Spektakel von Baku : Wie halten wir’s mit der Demokratie?

Borat lässt grüßen: Der Norweger Amir Asgarnehjad blödelt als iranischer Bärtiger vor der Kristallhalle in Baku herum. Aus dem Ulk wird später Ernst Bild: NRK

Beim „Eurovision Song Contest“ in Baku wurde ein Journalist aus Norwegen schwer misshandelt. Der Übergriff zwingt jetzt die Organisatoren des Wettbewerbs, über die Statuten neu nachzudenken.

          Die Idee des Jugendsenders P3 vom Norwegischen Reichsrundfunk (NRK) klingt noch immer eher harmlos. Ein Journalist stellt Passanten auf der Straße provozierende Fragen, die sich auch über die politische Situation im Land lustig machen. In Norwegen nahm das Publikum die Filmchen von Amir Asgarnehjad als das, was sie waren: als Scherze im Stile eines Borat. Doch als der Spaß in dem Land, in dem Asgarnehjad am Rande des diesjährigen „Eurovision Song Contest“ (ESC) seine Sketche inszenierte, anfing, für Empörung zu sorgen, stoppte NRK vorzeitig die Serie und rief den Journalisten und sein Team noch vor dem Finale des ESC am 26. Mai zurück. Was in Baku dann aber noch passierte, beschäftigte in dieser Woche sogar den Europarat in Straßburg.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Amir Asgarnehjad, ein Norweger mit iranischen Wurzeln, wurde am Flughafen in Baku mehr als eine Stunde lang misshandelt. Wie der Kommunikationsdirektor von NRK, Tommy Hansen, berichtet, führten bewaffnete Männer den Journalisten ab. „Sie verhörten ihn, bedrohten ihn mit ihren Waffen, zwangen ihn, sich bis auf die Unterhose auszuziehen“, erzählt Hansen. Rauschgift aber hatte Asgarnehjad, wie sie ihm vorzuwerfen versuchten, nicht dabei. Zuletzt musste er auf die iranische Fahne spucken und treten. Die Szenen filmten die Peiniger, um ihn später damit erpressen zu können. Am Ende hätten sie ihm die Wahl gelassen: Gefängnis in Aserbaidschan oder Rückkehr nach Norwegen unter der Voraussetzung, nie über die Geschehnisse zu sprechen. Sonst würden sie Agenten schicken, um ihn zu töten.

          Missachtung von Menschenrechten

          Amir Asgarnehjad kehrte heim und informierte umgehend seinen Sender, der allerdings zum Teil schon informiert war. Die Kollegen in Baku hatten bereits die norwegische Botschaft informiert. NRK spielte am Tag des ESC-Finals mit dem Gedanken, aus dem Wettbewerb auszusteigen. „Doch wir entschieden uns dagegen, weil der ausrichtende aserbaidschanische Sender Ictimai TV und die Europäische Rundfunkunion mit dem Vorfall nichts zu tun hatten“, sagt Hansen. Gastgeber Ictimai TV entschuldigte sich, die Rundfunkunion (EBU) zeigte sich äußerst besorgt über die Geschehnisse, Aserbaidschan bestreitet sie.

          Im Europarat, in dem die Kaukasus-Republik seit 2001 Mitglied ist, wies die Berichterstatterin Norwegens, Lise Christoffersen, ausdrücklich auf die Garantien für Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit hin, die Baku für den ESC abgegeben hatte. Daran habe sich das Land nicht gehalten. Die Schikanen des Journalisten seien eine Missachtung von Menschenrechten. Auch einen Monat nach dem Übergriff habe Aserbaidschan weder zu den Misshandlungen Stellung bezogen noch sich entschuldigt.

          Fragen zu Sexualität und den politischen Gefangenen

          Amir Asgarnehjad thematisierte in seinen Sketchen auch bewusst die politische Situation zwischen Iran und Aserbaidschan. Als iranischer Bärtiger stellte er unter anderem Fragen zu Sexualität, zu Menschenrechten und zu den politischen Gefangenen im Reich des autoritär regierenden Ilham Alijew. Und Asgarnehjad ging mit seinen Provokationen noch weiter: In seinem letzten Sketch spielte er mit der aserbaidschanischen Fahne, was seine Peiniger veranlasste, ihn auf die Fahne seiner vermeintlichen Heimat, Iran, spucken und treten zu lassen, weil er das ja offenbar gern tue.

          Besonders der Versuch, Asgarnehjad mit kompromittierenden Bildern zu erpressen, erinnert an den Fall der Journalistin Khadija Ismayilowa. Die Aserbaidschanerin arbeitet für Radio Free Europe/Radio Liberty und wurde Ende Mai für ihren Mut mit dem Gerd-Bucerius-Förderpreis „Freie Presse Osteuropas“ ausgezeichnet. Die investigativ arbeitende Reporterin hatte unter anderem aufgedeckt, wie Banken in ihrem Land illegal privatisiert worden waren und wie sich Mitglieder der Präsidentenfamilie Alijew daran bereichert hatten. Mit heimlich von ihr in ihrer Wohnung gefilmten Sexaufnahmen sollte Ismayilowa zum Schweigen gebracht werden. Sie erhielt Drohbriefe (“Benimm Dich, Du Nutte, oder wir verleumden Dich“), doch sie ließ sich von ihrer Arbeit selbst dann nicht abhalten, als die intimen Filme von ihr im Internet auftauchten.

          Die Übergriffe auf Amir Asgarnehjad haben gleich mehrere ESC-Teilnehmer zum Anlass genommen, über eine mögliche Statutenänderung der für den Liederwettbewerb zuständigen Rundfunkunion nachzudenken. Die EBU und ihre Mitglieder haben sich im Nachgang der Ereignisse auf sechs Grundwerte geeinigt - Allgemeinheit, Unabhängigkeit, Exzellenz, Vielfalt, Zuverlässigkeit, Innovation -, mit denen man „für Demokratie“ arbeiten wolle. Auch der NRK möchte keine Rundfunkanstalt, selbst wenn sie in ihrem Land nicht völlig frei und unabhängig berichten kann, vom Song Contest ausschließen. „Uns ist es lieber, wir sitzen alle zusammen und können vermitteln, was wir denken“, sagt Hansen. Bei Ictimai TV habe man sehen können, dass der aserbaidschanische Sender guten Willens sei und auf Europa zugehen wolle.

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